Nach 0,4-Sekunden-Schock für Schweizer Eishockey-Nati: Die 9 knappsten Sportentscheidungen der Geschichte

Vier Zehntelsekunden vor Schluss traf der kanadische Verteidiger Damon Severson gestern die Schweizer Eishockeywelt mit seinem Ausgleich mitten ins Herz. Wir haben die engsten Entscheidungen der Sportgeschichte zusammengestellt.

Luca Ghiselli
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Ein letzter Schuss, ein letzter Wurf, ein letzter Tritt in die Pedale. Und dann Freudentaumel auf der einen, grenzenlose Enttäuschung auf der anderen Seite. Sportentscheidungen sind bei weitem nicht immer knapp. Wenn sie aber – wie am Donnerstag im WM-Viertelfinal zwischen Kanada und der Schweiz – rekordverdächtig knapp sind, gibt das Anlass für einen Rückblick. Hier kommen die knappsten Sportentscheidungen der Welt:

1. Tour de France 1989: Greg LeMond gegen Laurent Fignon

«There are ten seconds between these two men», kommentierte der legendäre Channel4-Sportjournalist Phil Ligett die spannendste Tour-de-France-Entscheidung der Geschichte. Vor dem letzten Zeitfahren in Paris lag der Franzose Laurent Fignon noch 50 Sekunden vor seinem US-amerikanischen Konkurrenten Greg LeMond.

Weil letzterer als besserer Zeitfahrer galt, stellte sich der ganze Tour-Zirkus auf einen schweisstreibende Schlussetappe ein. Und so kam es: LeMond nahm Fignon 58 Sekunden ab und lag im Schlussklassement acht Sekunden vor dem Franzosen – bei einer Rennzeit von insgesamt über 87 Stunden. Liggett fand die passenden Worte dafür: «This is the most incredible thing in my entire life!»

2. Playoff-Halbfinal 2013: Leicester City gegen Watford

In Watford läuft die 97. Minute des Playoff-Halbfinals, Leicester City scheint der sichere Sieger zu sein. Watford liegt zwar mit 2:1 vorn, hat aber das Hinspiel 1:0 verloren. Zu allem Übel läuft Leicesters Mittelfeldspieler Anthony Knockaert aber zum Penalty an. Trifft er, geht sein Team nach Wembley und kämpft dort um den Aufstieg in die Premier League. 

Doch es kommt anders. Knockaert scheitert an Watford-Goalie Manuel Almunia – und schon läuft der Konter. 20 Sekunden später trifft Watfords Troy Deeney am anderen Ende des Spielfeld – es gibt kein Halten mehr. Watford steht im Final und steigt am Ende doch nicht auf. 

3. NBA-Playoff-Viertelfinal 2019: Toronto Raptors gegen Philadelphia 76ers

Vor knapp zwei Wochen fand in Toronto das siebte und entscheidende Spiel der Playoff-Viertelfinal-Serie zwischen den Toronto Raptors und den Philadelphia 76ers statt. 4,2 Sekunden vor Schluss nimmt Raptors-Coach Nick Nurse beim Stand von 90:90 sein letztes Timeout. Danach dribbelt sich Kawhi Leonard durch die Philadelphia-Abwehr, setzt zum Wurf an.

Der Ball springt zweimal von der Korbumrandung ab, bevor er schliesslich in die Maschen fällt. Die Dämme brechen, Toronto steht im Final der Eastern Conference.

4. Wimbledon 2010: John Isner gegen Nicolas Mahut

Die Erstrundenbegegnung zwischen dem US-amerikanischen Aufschlagshünen und dem Franzosen Nicolas Mahut war eine für die Geschichtsbücher. Im Entscheidungssatz gibt es in Wimbledon kein Tiebreak. Dieser Umstand hat der Tenniswelt schon zahlreiche legendäre Matches (Federer gegen Roddick 2011, Nadal gegen Federer 2008) beschert.

Nichts aber im Vergleich zu dieser Erstrundenbegegnung: Sie wurde erst nach 11 Stunden und 5 Minuten reiner Spielzeit mit 70:68 im fünften Satz entschieden. Mahut wehrte beim Stand von 33:32 Matchbälle ab, bevor Isner dann das entscheidende Break gelang. Beide schlugen über 100 Asse.

