NACHWUCHSHOFFNUNG: Auf der Überholspur

Die Thurgauerin Yasmin Giger ist erst 17 Jahre alt, dennoch startet sie ab morgen an der Hallen-EM in Belgrad über 400 Meter. Das hat sie auch ihrem grossen Bruder zu verdanken.

Raya Badraun
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Ein ungeheurer Wille und die fröhliche Art zeichnen Yasmin Giger aus. (Bild: Donato Caspari)

Ein ungeheurer Wille und die fröhliche Art zeichnen Yasmin Giger aus. (Bild: Donato Caspari)

Raya Badraun

Yasmin Giger, rosaroter Pullover, lackierte Fingernägel, zieht ihr Handy aus der Sporttasche. Die 17-jährige Thurgauerin sitzt im Athletik Zentrum in St. Gallen auf der Tribüne, bald beginnt das Training. Doch vorher möchte sie noch einen kurzen Film zeigen. Es geht um den Dorfsprint im appenzellischen Schönengrund. Mit ihm hat vor bald acht Jahren alles begonnen. Giger hält das Handy in der Hand und drückt auf die Play-Taste.

Ein kleines Mädchen, damals war Giger gerade einmal neun Jahre alt, rennt auf die Kamera zu. Auf der Brust prangt eine riesige, rote Startnummer: 53. Giger war die letzte, die antreten durfte, und hatte wegen der ungeraden Teilnehmerzahl keine Gegnerin. Im ersten Moment war sie enttäuscht. Doch dann sprang ihr älterer Bruder ein, Zaafir. Während des Rennens lief er neben seiner Schwester her, obwohl der junge Fussballer damals noch viel schneller war als sie. «Er gab mir so den Glauben, ihn doch noch einholen zu können», sagt Giger. An diesem Tag qualifizierte sie sich für den Kantonalfinal und dort für den Schweizer Final. «Und plötzlich stand ich auf dem Podest», sagt sie und lacht. Das tut sie noch oft an diesem Nachmittag. Es zeugt jedoch nicht nur von ihrer fröhlichen und offenen Art. Manchmal lacht sie wohl auch aus Verwunderung darüber, was sie seit dem Rennen in Schönengrund alles geschafft hat.

Als Neuling zum U18-Rekord

Als ungeschliffener Diamant wurde Yasmin Giger früher oft bezeichnet. In den vergangenen Jahren begann sie immer mehr zu funkeln. 2015 holte sie an den Europäischen Jugendspielen die Silbermedaille über 400 Meter. Und an der U18-EM im vergangenen Sommer wurde sie Zweite über die Langhürden. Damals stellte sie zudem einen nationalen U18-Rekord auf. Dabei war sie noch Neuling in dieser Disziplin. Erst im April vor einem Jahr sprang sie das erste Mal über die Hürden. Doch von Beginn weg fand sie den Rhythmus. «Angeborenes Talent», sagt Trainer Werner Dietrich, der sie seit der Oberstufenzeit betreut. Dazu kommen ein ungeheurer Wille und eine Siegermentalität. Auch ihr Bruder hat einen Anteil am Erfolg. Er kennt sie am besten, ist bis heute Förderer und Motivator. Oft sitzt er auf der Tribüne und schaut ihr beim Wettkampf zu. Und vor den Rennen, da findet er stets die richtigen Worte. So war es auch an der Schweizer Hallenmeisterschaft vor zwei Wochen in Magglingen. Vor dem 400-m-Final sagte Zaafir Giger zu seiner Schwester, sie solle kämpfen bis zum Schluss. Kurz vor dem Ziel kamen ihr diese Worte wieder in den Sinn.

Yasmin Giger war da noch an dritter Stelle platziert. Während sich die Gegnerinnen an der Spitze einen kräftezehrenden Zweikampf lieferten, schonte sie sich. Auf den letzten Metern drehte sie dann plötzlich auf. «Die Worte meines Bruders gaben mir Kraft», sagt sie. So überholte Giger auf den letzten Metern noch zwei Konkurrentinnen. Eine von ihnen war Selina Büchel, die Hallen-Europameisterin über 800 Meter. «Damit hat Yasmin Rennintelligenz bewiesen», sagt Dietrich. «Obwohl ihr die Erfahrung noch fehlt, hat sie bereits einen guten Instinkt.»

In Magglingen holte sie nicht nur den nationalen Titel, sie unterbot auch die Limite für die Hallen-EM in Belgrad, die morgen beginnt. Damit hatten weder Trainer noch Athletin gerechnet. Und noch etwas überraschte: Während Büchel beim Zieleinlauf mit den Armen ruderte, wirkte Giger locker. «Sie läuft vorsichtig, geht nie ganz ans Limit», sagt Dietrich. Trotzdem hat sie ihre persönliche Bestzeit gleich um eine Sekunde gesenkt.

«Es kann noch so viel passieren»

Dietrich sieht seine Athletin dereinst wie Kariem Hussein oder Büchel an internationalen Grossanlässen. «Es müsste sehr dumm laufen, damit sie es nicht schafft», sagt er. Giger hingegen spricht nicht gerne von der Zukunft. Sie ist keine, die bereits in der Primarschule von den Olympischen Spielen geträumt hat. Sie schaut von Wettkampf zu Wettkampf. «Es kann noch so viel passieren», sagt sie und denkt dabei auch an Verletzungen. Sie selbst hatte noch keine gravierenden, ihr älterer Bruder jedoch schon. Der Fussballer des SC Brühl erholt sich momentan von einem Kreuzbandriss. Auch deshalb wollte Yasmin Giger unbedingt an die Hallen-EM nach Belgrad. «Ich weiss schliesslich nicht, ob ich später nochmals die Chance dazu habe», sagt sie und denkt nicht nur an Verletzungen. Noch heute unterschätzt sie sich hin und wieder. Da haben auch die Erfolge nichts daran geändert. «Das ist nicht nur schlecht. Es ist auch eine Stärke», sagt Giger. «So kann ich ohne Druck starten.» Auch an der Hallen-EM wird ihr das wohl Flügel verleihen.