Nevin Galmarini
Nach zweijähriger Leidenszeit ist der Olympia-Sieger zurück in der Weltspitze: «Ich fahre nicht wie ein Hosenscheisser»

Wegen einer Rückenverletzung verpasste Snowboard-Olympia-Sieger Nevin Galmarini die ganze letzte Saison. Nun fuhr er bei der Rückkehr in den Weltcup-Zirkus gleich auf Rang 7. Schon bald will der Bündner wieder um Siege mitfahren – auch bei den Olympischen Spielen.

Simon Häring
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Snowboard-Olympia-Sieger Nevin Galmarini ist zurück in der Weltspitze. Gesund, ohne Schmerzen und voller Tatendrang.

Snowboard-Olympia-Sieger Nevin Galmarini ist zurück in der Weltspitze. Gesund, ohne Schmerzen und voller Tatendrang.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Nevin Galmarini hat in seiner Sportlerlaufbahn fast alles erlebt: Grosse Siege, aber auch schwierige Monate, in denen er der Verzweiflung nahe war. 2014 gewann er in Sotschi im Parallel-Riesenslalom Olympia-Silber, vier Jahre später holte er Gold, auch den Gesamtweltcup gewann der Bündner schon. Seine Ziele verfolgt er diszipliniert, kompromisslos, fast schon verbissen. Eine Eigenschaft, auf die Galmarini stolz ist. Aber auch eine, die manchmal vielleicht auch kontraproduktiv gewesen sei, wie er eingesteht. «Ich habe oft auf die Zähne gebissen und trotz Schmerzen noch trainiert, weil ich Snowboard fahren wollte», sagt Galmarini. Lange konnte er die Rückenschmerzen ausblenden, fuhr teilweise mit Schmerzmitteln.

2018 fährt Nevin Galmarini in Pyeongchang zu Olympia-Gold.

Irgendwann konnte und wollte er die Signale des Körpers aber nicht mehr ignorieren. Nach unzähligen Stunden Physiotherapie und Kraftaufbau will er zu Beginn der vergangenen Saison zurückkehren. Doch der Rücken legt wieder sein Veto ein. Im November 2019 unterzieht sich Galmarini einer Bandscheibenoperation. Seine Rückkehr im Frühling scheitert daran, dass die Saison wegen der Corona-Pandemie abgebrochen wird. Galmarini geht seinen Weg, schuftet mit dem Physiotherapeuten und im Kraftraum für seine Rückkehr. Bis November läuft alles nach Drehbuch. «Doch dann meldete sich der Rücken wieder.» Signale, die er nicht ignorieren konnte. Galmarini erklärte seinen Verzicht auf die Rennen in Cortina d'Ampezzo.

2018 krönte Galmarini seine Karriere in Pyeongchang mit Olympia-Gold im Parallel-Riesenslalom.

2018 krönte Galmarini seine Karriere in Pyeongchang mit Olympia-Gold im Parallel-Riesenslalom.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

«Ich konnte mich nicht mehr ernst nehmen»

Ein Rückschlag. «Ich hatte wirklich schlimme Schmerzen», sagt Galmarini. Er hat stets betont, dass er nur dann wieder bei Rennen starten will, wenn er keine Schmerzen mehr hat und um den Sieg mitfahren kann. Unter die Enttäuschung mischt sich auch Wut. Wut darüber, dass ihm sein Körper einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Schon wieder. Galmarini sagt: «Ich konnte mich selber nicht mehr ernst nehmen. Erst sagte ich, ich fühle mich gut. Und dann konnte ich wieder nicht starten.» Er habe sich gesagt: «Nicht lafern, sondern liefern.» Und der 34-Jährige tat, was er immer getan hatte: Ärger runterschlucken, zurück an die Arbeit - in den Kraftraum, zum Physiotherapeuten, Schuften für die Rückkehr.

Nevin Galmarini Ostschweizer Wurzeln, im Engadin ZuhauseNevin Galmarini kam 1986 zur Welt und lebte bis zum 13. Lebensjahr in Herisau, im Kanton Appenzell. Danach zog die Familie ins Unterengadin nach Ardez. Galmarini besuchte das Sportgymnasium in Ftan. 2010 nahm er in Vancouver erstmals an Olympischen Spielen teil, vier Jahre später gewann er in Sotschi Silber im Parallel-Riesenslalom. Ein Stück Schweizer Sportgeschichte ist, wie er danach vor laufenden Kameras seine gehörlose Mutter in Gebärdensprache grüsst. Erst 2017 gewinnt Galmarini erstmals im Weltcup, dafür gleich drei Mal und am Ende auch den Gesamtweltcup. Dazu kam Bronze bei den Weltmeisterschaften. Im Jahr darauf krönte er die Karriere in Sotschi mit Olympia-Gold im Parallel-Riesenslalom. Sein älterer Bruder Arno machte sich als Fitnesstrainer einen Namen, die jüngere Schwester Oceana moderiert die Sendung «Schweiz Aktuell» beim Schweizer Fernsehen. Nevin Galmarini ist verheiratet und Vater von Zwillingsbuben. Er lebt im Kanton Solothurn, seine Heimat aber ist das Engadin.

