Nach Turnskandal sagt ein erfahrener Trainer: «Ein neues System zu etablieren, wäre ganz einfach»

Der langjährige Kunstturntrainer Laurens van der Hout sieht die Zentralisierung in Magglingen als Problem. Der gebürtige Holländer mit Schweizer Pass sieht aber noch weitere Verbesserungspunkte.

Martin Probst und
Raphael Gutzwiller
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Wie muss sich das Schweizer Frauenkunstturnen verändern, damit es nicht mehr zu Missständen kommt? (Symbolbild)

Wie muss sich das Schweizer Frauenkunstturnen verändern, damit es nicht mehr zu Missständen kommt? (Symbolbild)

Bild: Francois Nel/Getty

Es darf nie wieder passieren. Die Bekenntnisse nach den jüngsten Enthüllungen über Missstände im nationalen Turnzentrum in Magglingen ähneln sich. Doch verändert sich wirklich etwas? Der Schweizerische Turnverband hat eine Ethikkommission eingesetzt. Bundesrätin Viola Amherd verlangt eine nationale Meldestelle für Missbrauch im Sport.

Erste Massnahmen sind also da. Doch das alles braucht Zeit und konkrete Schritte gibt erst es wenige. Muss das sein? «Es heisst immer, es sei kompliziert, ein neues System zu etablieren, dabei ist es ganz einfach, wenn alle dafür bereit sind. Und wenn man in der Schweiz das System nicht anpasst, wird sich nichts ändern», sagt Laurens van der Hout.

Laurens van der Hout.

Laurens van der Hout.

Der gebürtige Holländer mit Schweizer Pass war selbst Kunstturner, danach arbeitete er bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Wochen als Trainer, Coach und Berater. 1989 kam er in die Schweiz, der Liebe wegen. Kurz darauf wurde er Juniorentrainer in Magglingen, wo er bis 1993 blieb.

Kaeslin sagt: «Van der Hout ist ein guter Typ.»

Kaeslin sagt: «Van der Hout ist ein guter Typ.»

Zwischenzeitlich war er auch beim BTV Luzern, dem Stammverein von Ariella Käslin. Die WM-Zweite von 2009 er­lebte den Turnskandal 2007, als sie und drei Kolleginnen Vorwürfe gegen ihren Cheftrainer Eric Demay erhoben.

Käslin sagt über van der Hout:

«Er ist ein guter Typ. Ich würde seine Ideen anhören.»

Also tun wir das. Van der Hout sagt: «Das Schweizer System ist veraltet. Es passt nicht mehr zur heutigen Kultur im Turnen.» Der 65-Jährige, der in Österreich, Luxemburg und Norwegen als Cheftrainer arbeitete, aber auch in Deutschland, Belgien, Finnland und Holland tätig war, sieht drei Verbesserungspunkte:

1 – Infrastruktur

Laurens van der Hout sagt: «In vielen Ländern gibt es kein zentrales Zentrum mehr. Weil die Verantwortlichen verstanden haben, dass in guten
regionalen Zentren ebenso gute Arbeit möglich ist. Mit dem Vorteil, dass die Turnerinnen abends nach Hause können, was ihnen ein etwas normaleres Leben ermöglicht.»

In der Schweiz wechseln die besten Kunstturnerinnen bereits mit 14 Jahren nach Magglingen und leben in Gastfamilien. «Dabei ist die Pubertät schon herausfordernd genug», sagt van der Hout. «Bei Problemen fehlt das gewohnte Umfeld, das Halt gibt oder Missstände erkennt.» Der 65-Jährige spricht sich für eine Dezentralisierung in regionalen Zentren aus mit Magglingen als Stützpunkt für Kaderzusammenzüge, um den nationalen Vergleich nicht zu verlieren.

2 – Organisation

Durch den Verbleib in den Regionen hätten die Turnerinnen einen Vertrauenstrainer, der mit ihnen den Weg bis an die Weltspitze gehe. «Das schafft Vertrauen und motiviert die regionalen Trainer», sagt van der Hout. «Und es macht aus den Trainern ein Team, weil sie gemeinsam arbeiten und nicht ihre besten Turnerinnen regelmässig verlieren.» Er ist überzeugt, dass dies das Leistungsniveau in den Zentren erhöhen würde und weit mehr Kunst­turnerinnen dem Sport erhalten blieben.

Mit dem dezentralen Modell würde aus dem Mein und Dein ein Wir. «Da bliebe auch Zeit, um die Sportlerinnen zu selbstständigen, jungen Frauen zu erziehen, statt sie nur zu Kunst­turnerinnen zu formen, die dann eventuell an den Methoden zerbrechen.»

3 – Verband

Im Schweizerischen Turnverband kommt es zu zahlreichen Veränderungen. Ende Jahr hören Erwin Grossenbacher als Zentralpräsident und Ruedi Hediger als Geschäftsführer auf. Felix Stingelin musste nach den jüngsten Enthüllungen als Chef Leistungssport gehen.

Felix Stingelin, Chef Spitzensport des Schweizerischen Turnverband, STV, musste gehen.

Felix Stingelin, Chef Spitzensport des Schweizerischen Turnverband, STV, musste gehen.

Bild: Keystone/ Manuel Lopez

Van der Hout würde im Zuge dieser Neubesetzungen eine zusätzliche Stelle schaffen. «Ich fände es gut, wenn es zwischen dem Chef Spitzensport und dem Trainerteam eine Person gäbe, die Kollegen und Turnerinnen unterstützt, mit etwas Distanz Probleme früh erkennen kann. Die in die Regionen reist und überall die gleiche Philosophie installiert.»

Der Schweizerische Verband nimmt Stellung

Der Schweizerische Turnverband schreibt in einer Stellungnahme: «Der STV hat zusammen mit den Kantonalverbänden in den vergangenen 20 Jahren sehr viel in den Aufbau der regionalen Leistungszentren investiert. Die dezentrale Ausbildung auf Nachwuchs- und Junioren-Stufe ist dem STV sehr wichtig und hat sich bewährt. Wir überprüfen zudem regelmässig, wie sich die Anforderungen und Bedürfnisse verändern.»

Der STV hält zudem fest: «Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten ausführliche Gespräche mit ehemaligen und aktiven Turnerinnen führen und die Ergebnisse der aktuell laufenden Untersuchung der unabhängigen Ethik-Kommission analysieren. Basierend darauf werden wir über allfällige Massnahmen entscheiden. Diesem Prozess möchten wir nicht vorgreifen.»