5. Premier League 2011/2012: Manchester City wird in letzter Sekunde Meister

Die Citizens feierten unter ihrem damaligen Trainer Roberto Mancini 2012 einen der dramtischsten Premier-League-Siege der Wettbewerbsgeschichte. City kämpfte bis zum letzten Spieltag gegen den Stadtrivalen Manchester United um den Titel. Während das Team von Sir Alex Ferguson im Old Trafford seine Pflichtaufgabe gegen Sunderland souverän löste, geriet Manchester City gegen die Queens Park Rangers zuhause ins Hintertreffen. 

Lange sah es danach aus, als ob sich die Citizens einmal mehr gegen die Red Devils kurz vor der Ziellinie geschlagen geben müssten. Doch dann drehte das Team von Roberto Mancini auf. Zunächst gelang Edin Dzeko in der Nachspielzeit der Ausgleich, und zwei Minuten später traf Sergio Agüero zum erlösenden 3:2. Manchester City wurde zum ersten Mal seit 44 Jahren Meister.

6. Super Bowl XLII: Der magische Last-Minute-Sieg der New York Giants

Die New England Patriots mit Quaterback Tom Brady lagen zweieinhalb Minuten vor Schluss mit 14:10 in Führung. Die New York Giants mit Quaterback Eli Manning waren zu einer Reaktion gezwungen, und ihnen lief die Zeit davon – sie mussten an der eigenen 17-Yard-Linie starten.

Was folgte, war einer der besten Drives der Super-Bowl-Geschichte. Die Giants überstanden einen vierten Versuch und lösten sich mit spektakulären Spielzügen mehrmals aus fast ausweglosen Situationen. Mit 29 Sekunden Restzeit auf der Uhr gelang den Giants der Touchdown zum 17:10, die Hail-Mary-Vesuche Tom Brady blieben ohne Erfolg. Eli Manning wurde danach zum besten Spieler des Super Bowls gewählt, die Giants gewannen trotz krasser Aussenseiterrolle.

7. Champions-League-Final 1999: Ole Gunnar Solskjaer stürzt die Bayern ins Elend

0:1 liegt Manchester United im Champions-League-Final vor 20 Jahren gegen Bayern München zurück, als die Nachspielzeit beginnt. Doch dann folgt die dramatische Entscheidung. Zunächst erzielt Teddy Sheringham in der 91. Minute den Ausgleich für die Briten. Und zwei Minuten später trifft Ole Gunnar Solskjaer zum 2:1-Siegtor. Beide waren zuvor eingewechselt worden. 

8. Ein Sprung ins Glück nach 400 Meter Hürden

Zugegeben, es nicht das Olympia-Finale. Was College-Sportler Infinite Tucker aber nach den 400-Meter-Hürden an den SEC Track and Field Championships für den Sieg tut, geht wohl auch in die Geschichtsbücher ein. Wenige Meter vor der Ziellinie liegt er noch deutlich hinter seinem Konkurrenten zurück.

Dann setzt Tucker zum Superman-Sprung an. Kopf voran überholt er seinen Mitstreiter noch auf den letzten Zentimetern. Das Video geht viral – und wird zum Internet-Symbol für einen altbekannten Spruch: «Never give up».

9. Grand Prix von Spanien 1986: Ayrton Senna schlägt Nigel Mansell um 14 Tausendstelsekunden

Es ist eine der knappsten Entscheidungen in der Formel-1-Geschichte. Und das zwischen zwei grossen Rivalen des Sports: Dem Brasilianer Ayrton Senna und dem Briten Nigel Mansell. 

Mansell hatte sich auf der kurvigen Strecke in Jerez frische Reifen geholt und machte in den letzten zehn Runden fast 20 Sekunden auf Senna gut. Dann kam es zum Fotofinish. Mansell setzte zum Angriff an, Senna wehrte ihn auf der Zielgeraden ab. 0.014 Sekunden betrug der Abstand zwischen den beiden Rennfahrern.