Kommentar

Nach YBs Europa-Debakel verabschiedet sich der Schweizer Fussball in die Bedeutungslosigkeit

Der Schweizer Klubfussball stürzt im internationalen Vergleich in die Bedeutungslosigkeit ab. Jüngstes Beispiel ist das klägliche Scheitern in der Champions-League-Qualifikation von Ligakrösus YB gegen die Dänen von Midtjylland.

François Schmid-Bechtel
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François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Jean-Pierre Nsame, 32 Tore in der letzten Saison, eine Naturgewalt und der nächste Eroberer der grossen Welt des Fussballs. Christian Fassnacht, aufregend. Michel Aebischer, der neue Toni Kroos. Fabian Lustenberger, unbestrittener Leader und Antreiber. Miralem Sulejmani, ein grosser Name für grosse Spiele. Und so weiter. Hochpoliertes YB. Dreimal hintereinander Meister, eine Macht im Schweizer Fussball. Aber europäisch degradieren sich die Berner zum Nonvaleur.

Wo waren sie, diese hochgejubelten Starspieler der Berner, als ihnen die wackeren und unprätentiösen Dänen auf die Füsse gestanden sind? 0:3 gegen Midtjylland. Bei aller Bewunderung für den innovativen, auf Daten basierenden Ansatz der Jütländer: Die Art, wie die Berner die wohl letzte reelle Chance eines Schweizer Meisters auf eine Teilnahme an der Champions League vergeigen, ist mehr als nur sorglos. Es ist peinlich.

Antreiber ohne Wirkung: YB-Captain Fabian Lustenberger (Mitte) unmittelbar nach dem 0:2.

Antreiber ohne Wirkung: YB-Captain Fabian Lustenberger (Mitte) unmittelbar nach dem 0:2.

Claudio De Capitani/freshfocus

Letzte Saison schieden die Berner gegen Roter Stern Belgrad aus. Wie Midtjylland untalentierter und billiger, aber williger als YB. Das gibt zu denken. Schliesslich gilt YB in der Schweiz als Vorzeigeklub schlechthin. Mit einer Vorzeigeführung und einer Vorzeigemannschaft. Aber was in der Schweiz vorzeigbar ist, reicht schon im Vergleich mit Klubs aus Ländern, denen wir uns leicht überlegen fühlen, nicht mehr. Wenn dieses YB das beste ist, was der Schweizer Klubfussball zu bieten hat, muss man sich ernsthaft Sorgen machen.

Leider verdichten sich die Anzeichen, dass man das Wankdorf in eine Komfortzone umwandelt. Es scheint, als genüge man sich, Schweizer Meister zu werden, was bei den wirtschaftlichen Vorteilen gegenüber der Konkurrenz nun wirklich keine Meisterleistung ist. Allein, dass YB letzte Saison vom FC St. Gallen ernsthaft bedrängt worden ist, lässt auf eine – wohlwollend formuliert - mässige Performance schliessen. Schliesslich sind die Ostschweizer jünger, unerfahrener, vor allem haben sie etwa viermal weniger Geld zur Verfügung als die Berner. Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Aber wenn es sich den höheren Hindernissen nicht anpassen kann, fehlt die Klasse und die Leistungsbereitschaft.

YB-Starstürmer Jean-Pierre Nsame: drei Chancen, kein Tor - schlicht ungenügend.

YB-Starstürmer Jean-Pierre Nsame: drei Chancen, kein Tor - schlicht ungenügend.

Henning Bagger/EPA

Dabei wurde in Dänemark um einen enorm hohen Einsatz gespielt. Bei einem Sieg stünde nicht nur die Türe zur Champions League weiter offen, – der nächste Gegner Slavia Prag ist keine Übermacht – sondern man wäre im schlechtesten Fall bereits fix für die Europa League qualifiziert. Doch die Bedeutung dieses Spiels schien die Berner irgendwie kalt zu lassen.

Allein Lustenbergers Interview nach der Enttäuschung liess eher darauf schliessen, dass man einen bedeutungslosen Test und nicht das wohl wichtigste Spiel der Saison verlor. Herrschaftszeiten! Da darf es auch mal rumpeln. Das macht die Niederlage zwar nicht erträglicher. Aber wenigstens haben wir das Gefühl, die Protagonisten sind sich der kläglichen Darbietung bewusst. Aber wenn der Captain am Schluss des Interviews noch neckisch in die Kamera zwinkert, könnte man ebenso gut Kuno Laueners «Rang 2 isch au suberi Büez» einspielen.

Auch er machte in Dänemark keine gute Figur: YB-Trainer Gerardo Seoane.

Auch er machte in Dänemark keine gute Figur: YB-Trainer Gerardo Seoane.

Henning Bagger/EPA

Aber Zweiter in der Schweiz, da muss sich YB bei dieser Konkurrenz richtig Mühe geben. Wahrscheinlich fehlt YB Adi Hütter. Er war der ungemütliche, fordernde Trainer. Kompromisslos erfolgsorientiert. Gerardo Seoane wurde zurecht dafür gelobt, dass er in seiner ersten Saison das Erbe Hütters gut verwaltete. Aber mit jedem Jahr nimmt die Kraft des Erbguts ab. Zu beobachten gegen Roter Stern Belgrad, während der gesamten Super-League-Saison und nun gegen Midtjylland.

Sehr wahrscheinlich reicht es doch wieder zum Meistertitel. Der FC Basel, wirtschaftlich den Bernern am nächsten, probt seit Monaten die Selbstzerfleischung. Luzern und Zürich sind absurd inkonstant. Servette und Lausanne noch zu wenig etabliert. Bleibt St. Gallen als grösster Herausforderer. Angesichts des Abgangs des 33-Tore-Sturmduos Itten/Demirovic scheint diese Aussage zwar gewagt. Aber mit Ausnahme von Lausanne-Sport steckt nirgends so viel Innovationsgeist im Klub, ist eine derart klare Strategie erkennbar wie beim FC St. Gallen. Dass man die Young Boys damit mehr als nur herausfordern kann, hat Midtjylland unmissverständlich gezeigt.