Kolumne

Nachspielzeit-Blog: «Das ist Hetze!» – «Aber, es wird übertrieben» - Emotionale Debatte zu den Hassplakaten gegen Dietmar Hopp

Das Fussballspielen rückte an diesem Wochenende in den Hintergrund. Während hierzulande alle Spiele ausfielen, diskutiert Fussball-Deutschland über Hassplakate. Genau wie wir im Nachspielzeit-Blog. 

Raphael Gutzwiller und Markus Brütsch
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Stehen zusammen: Dietmar Hopp und Karl-Heinz Rummenigge.

Stehen zusammen: Dietmar Hopp und Karl-Heinz Rummenigge. 

Revierfoto / DPA

Gutzwiller: An diesem Wochenende wurde ja gefühlt viel mehr diskutiert als Fussball gespielt. In der Schweiz und Italien fielen Spiele aus, in Deutschland diskutieren alle über die Hassplakate gegen Dietmar Hopp. Auch wenn ich die Plakate nicht nur cool finde, ich finde es wurde zu überzogen reagiert. 

Brütsch: Diese Hassplakate gegen Hopp gibt es seit Jahren. Und immer dann, wenn sie wieder einmal gezeigt werden, regen sich alle auf, fordern und versprechen Massnahmen und dann geschieht - nichts. Man muss unterscheiden: Banner, die sich zum Beispiel gegen die unbeliebten Montagsspiele richten und deren Absetzung fordern, sind schon okay. Das ist Meinungsfreiheit. Aber einen verdienten Mäzen wie Hopp ins Fadenkreuz zu stellen und ihn quasi zum Abschuss freizugeben, das geht nicht. Das ist Hetze. Da muss die Staatsanwaltschaft tätig werden.

Gutzwiller: Ihn ins Fadenkreuz zu stellen, das geht natürlich nicht. Da gebe ich dir recht. Doch Timo Werner oder Alexander Nübel werden jedes Wochenende als Sohn einer Prostituierten betitelt und dort gab es noch nie eine Unterbrechung. Und als Jordan Torunarigha rassistisch beledigt wurde, gab es nur eine Stadiondurchsage. Derweil gab es etwa beim Spiel zwischen Union Berlin und Wolfsburg die erste Unterbrechung für dieses Plakat: «2017 Kollektiv-Strafen abgeschafft, nun Hopp hofiert und zwei Schritte zurück gemacht. Fick dich DFB!» Für mich ist das nicht verhältnismässig. 

Brütsch: Die Beschimpfungen von Werner und Nübel sind hässlich. Das gab es aber schon vor 40 Jahren und hochbezahlte Profis müssen diese Dummheiten aushalten. Wenn hier eingegriffen und das Spiel unterbrochen würde, gäbe es bald kein Spiel mehr. Bei Rassismus oder eben Drohungen gegen Leib und Leben ist die Situation anders. Hier muss etwas passieren. Ich denke aber nicht, dass Spielabbrüche der Weisheit letzter Schluss sind. Schalke hat ja jetzt angekündigt, in solchen Fällen den Platz zu verlassen. Auch Freiburgs Trainer Christian Streich ist dafür. Dann aber würde es möglich, dass Fans einer Mannschaft, die kurz vor Schluss im Rückstand liegt, ein Hassplakat hochhalten, um den Spielabbruch zu erzwingen. Nein, die Täter müssen ausfindig gemacht werden. Es müssen halt noch mehr Kameras vor den Blöcken der Ultras aufgestellt werden. Wenn man richtig will, ist es möglich, einen grossen Teil der Fehlbaren zu ermitteln und mit lebenslangen Stadionverboten zu belegen und auch sonst zivilrechtlich zu bestrafen. Das Problem: Viele Klubs und deren Verantwortliche haben Schiss vor den Ultras. Sie kuschen und schauen weg oder paktieren gar mit ihnen. Das muss sich ändern. Aber nicht nur in der Ansage, sondern in der Umsetzung. Klubs und Polizei müssen eng zusammenarbeiten.

Gutzwiller: Diese Zusammenarbeit ist nötig, das stimmt. Ich wäre ja dafür, dass man auch bei anderen Aktivitäten so durchgreift. Allen voran beim Rassismus. Dort wurden aber zum Beispiel die Hertha-Junioren vom DFB bestraft wurden, als sie nach Rassismus gegen einer ihrer Spieler geschlossen den Platz verlassen haben. Darum wirkt für mich alles fadenscheinig. Genau die Leute, die jetzt aufschreien, sind schon lange nicht mehr die, die sich moralisch äussern dürfen. Bayern fährt immer nach Katar ins Trainingslager und Schalke liess Vereinspräsident Clemens Tönnies nach rassistischen Äusserungen praktisch unbestraft davon kommen. Ich glaube darum mutet es nun einfach speziell an, dass nun ausgerechnet bei Äusserungen gegen einen Sponsor des DFB so durchgegriffen wird. 

Unschönes Plakat bei Union Berlin.

Unschönes Plakat bei Union Berlin. 

Andreas Gora / dpa

Brütsch: Ja, es hat einen faden Beigeschmack, wenn sich Karl-Heinz Rummenigge nun als Moralapostel gibt. Denn die Menschenrechtsverletzungen in Katar, zu dem die Bayern gute Kontakte pflegen, die sind ja nicht frei erfunden. Trotzdem ist es besser, diese Kröte zu schlucken, als das Thema wieder einschlafen zu lassen. Denn die Bayern als Vorreiter im Kampf gegen Rassismus und Hetze haben ein ganz anderes Gewicht, als wenn dies zum Beispiel Hoffenheim oder Hertha übernehmen würden. Darum bin ich gespannt, ob Rummenigge seine Ankündigung nun wahr macht und welche Lösungsvorschläge er präsentiert.

Gutzwiller: Ich bin sowieso gespannt, was am nächsten Wochenende passiert. Da spielt Hoffenheim zum Beispiel bei Schalke und im Spiel Dortmund gegen Gladbach treffen zwei Fankurven aufeinander, die mit Plakaten gegen Hopp aufgefallen sind. Ich bin mir sicher, dass beide Partien schon von Beginn weg fast auf Abbruch stehen. Die Fankurven haben erreicht, was sie wollten: Aufmerksamkeit. So werden die Diskussionen nicht verfliegen.

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