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Interview

Der Nati-Delegierte Claudio Sulser zieht vor seinem Rücktritt Bilanz: «Ich würde ein paar Dinge anders machen»

Claudio Sulser hört Ende Juni nach drei Jahren als Delegierter des Nationalteams und damit als Chef von Nationalcoach Vladimir Petkovic auf. Der 63-jährige Funktionär zieht vor dem Schweizer Spiel um Platz drei (Sonntag, 15.00 Uhr) Bilanz.
Christian Brägger, Porto
Ein Leben vor und ein Leben nach der Nati: Claudio Sulser tritt Ende Monat ab. (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone, Togliatti, 23. Juni 2018)

Ein Leben vor und ein Leben nach der Nati: Claudio Sulser tritt Ende Monat ab. (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone, Togliatti, 23. Juni 2018)

Müssen oder wollen Sie als Nationalmannschaftsdelegierter aufhören?

Claudio Sulser: Ich will aufhören. Das Amt des Nationalmannschaftsdelegierten ist ein 100-Prozent-Job. Und dieses Volumen will und kann ich nicht leisten. Mein Hauptberuf ist Anwalt, und das möchte ich auch bleiben.

Ist es nicht so, dass Bernhard Heusler und Georg Heitz in ihrem Bericht über die Nationalmannschaft gesagt haben, Sie müssen weg?

Ich habe selbst lange mit beiden geredet und ihnen gesagt, dass man diese Arbeit nicht im Nebenamt machen könne. Es stehen tagtäglich Aufgaben an, aber wenn man prioritär einen anderen Beruf ausübt, kommt man immer wieder in Konflikt mit seinen verschiedenen Aufgaben.

Der Delegierte in dieser Form ist nicht mehr zeitgemäss, deshalb kommt nun der Teammanager.

Als Delegierter sind Sie der Chef von Vladimir Petkovic, handeln die Prämien aus oder verantworten wie hier in Portugal die Kampagne. Bis jetzt ging das alles im Nebenamt.

Es hat sich viel verändert. Es ist weitaus mehr Arbeit geworden, auch aufgrund der Professionalisierung im Schweizer Verband. Man schaue da nur auf die anderen Länder. Als ich begonnen hatte, waren es andere Voraussetzungen, zudem sah ich meine Position mehr als politische, institutionelle Funktion. Ich war ja im Vorstand der Swiss Football League, die mich als Delegierten vorschlug.

Im Moment gibt es Meinungsverschiedenheiten im Verband zwischen der Amateur-Liga und der 1. Liga einerseits und der Swiss Football League anderseits. Es geht darum, ob der Teammanager nur für die A- und U21-Nationalmannschaft oder bis hin für alle Nachwuchsauswahlen verantwortlich ist.

Es gibt verschiedene Sichtweisen, ja. Unser Verband ist sehr kompliziert, wenn man etwas ändern will. Wenn sich eine Sektion dagegenstellt, gibt es die Änderung nicht. Priorität hat so oder so das A-Team. Die Philosophie, bis nach unten in den Nachwuchs zu wirken, finde ich positiv.

Was passiert, wenn bis Ende des Monats kein Teammanager da ist? Bleiben Sie interimistisch im Amt?

Fragen Sie mich nochmals, falls es tatsächlich so weit kommen sollte. Ich habe schon lange kundgetan, dass ich aufhören werde. Aber ich stehe noch zur Verfügung, bis der Teammanager gefunden und eingesetzt ist.

Wer ist Ihr Favorit für den Posten?

Es kursieren Namen. Aber es liegt nicht an mir, darüber zu spekulieren. Man wird nach der Bestimmung des Teammanagers sofort informieren.

Was sagen Sie zu Alain Sutter, Peter Knäbel, Martin Andermatt?

Die Namen haben Sie genannt. Wie gesagt: Es liegt nicht an mir, darüber zu spekulieren.

Die Schweiz hat in der Nations League gegen Portugal verloren. Wie ordnen Sie den Auftritt ein?

Gegenüber der Nations League war ich anfänglich sehr skeptisch, auch von der Gruppengrösse mit drei Ländern. Doch ich habe meine Meinung revidiert. Sie ist besser, als ich gedacht habe.

