Interview

Mountainbikerin Jolanda Neff: «In diesem Moment zählt nur das Leben»

Jolanda Neff über ihre persönliche Quarantäne, den schweren Trainingsunfall – und warum sie momentan in den USA ist.

Raya Badraun
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Jolanda Neff: «Die aktuelle Situation macht Angst, auch weil wir nicht wissen, wie sich die Lage entwickelt.»

Jolanda Neff: «Die aktuelle Situation macht Angst, auch weil wir nicht wissen, wie sich die Lage entwickelt.»

Bild: Walter Bieri/Keystone (Dübendorf, 26. November 2019)

Jolanda Neff hat es gerade noch geschafft, die Schweiz zu verlassen. «Das war grosses Glück», sagt die 27-jährige St.Gallerin am Telefon. Sie ist momentan im US-Bundesstaat North Carolina. Ihr Plan war es eigentlich, diesen Montag zu fliegen, dann, wenn ihr Freund Luca Shaw von seinem Downhill-Weltcup in Portugal nach Hause gereist wäre. Als der Wettkampf jedoch abgesagt wurde, hat Neff ihren Flug kurzerhand umgebucht. Fünf Stunden später sagte Präsident Donald Trump, dass er die Grenzen ab Freitag um Mitternacht schliessen werde. Neff sass in einem der letzten Flugzeuge, mit dem Europäer in die USA reisen konnten. Das war vor einer Woche.

Wie erleben Sie die aktuelle Zeit?

Jolanda Neff: Es ist verrückt, was gerade passiert. Die USA sind noch ein paar Wochen zurück, was das Bewusstsein betrifft. Es ist noch nicht ganz angekommen. Doch seit Dienstag sind nun auch hier alle Restaurants und Bars geschlossen und grössere Ansammlungen sind nicht mehr erlaubt.

Können Sie trotzdem noch normal trainieren?

Ich erlebe keine Einschränkungen. Ich habe gerade erst mit meinem Freund darüber geredet, dass wir eigentlich das ganze Jahr so leben, als wären wir in Quarantäne. Wir sind im Haus, wir ­trainieren alleine oder zu zweit auf dem Velo im Wald. Das einzige Mal, dass wir unter Leute gehen, ist, wenn wir Essen einkaufen. Wir leben das ganze Jahr so – ausser wenn wir Rennen fahren.

Wie lange werden Sie bleiben? So bald können Sie wahrscheinlich nicht nach Hause reisen.

Mein Rückflug ist für Ende April geplant. Diesen habe ich vor Ewigkeiten gebucht. Aber natürlich weiss man nicht, wie sich die Situation entwickeln wird und ob es dann wieder Flüge gibt. Es kommt auch darauf an, wann die ­ersten Wettkämpfe stattfinden werden. Es wurden ja bereits Rennen abgesagt, die für Ende April geplant waren.

Sie erholen sich noch von einem schweren Trainingsunfall. Spielen Ihnen die Absagen in die Karten?

Am Anfang war ich froh. Ich dachte, dass ich dadurch weniger Druck und mehr Zeit hätte. Aber relativ schnell hat sich meine Meinung geändert. Nun ­frage ich mich, ob die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden werden und wie es weitergeht. Logisch wollen die Verantwortlichen noch nicht entscheiden, weil niemand einschätzen kann, wie sich die Lage entwickeln wird. Doch für viele Athleten ist die Trainingssituation bereits jetzt unerträglich. Wie kann man faire Spiele austragen, wenn es Sportlerinnen gibt, die trainieren sollten, während Leute um sie herum um ihr Leben kämpfen.

Wie ist es für Sie, wenn das grosse Ziel plötzlich wankt?

Grundsätzlich fahre ich Velo, weil ich gerne Velo fahre. Wenn es in unserer Sportart keine Olympischen Spiele gäbe, wäre ich trotzdem Mountain­bikerin. Ich messe mich einfach gerne. Ob es nun ein Rennen im Wald bis zum nächsten Hügel mit Kollegen ist oder Olympia, spielt mir keine Rolle. Mir macht beides Freude. Logisch fahre und gewinne ich gerne die wichtigsten Wettkämpfe. Aber gerade in meiner Situation, die in diesem Jahr so speziell ist, sehe ich alles aus einem etwas ­anderen Blickwinkel.

Sie zogen sich im Dezember einen Milzriss und zwei gebrochene Rippen zu. Ihre Lunge kollabierte teilweise. Was hat sich dadurch verändert?

