Abgang durch die Hintertür für St.Otmars Bo Spellerberg: Nach Hause, bevor die Grenzen schliessen

Das NLA-Saisonende kam für St.Otmars Spielertrainer Bo Spellerberg abrupt. Der Däne über das Einkaufen für die Eltern und die Zukunft.

Interview: Ives Bruggmann
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Weltklasse in der Kreuzbleiche: Bo Spellerberg übernahm Mitte 2018 bei St.Otmar als Spielertrainer.

Weltklasse in der Kreuzbleiche: Bo Spellerberg übernahm Mitte 2018 bei St.Otmar als Spielertrainer.

Bild: Mareycke Frehner (26. Juli 2018)

Der ehemalige Weltklassehandballer Bo Spellerberg prägte die vergangenen beiden Saisons bei St.Otmar als Haupttrainer sowie als Rückraumspieler. Die St.Galler waren auf dem besten Weg, sich unter der Leitung des 40-jährigen Dänen als Vierter in der Tabelle für das Playoff zu qualifizieren. Doch dann beendete die Corona-Krise die Handballsaison und damit de facto auch Spellerbergs Abenteuer in der Schweiz.

Sie befinden sich in Ihrer Heimat in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Wie kam es dazu?

Bo Spellerberg: Ich musste schnell handeln, da ich nicht wusste, wie lange die dänischen Grenzen noch offen haben werden. In Absprache mit dem Club bin ich dann mit meiner Tochter Mille am Samstagmorgen nach Dänemark zurückgekehrt. In der Schweiz kann ich aktuell ohnehin nichts machen.

Ihr Vertrag läuft aber noch bis Juni.

Ich bin im ständigen Dialog mit den Verantwortlichen. Derzeit haben die Spieler ohnehin eine Woche frei. So, wie es aber aussieht, wird die Situation noch länger andauern. Dann werden die Spieler individuelle Programme erhalten in Absprache mit dem Athletiktrainer Pascal Kaiser. Wenn Mannschaftstrainings wieder möglich sind und der Verein will, dass ich nach St.Gallen komme, bin ich innerhalb von 24 Stunden da. Derzeit scheint das aber weit weg.

Das Ende kam abrupt. Welche Gefühle löste das bei Ihnen aus?

Ich war enttäuscht, weil ich überzeugt war, dass wir dieses Jahr um den Titel spielen konnten. Zuerst ärgerte ich mich, dass gleich die ganze Saison abgebrochen wurde. Aber ich kann den Entscheid natürlich nachvollziehen. Der Stellenwert des Sports ist nicht so hoch wie beispielsweise in Dänemark, wo vier bis fünf Spiele pro Woche im Fernsehen übertragen werden. Die dänische Liga wurde lediglich unterbrochen. Man hofft noch.

Sie waren zuletzt in blendender Verfassung. Auch das Team stabilisierte sich in dieser Saison. Nun verlassen Sie St.Otmar sozusagen unvollendet.

Ich möchte festhalten: Es gibt durch die Corona-Krise derzeit etwas, das wichtiger ist als alles andere. Meine Eltern sitzen – wie so viele – zu Hause und können nicht raus. Ich mache die Einkäufe für sie und stelle sie ihnen vor die Tür. Dass ich St.Gallen unvollendet verlasse, ist nur meine persönliche Situation. Aber natürlich ist es frustrierend, so zu gehen. Ich hatte das Gefühl, dass das Beste noch kommt. Am meisten schmerzt es mich aber, dass ich mich nicht richtig vom Team verabschieden konnte. Natürlich komme ich zurück. Aber wer weiss, wann das sein wird.

Beenden Sie nun Ihre Karriere?

Nein. Ich werde meine Spielerlaufbahn in meiner Heimat bei HØJ Håndbold fortsetzen. Das ist ein Club, der in der zweithöchsten Liga spielt. Der Verein ist nur eine halbe Stunde von meinem Wohnort entfernt. Zudem hat er Ambitionen, in die erste Liga aufzusteigen. Ich werde des Weiteren als Assistenztrainer meine Erfahrungen und Ideen einbringen können. In meinem Alter muss das Gesamtpaket stimmen. Nichtsdestotrotz liebe ich es einfach immer noch, Handball zu spielen.

Wie werden Sie Ihre Rolle in Dänemark interpretieren?

Zuerst einmal ist es für mich ein Geschenk, dass ich immer noch auf hohem Niveau spielen kann.

Sie haben mit Ihrer Professionalität aber auch etwas dazu beigetragen.

Sicherlich. Aber für mich fühlt es sich dennoch an wie eine zusätzliche Kirsche auf der Torte. Und darauf nochmals eine. Mein Ziel ist es, auch bei HØJ Håndbold meine Philosophie einzubringen. Das heisst, dass ich als Spieler eine wichtige Rolle einnehme und gleichzeitig als Assistenztrainer die Taktik massgeblich mitbestimme. In St.Gallen, so denke und hoffe ich, hat das gut funktioniert.

Woran machen Sie das fest?

Wir sind in dieser Saison an einem Punkt angelangt, wo wir die Kapazität hatten, jedes Team zu bezwingen. In den vergangenen zwei Jahren haben wir das auch getan. Ich denke, dass meine Philosophie einem strikten Plan folgt. Sowohl in der Offensive als auch in der Defensive. Wenn die Spieler immer überlegen müssen, was der Plan in der jeweiligen Situation ist, geht etwas verloren. Es ist also natürlich, dass nach eineinhalb Jahren meine Vorgaben immer besser umgesetzt wurden.

Ihre Philosophie braucht Zeit.

