Naomi Osaka spielt bei den US Open im Namen der Toten und erinnert damit an die Opfer von Polizeigewalt und Rassismus

Die Tennisspielerin Naomi Osaka nutzt die Bühne der US Open, um an die Opfer von Polizeigewalt und Rassismus in den USA zu erinnern. Sie tut damit etwas, das Sportler heute kaum mehr tun: Haltung beweisen, und sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen.

Simon Häring
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Naomi Osaka erinnert mit Masken an die Opfer von Polizeigewalt: Breonna Taylor, Elijah McClain, Ahmaud Arbery, Trayvon Martin und George Floyd.

Naomi Osaka erinnert mit Masken an die Opfer von Polizeigewalt: Breonna Taylor, Elijah McClain, Ahmaud Arbery, Trayvon Martin und George Floyd.

Montage CH Media

Irgendwann, spät in der New Yorker Nacht, als sie in ihrem Zimmer war, und resümieren konnte, was der Tag gebracht hatte, da konnte und wollte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wenige Stunden zuvor hatte der TV-Sender «ESPN» der Tennisspielerin Naomi Osaka eine Videobotschaft vorgespielt, in der sich die Mutter von Trayvon Martin und der Vater von Ahmaud Arbery bei ihr bedankten. Sie sind die Eltern zweier Opfer von Polizeigewalt und Rassisten in den USA, beide Afroamerikaner, beide starben in diesem Jahr. Trayvor Martin war 17 Jahre alt, als er von einem Bürgerwehrler erschossen wurde. Ahmaud Arbery war 25 Jahre alt, als er beim Joggen von drei weissen Rassisten kaltblütig erschossen wurde.

Naomi Osaka ist zu ihrem Sprachrohr geworden. Spätestens, seit sie vor einer Woche nicht zu ihrem Halbfinal beim von Cincinnati nach New York verlegten WTA-Turnier nicht angetreten war, und die Organisatoren damit dazu gezwungen hatte, den Spielbetrieb ruhen zu lassen. Jacob Blake, ein 29-jähriger Familienvater und Afroamerikaner hatte versucht, bei einem Streit zu vermitteln, wurde dabei von Polizisten in den Rücken geschossen und so schwer verletzt, dass er gelähmt bleiben wird. Die 22-jährige Osaka sagte, sie habe das Gefühl, dass es wichtigere Themen gebe, die sofortige Aufmerksamkeit brauche, anstatt sie Tennis spielen zu sehen. Denn: «Noch bevor ich eine Athletin bin, bin ich eine schwarze Frau.»

Rassismus zieht sich auch durch Osakas Leben

Naomi Osaka hat bei den US Open 2018 als erst 20-Jährige ihren ersten grossen Titel gewonnen. In ihren ersten öffentlichen Auftritten zeigte sie sich damals als äusserst zurückhaltend, fast schüchtern, sprach mit leiser Stimme. Die Aufmerksamkeit schien ihr nicht zu behagen, ja sogar peinlich zu sein, dass sie Serena Williams geschlagen, und damit verhindert hatte, dass die Amerikanerin den Grand-Slam-Rekord der Australierin Margaret Court einstellte. Seit sie erkannt hat, welche Chancen ihr Bekanntheit und Popularität eröffnen, hat Osaka ihre Zurückhaltung abgelegt. Anfang Mai nahm sie in Minneapolis an einer Demonstration gegen die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd teil. Für Osaka war es wie eine Neugeburt.

Denn Rassismus, in ihrem Fall sogar Intersektionalität, ist der rote Faden, der sich auch durch ihr Leben zieht. Osaka kam in Japan zur Welt, lebt aber seit ihrem dritten Lebensjahr in New York. Der Vater ist aus Haiti, die Mutter Japanerin. Sie waren in die USA emigriert, nachdem die Familie mit der Mutter gebrochen hatte, weil diese mit einem Schwarzen liiert ist. Bei den US Open spielt Osaka nicht nur um Siege und Preisgeld, sondern auch im Namen der Opfer von Polizeigewalt. Vor und nach ihren Spielen trägt sie eine Maske, die den Namenszug eines Opfers trägt: Breonna Taylor, Elijah McClain, Ahmaud Arbery und zuletzt George Floyd. Jeder Auftritt ist immer auch eine Erinnerung an etwas, das nicht vergessen werden soll.

Naomi Osaka steht bei den US Open nicht nur deshalb im Fokus, weil sie in den Halbfinals steht, sondern auch, weil jedes Spiel auch ein Statement ist.

Naomi Osaka steht bei den US Open nicht nur deshalb im Fokus, weil sie in den Halbfinals steht, sondern auch, weil jedes Spiel auch ein Statement ist.

Jason Szenes / EPA

Siegen als Erinnerung an die Toten

Osaka sagte vor den US Open: «Ich fühle mich deswegen nicht mutig. Ich tue, was ich glaube, tun zu müssen. Ich werde immer wieder gefragt, ob ich mich stärker unter Druck fühle, seit ich begonnen habe, zu sagen, was ich denke. Aber so ist es nicht. Falls es Menschen gibt, die mich deswegen weniger mögen, dann ist es halt so.» Osaka tut, was Sportler nur selten tun: sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen. Sie sagt: «Ich hasse es, wenn Menschen sagen, Sportler sollten sich nur unterhalten und sich nicht in die Politik einmischen.» Erstens gehe es um Menschenrechte, und zweitens, mit Verweis auf die Verwerfungen ihrer eigenen Biografie: «Wer hat mehr Recht, sich zu äussern als ich?»

Sieben Masken mit sieben verschiedenen Namen hat Osaka vorbereitet. Alles Opfer von Polizeigewalt und Rassismus. Sie hoffe, bei den US Open den Final zu erreichen, um sie alle zeigen zu können. Sie sagt: «Das Beste, was ich erreichen kann, ist, dass die Menschen beginnen, die Namen der Opfer zu googeln und ihre Geschichten kennenzulernen. Der Rassismus ist nicht ein amerikanisches Problem, es gibt ihn überall auf der Welt, täglich werden Menschen Opfer von ihm.» Osaka ist auf gutem Weg, dieses Ziel zu erreichen. Mindestens eine weitere Maske mit dem Namen eines Opfers wird sie tragen können. Am Freitag trifft sie in den Halbfinals der US Open auf die Amerikanerin Jennifer Brady.

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