Müde Beine, endlich wieder

FUSSBALL. Weil er bei Schalke nie eine richtige Chance erhielt, wechselte Tranquillo Barnetta vor fünf Wochen zu Frankfurt. Der Transfer tut dem St. Galler gut, er spielt oft – und kommt wieder einmal mit Spielpraxis zur Nationalmannschaft.

Dominic Wirth
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Ein wenig müde waren sie gestern noch, die Beine von Tranquillo Barnetta. Drei Spiele in einer Woche, Hamburg, Apoel Nikosia, Freiburg, 243 Minuten auf dem Platz, das hat Spuren hinterlassen beim St. Galler. Doch er beklagt sich nicht, im Gegenteil. Barnetta geht es gut derzeit, «auf jeden Fall», sagt er. Schliesslich musste er lange warten auf dieses Gefühl, eine wichtige Rolle zu spielen in einer Mannschaft. Gebraucht zu werden, als Stammspieler. Bei Schalke hatte er im Sommer 2012 sein Glück gesucht, nach vielen Jahren in Leverkusen, aber bald zeigte sich: Barnetta war in eine Sackgasse geraten. Jens Keller, der Schalker Trainer, baute kaum auf ihn, nur sechsmal liess er Barnetta von Beginn an spielen. Sechsmal, in einem ganzen Jahr, obwohl der 28-Jährige fast immer gesund war.

Gut für die Beine – und den Kopf

Frankfurt war der Ausweg für Barnetta, kurz vor Transferschluss meldete sich der Club, und für den Mittelfeldspieler war sofort klar: «Das mache ich.» Am letzten Tag des Transferfensters unterschrieb Barnetta den Leihvertrag, fünf Wochen ist das jetzt her. Seither hat er jedes Spiel begonnen für die Frankfurter, im zentralen offensiven Mittelfeld meist, sieben Partien seit Mitte September. Es ist schon lange her, dass der Ostschweizer derart häufig zum Zug kam. Zuletzt war das in Leverkusen so, im Herbst 2010. Barnetta spürt jetzt, wie er allmählich seinen Rhythmus wieder findet, wie sich sein Körper an die Belastung gewöhnt. «Das tut mir sehr gut», sagt er, und er meint nicht nur die Beine, sondern auch den Kopf, das Selbstvertrauen.

In Frankfurt hat Barnetta mit Armin Veh einen Trainer gefunden, der mit ihm spricht, der sich erkundigt, ob all die Spiele nicht etwas viel seien. Der, und das ist das Wichtigste, auf ihn baut, jede Woche, ihn die Spannung spüren lässt, die nur vor Pflichtspielen herrscht und von der Barnetta sagt, sie sei durch nichts zu ersetzen für einen Fussballer. «Das Verhältnis ist sehr gut, ich spüre viel Vertrauen.»

Auf lange Sicht Stammspieler

Auf Schalke war das zum Schluss anders, Trainer Keller sprach nicht oft mit Barnetta. Und wenn er es tat, dann verstand der Spieler nicht, was sein Chef wollte. «Er hat mir im Sommer gesagt, er erwarte mehr von mir», sagt Barnetta, «aber ich hatte das Gefühl, dass ich stets alles gegeben hatte.» Er wartete auf seine Chance, wartete und wartete, aber irgendwann kam er zur Einsicht: «Es ist besser, wenn ich einen Wechsel mache.»

Natürlich dachte Barnetta auch an die Nationalmannschaft, als er diesen Entscheid fällte, an die WM 2014 vor allem. «Unbedingt» will er in Brasilien dabei sein, doch seine Position im Team hat gelitten unter den Problemen bei Schalke. Er zählt bei Hitzfeld schon länger nicht mehr zu den Stammkräften, Valentin Stocker hat ihn überholt, er muss jetzt mit Spielern wie Josip Drmic oder Steven Zuber um einen Platz im Kader kämpfen. Dass er auch vor seinem Wechsel nach Frankfurt stets im Aufgebot stand, hatte er vor allem seiner Vergangenheit zu verdanken. Den 70 Länderspielen, die ihn zum erfahrensten Nationalspieler im Kader machen, auch seiner Funktion als Führungspersönlichkeit, als die ihn Hitzfeld stets sah.

Es war denn auch der Nationaltrainer, der Barnetta zu einem Wechsel ermunterte. Der gegenüber dem Spieler und den Medien andeutete, dass es sonst «eng» werde für ihn. Für die kommenden Spiele gegen Albanien und Slowenien stellt Barnetta deshalb keine grossen Forderungen. Er weiss, dass derzeit andere die Nase vorne haben, sagt aber auch: «Im Moment zählt nur die Qualifikation für die WM. Aber auf lange Sicht will ich wieder spielen.»

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