Nevin Galmarini Ostschweizer Wurzeln, im Engadin ZuhauseNevin Galmarini kam 1986 zur Welt und lebte bis zum 13. Lebensjahr in Herisau, im Kanton Appenzell. Danach zog die Familie ins Unterengadin nach Ardez. Galmarini besuchte das Sportgymnasium in Ftan. 2010 nahm er in Vancouver erstmals an Olympischen Spielen teil, vier Jahre später gewann er in Sotschi Silber im Parallel-Riesenslalom. Ein Stück Schweizer Sportgeschichte ist, wie er danach vor laufenden Kameras seine gehörlose Mutter in Gebärdensprache grüsst. Erst 2017 gewinnt Galmarini erstmals im Weltcup, dafür gleich drei Mal und am Ende auch den Gesamtweltcup. Dazu kam Bronze bei den Weltmeisterschaften. Im Jahr darauf krönte er die Karriere in Sotschi mit Olympia-Gold im Parallel-Riesenslalom. Sein älterer Bruder Arno machte sich als Fitnesstrainer einen Namen, die jüngere Schwester Oceana moderiert die Sendung «Schweiz Aktuell» beim Schweizer Fernsehen. Nevin Galmarini ist verheiratet und Vater von Zwillingsbuben. Er lebt im Kanton Solothurn, seine Heimat aber ist das Engadin.

Keystone

Und er wurde belohnt: Am Donnerstag stand er nach einer Leidenszeit von 22 Monaten im italienischen Carezza wieder bei einem Weltcup-Rennen am Start und erreichte auf Anhieb den siebten Rang. Freude, aber auch wieder Ärger über einen Fehler, den ihn eine bessere Klassierung gekostet hat. Nevin Galmarini hat diese Emotionen vermisst. Er sagt aber auch: «Es war ein Risiko, an den Start zu gehen. Es wäre klüger gewesen, wenn ich über mehrere Tage geschaut hätte, wie der Rücken auf die Belastung reagiert.» Doch die Lust auf den Wettkampf war stärker als die Vernunft. Die Lust, zu liefern und nicht zu lafern, wie er sagt. Physisch, glaubt er, sei er vielleicht so stark wie noch nie. Er sagt: «Es ist keine Zauberei. Ich habe sehr viel in den Kraftaufbau in Rücken und Rumpf investiert.»

Ein Stück Schweizer Sportgeschichte: Nevin Galmarini grüsst nach seiner Fahrt zu Olympia-Silber in Sotschi seine gehörlose Mutter.

Ein Stück Schweizer Sportgeschichte: Nevin Galmarini grüsst nach seiner Fahrt zu Olympia-Silber in Sotschi seine gehörlose Mutter.

Screenshot SRF

Snowboarder, Ehemann, Zwillingsvater, Student

Anfang Dezember feierte Nevin Galmarini seinen 34. Geburtstag, er ist längst nicht mehr nur Snowboarder, sondern auch Ehemann, wurde im Sommer 2018 Vater der Zwillingsbuben Eddie und Louie und studiert Wirtschaft im Fernstudium. Früher sei der Sport an erster Stelle gestanden, dem habe er alles untergeordnet. Er könne noch heute während Stunden über das perfekte Material philosophieren. Erfolge seien sehr wichtig für ihn, aber auch die Gesundheit. «Es ist klar, wenn es vom Rücken her nicht mehr gehen sollte, dann muss ich aufhören. Aber ich werde alles dafür tun, um das Glück auf meine Seite zu zwingen.» Heisst: Nevin Galmarini will im Parallel-Riesenslalom in dieser Saison wieder um Podestplätze fahren. Er sagt: «Für mich ist klar: Ich will jedes Rennen gewinnen. Aktuell geht es aber darum, im Riesenslalom wieder um Podestplätze fahren zu können.»

Der Rücktritt sei derzeit kein Thema, das Ziel die Olympischen Spiele 2022 in Peking. Was danach kommt, ob er die Karriere fortsetzt, lässt Galmarini offen. Er habe in den letzten Jahren eine Reifeprozess durchgemacht, der ihm auch im Wettkampfsport helfe. Erst 2017 feiert er seinen ersten Sieg im Weltcup, «davor habe ich mich oft gefragt, weshalb es Athleten gibt, die ihre Leistung abrufen können, wenn es um alles geht - und weshalb andere das nicht schaffen.» Ein Jahr später holte er nicht nur Olympia-Gold, sondern gewann auch den Gesamtweltcup. Er sagt: «Das ist es, was mich inspiriert und antreibt, im Training zu leiden. Wenn der Druck am grössten ist, bei den Grossanlässen, das Potenzial abrufen zu können.»

Im Sommer 2018 kamen Galmarinis Zwillingsbuben zur Welt.

Den Druck nimmt er dabei nicht als Hindernisse, sondern als Quelle der Kraft wahr. Er sei enorm privilegiert, lebe in der Schweiz, dem Land der Möglichkeiten, wie er sagt. «Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich bei Olympia stürze?», fragt er. Natürlich breche dann für ihn eine Welt zusammen. «Aber dann gehe ich zurück nach Hause, zu meiner Familie und meinen Freunden, die mich gerne haben.» Snowboarden und der Spitzensport seien für ihn ein Geschenk, diese Perspektive nehme ihm den Erfolgsdruck. Auf Sicherheit zu fahren, komme für ihn nicht mehr in Frage. Lieber fahre er völlig befreit und ständig am Limit, «aber auf keinen Fall wie ein Hosenscheisser. Denn wovor sollte ich Angst haben?»

Ohne Angst, ohne Schmerzen. Vielleicht sind das die beiden Zutaten, die Galmarini dabei helfen, auch noch die letzte Lücke in seinem Palmarès zu füllen: denn Weltmeister war der Olympia-Sieger bisher noch nicht.

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