Ja, natürlich. Beispielsweise das Kraft- und Athletiktraining haben wir komplett neu aufgebaut. Es geht darum, ein Fundament zu bilden. Darauf kann die Mannschaft aufbauen und sich Schritt für Schritt weiterentwickeln.

Trotzdem gab es von Zeit zu Zeit vermeidbare Niederlagen.

Wie gesagt, wir waren im Stande, jede Mannschaft zu besiegen. Wenn wir aber nicht unser Maximum erreichten, verloren wir Spiele, die wir eigentlich hätten gewinnen müssen. Ich denke da an die vergangenen zwei Partien gegen Bern in dieser Saison.

Rückblende. Wie sind Sie eigentlich vor zwei Jahren überhaupt bei St.Otmar gelandet?

Ich suchte eine neue Herausforderung. Da habe ich meinem Agenten im Spass gesagt: «Finde mir einen Ort, wo ich Ski fahren kann.» Über einen Agenten ist dann der damalige St.Otmar-Sportchef Beat Kaiser auf mich zugekommen. Er besuchte mich in Dänemark. Wir einigten uns rasch auf eine Zusammenarbeit. Zuerst nur als Spieler. Kurz darauf auch als Trainer.

Beat Kaiser musste später den Verein verlassen, weil er versprochene Gelder nicht bezahlte.

Ich war schockiert. Er war es, der mich nach St.Gallen brachte. Ich arbeitete eng mit ihm zusammen. Tag für Tag. Aber er hat den Verein in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Auch mir gegenüber hat er Versprechungen nicht eingehalten. Ich will aber nicht weiter darauf eingehen, denn andere haben mehr gelitten als ich. Ich musste vorwärts schauen.

Die von Kaiser angekündigten Topspieler kamen nicht.

Natürlich wäre es etwas anderes gewesen, mit Spielern aus der Bundesliga zu arbeiten. Aber aus handballerischer Sicht hat sich für mich nichts geändert. Im Gegenteil: Eigentlich macht es mir mehr Spass, etwas zu entwickeln und aus den vorhandenen Möglichkeiten das Maximum herauszuholen.

Wie sehen Sie St.Otmars Zukunft?

Ich hoffe, dass der neue Trainer Zoltan Cordas auf meiner Arbeit aufbauen kann. Zudem hat der Club vermehrt in die Nachwuchsarbeit investiert. Es braucht aber noch viel mehr.

Wie kann St.Otmar dereinst wieder nationale Spitze sein?

Es muss vieles professionalisiert werden. Was beispielsweise die Hallensituation anbelangt, braucht es die Unterstützung der Stadt. Die Gewichtung stimmt für mich nicht. Da wartet ein Team, das im Jahr über eine Million kostet, bis die Schulklasse fertig geturnt hat. Klar, die Hallen gehören der Stadt, aber da müssen andere Lösungen gefunden werden. Aber auch der Club muss seine Kräfte bündeln.

Inwiefern?

Es gibt viele Menschen, die sehr viel für den Verein machen. Aber man muss gesunde Strukturen aufbauen, damit beispielsweise wieder eigene Junioren nachkommen. Es braucht auch eine Geschäftsstelle. Das dauert alles ein paar Jahre. Und wenn es wirklich einmal eine neue Halle geben sollte, dann bitte eine andere als jene in Gümligen.

Die Halle ist topmodern.

Aber sie hat nur ein Spielfeld! Das verstehe ich nicht. Da nimmt man so viel Geld in die Hand und dann kann nur eine Mannschaft trainieren. Ich schüttle jedes Mal den Kopf. Mindestens ein zusätzliches Trainingsfeld ist ein Muss, um mehr Kapazitäten für die Teams zu schaffen.

Werden Sie sich mit dem neuen Trainer austauschen?

Vieles ist derzeit unklar. Die Frage ist auch, ob bereits die neue Saison vorbereitet wird oder nicht. Es ergibt wenig Sinn, wenn ich als Trainer noch Einheiten leite, wenn bereits auf die kommende Saison hingearbeitet wird. Ich sichere Zoltan Cordas aber alle Unterstützung zu und stehe natürlich bereit, wenn mich der Verein bis zum Ende meines Vertrages braucht. Ich bin gespannt, wie der neue Trainer meine Jungs behandelt. Ich werde St.Otmar sicherlich weiterverfolgen.

Der Trainingsbetrieb ruht,
die Planung läuft auf Hochtouren

Nach dem Saisonabbruch durch den Schweizerischen Handballverband am vergangenen Freitag sowie den Bundesratsbeschluss vom vergangenen Montag steht auch bei St. Otmar alles still. Bis mindestens 19. April wird es keine Teamtrainings geben. Wann der Betrieb wieder aufgenommen wird, hängt vom Entscheid der Behörden ab. Die Spieler halten sich in dieser Zeit individuell fit, bestätigt Präsident Hans Wey. Der neue Trainer Zoltan Cordas besitzt einen Vertrag ab 1. Juni. Bis dahin ist offiziell Bo Spellerberg für das Training verantwortlich. Wie die Vorbereitung auf die neue Saison gestaltet wird, hängt ebenso vom Zeitpunkt der Lockerung der behördlichen Beschlüsse ab. Neben Spellerberg ist der österreichische Flügel Julian Rauch der einzige Spieler, dessen Vertrag ausläuft. Die restlichen Handballer besitzen allesamt einen Kontrakt bis mindestens Ende der kommenden Saison. Trotz der aktuellen Krisensituation laufen die Planungen auf Hochtouren. Wey: «Trainer Zoltan Cordas und Sportchef Andy Dittert planen intensiv die neue Saison.» Transfers seien aktuell aber keine geplant. (ibr)