Im Januar ging ich einen Monat lang nur für Arztbesuche und kurze Spaziergänge aus dem Haus. In dieser Zeit habe ich realisiert, dass ich zwar gerne Velo fahre und Rennen bestreite, dass für mich das Leben jedoch so viel wichtiger ist. Natürlich hätte ich gerne die Olympischen Spiele in diesem Sommer und ich mache auch alles dafür, dass ich gesund werde und in Form komme. Aber auf der anderen Seite muss ich sagen, dass in diesem Moment nur das Leben zählt. Wir sind in einer Aus­nahmesituation. Da sollten wir genug Weitsicht haben, um das einzuordnen.

Wie war dieser Monat zu Hause?

Die Situation war nun einmal so und ich wusste, dass ich sie nicht ändern kann. Als das Corona-Virus aufkam und sich die Menschen abschotten mussten, da dachte ich: Das habe ich alles schon durchgemacht und getestet. Die aktuelle Situation macht Angst, auch weil wir nicht wissen, wie sich die Lage ent­wickelt, was alles auf uns zukommt. Was wir jedoch tun können, ist uns möglichst gut an die Vorschriften zu halten und das Beste daraus zu machen. Vielleicht hat man plötzlich Zeit für Dinge, die sonst zu kurz kommen.

Was haben Sie gemacht, damit die Zeit schneller verging?

Ich kam auf so viele Ideen. Ich habe gekocht, gebacken, ich habe gelesen und Spanisch gelernt. Im Internet fand ich eine Lehrerin aus Ecuador. Jeden Tag nahm ich via Skype eine Lektion bei ihr. Neben dem Training hätte ich dafür keine Zeit gehabt, doch nun ging es und ich habe es genossen. Logisch ist es nicht das, was ich mir gewünscht habe. Doch auch in solchen Momenten gibt es Dinge, die einem Freude be­reiten können.

Nun sind Sie wieder dort, wo der Unfall passiert war. Kommen nun die ganzen Erinnerungen zurück?

Nach dem Unfall blieb ich noch drei Wochen in den USA. Da ging es mir schon wieder etwas besser. Das hat mir sicher geholfen. Zudem war ich ja auch vor dem Unfall schon öfter hier, deshalb verbinde ich mit vielen Orten schöne Momente. Doch es kommt schon vor, dass ich wieder daran denke. Diese Woche etwa machten wir eine Velotour und kamen beim Parkplatz vorbei, von wo aus wir ins Spital fuhren.

Woran erinnern Sie sich noch?

Ich weiss noch alles. Eine Minute nachdem es passiert war, kamen drei ­Wanderer den Weg hinauf. Sie haben mir geholfen. Der Mann nahm das Velo, die Frauen stützten mich. Ich war mit einem Kollegen unterwegs, zu zweit wäre es schwierig gewesen, aus dem Wald hinauszukommen. Wir mussten noch eine Viertelstunde laufen, bis wir beim Parkplatz waren. Ich hatte starke Schmerzen, doch es gab keine andere Möglichkeit.

Haben Sie Respekt davor, wieder im Wald zu fahren?

Nein, Respekt nicht. Aber es geht schon darum, Vertrauen zu gewinnen. Auf den Trails brauche ich eine gewisse ­Geschwindigkeit. Man kann nicht im Schritttempo über Wurzelpassagen ­rollen. Ich möchte mir Zeit nehmen, damit ich mich wieder ganz wohl fühle auf dem Bike.

Wann dürfen Sie das erste Mal wieder Trails fahren?

Heute Sonntag. Dieses Datum haben mir die Ärzte schon ganz am Anfang genannt und ich freue mich schon lange darauf. Es ist cool, dass ich diesen Moment in den USA erleben kann, wo ich die Trails direkt vor der Haustür habe.

Sind Sie schon fast wieder die Alte?

Nein, noch gar nicht. Ich fühle mich gut, habe keine Schmerzen. Durch den Unfall habe ich jedoch zwei Monate verloren. Ich musste zuerst trainieren, damit ich wieder richtig trainieren kann. Doch ich geniesse es und sehe viele kleine Fortschritte. In dieser ­Situation mit dem Corona-Virus ist es vielleicht sogar ein Vorteil. Andere ­waren im Februar in Form und bereit für Rennen. Ich hingegen mache nun meinen Aufbau und bin dann im Mai noch frisch, wenn es vielleicht wieder Wettkämpfe gibt.

Drei Monate Pause für Jolanda Neff

Jolanda Neff muss nach ihrem schweren Trainingssturz kurz vor Weihnachten in den USA mindestens drei Monate pausieren. Die Ostschweizerin wird frühestens im April wieder Rennen bestreiten.