Die Schweiz hat gut gespielt in der Nations League, wir verfügen über Substanz, daran habe ich auch nie gezweifelt.

Der Auftritt gegen Portugal war gut, aber wir haben trotzdem verloren. Es fehlte wenig. Aber dieses Wenige spiegelt sich eben im Resultat. Ich war gegen Portugal nach dem Ausgleich überzeugt, dass wir das schaffen. Und dann kam Cristiano Ronaldo.

Sie sind nun drei Jahre im Amt, haben eine Endrunde an der WM erlebt. Wie fällt die Bilanz aus?

Positiv aus sportlicher Sicht. Wir hatten viele imponierende Siege in der WM-Qualifikation. Auch die Qualifikation für das Final Four hier in Portugal ist top, das wurde meiner Meinung nach zu wenig honoriert. So gesehen bin ich zufrieden, allerdings fehlt das i-Tüpfelchen.

Russland hallte lange nach, vielleicht tut es das noch immer.

Ich würde heute im Nachhinein ein paar Dinge anders machen. Es gab gewisse Konstellationen, die konfus waren und in denen wir falsch reagierten. Ich habe Fehler gemacht, die ich nicht mehr rückgängig machen kann. Dazu muss ich stehen. Wir haben viel gelernt, Massnahmen getroffen, Prozesse angepasst.

Die Folge war der Heusler-Bericht.

Schon vorher war klar, dass die Rollen und Strukturen angepasst werden müssen. Vor allem wussten wir, dass die Position des Delegierten so nicht mehr zeitgemäss war und ist. Die Professionalisierung auf ein Vollzeitmandat und die Anpassung des Auftrags sind nun die richtigen Schritte.

Es gab auch negative Stimmen über Sie. Was hätten Sie anders machen müssen beim Doppeladler-Gruss? Oder direkt nach dem WM-Aus?

Man hätte schneller und koordinierter reagieren müssen. Während unseres Aufenthaltes in Russland hatten wir die Dynamik, die der Doppeladler-Gruss ausgelöst hatte, unterschätzt. Auch verpassten wir es danach, uns genügend abzusprechen und zu koordinieren.

Tessiner, Anwalt, Funktionär

Claudio Sulser arbeitete nach der Fussballkarriere als Anwalt und wurde 2010 Funktionär bei der Fifa, unter anderem präsidierte er die Ethik- und die Disziplinarkommission des Weltverbands. Nach der EM 2016 wurde er der Delegierte der Schweizer Nationalmannschaft. Der 63-Jährige wohnt in Lugano, ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Der FC Lugano liegt dem gebürtigen Ostschweizer mit Tessinerblut am Herzen, und auch die Grasshoppers, für die er früher als Stürmer mehr als neun Jahre lang erfolgreich auf Torejagd ging. Sulser wurde mit den Zürchern viermal Schweizer Meister und einmal Cupsieger, zudem war er in der Saison 1978/79 mit elf Treffern Torschützenkönig im Meistercup. Für die Nationalmannschaft traf der 63-Jährige in 50 Auftritten 13-mal.

Würden Sie heute den Coach zwingen, nach der WM früher zu reden?

Vladimir Petkovic wollte dabei sein. Aufgrund einer internen Informationspanne kam es dann allerdings nicht dazu. Das darf nicht passieren. Wir haben unseren Teil gelernt und alle Massnahmen eingeleitet, dass solche Situationen nicht mehr passieren.

Als Anwalt müssten Sie eigentlich krisenerprobt sein.

Nun ja, manchmal erwischen einen gewisse Ereignisse auf dem linken Fuss. Sie haben recht, als Anwalt bin ich es geübt, mit besonderen Situationen umzugehen. Doch in diesem Falle wurden wir von der in der Öffentlichkeit geführten Debatte regelrecht überrollt. Intern war die Stimmung viel besser als gemeinhin angenommen. Das Team und der Trainer und der Staff hielten zusammen. Und es bleibt zu sagen, insgesamt dürfen wir stolz sein auf die Resultate, die die Mannschaft in der letzten Zeit erreicht hat. Die kleine Schweiz gehört zu den zehn besten Fussballnationen der Welt.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Vladimir Petkovic beschreiben?

Ich habe eine gute Beziehung zu ihm. Wir konnten uns auch über unterschiedliche Standpunkte immer gut austauschen. Ich schätze seine Trainerqualitäten. Er ist ein absoluter Profi, der nie mit dem Erreichten zufrieden ist, in der Niederlage nie die Schuld anderen zuschiebt oder nach Entschuldigungen sucht.

Er wird teilweise ziemlich kritisiert. Könnten Sie ihn besser schützen?

Auch heftige Kritik gehört zu den Risiken dieses Jobs. Die Fakten sprechen aber für Petkovic: Noch nie war ein Trainer in der Geschichte der Nationalmannschaft so erfolgreich wie er.

Das Nationalteam ist multikulturell. Wieso haben Teile des Schweizer Volks damit manchmal Mühe?

Die Nationalmannschaft profitiert von ihrer multikulturellen Prägung. Ich erlebe es immer wieder ganz konkret, wie die Schweizerinnen und Schweizer stolz sind auf ihre Nati. Fussball leistet viel zur Integration unserer Migranten in diesem Land. Das ist wesentlich.

Was machen Sie in Zukunft?

Ich hatte ein Leben vor dem Delegiertendasein, und ich werde auch danach eines haben. Für mich war es eine intensive Zeit und eine gute Lebensschulung.

Kleiner Final: Schweizer wollen perfekt sein

Zu gerne wären sie endlich wieder einmal in einem Final gestanden, darauf warten sie an einem offiziellen Turnier schon seit dem WM-Titel 1966. Die Engländer um Trainer Gareth Southgate hatten am 1:3 nach Verlängerung gegen Holland ganz schön zu beissen, wenigstens am Sonntag gegen die Schweiz wollen sie im Estádio Dom Afonso Henriques in Guimarães ihrem Anhang etwas zurückgeben.

Trainer Southgate ist ein stolzer Mann, ein Gentleman, eloquent, eine Erscheinung. Und er gab an der Pressekonferenz fürs Spiel um Platz 3 am Final Four der Nations League die Richtung vor. «Für englische Spieler gibt es nie ein Freundschaftsspiel. Wenn du das Leibchen trägst, ist die Wichtigkeit für dich, das Land und die Fans immer gross.»

Es ist ein bisschen die Sorge, dass der kleine Final zum Test verkommt, weswegen auch Nationaltrainer Vladimir Petkovic seit der Niederlage gegen den Gastgeber Fragen in diese Richtung beantworten musste, auch am Samstag: «Es ist kein Spiel, in dem man etwas probieren kann. Wenn wir gut sind, reicht es nicht. Nein, wir müssen perfekt sein.»

Während die Engländer angeschlagene Spieler haben und die Profis von Liverpool und Tottenham kaum nochmals zuschauen, stellte auch Petkovic den einen oder anderen Wechsel in Aussicht. Mit Sicherheit wird Yann Sommer im Tor stehen, daran liess der Coach keinen Zweifel. Ansonsten liess er sich nicht in die Karten blicken, einzig das Debüt von Noah Okafor könnte möglich sein. «Wenn ich denke, dass er uns weiterbringen kann, werde ich ihn einsetzen», sagte Petkovic.

Stürmer Haris Seferovic sieht zwar die Schweizer auf Augenhöhe, doch scheinen die Engländer im Vorteil und leicht zu favorisieren sein. Wegen der letzten Direktbegegnung, die sie im vergangenen Herbst in Leicester 1:0 gewannen, und weil der letzte Schweizer Sieg doch schon 38 Jahre zurückliegt – eine lange Zeit. Selbstredend geht es nicht mehr um eine glänzende Trophäe, doch können genau die Schweizer in und von einer solchen Atmosphäre letztlich nur für die Zukunft profitieren. Man befinde sich immer in einem Prozess, sagte Petkovic. Die Schweizer wollen im letzten Saisonspiel keinen Stillstand.

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