GP Russland
Nur noch Marionetten in der Manege des Formel-1-Zirkus

Die Königsklasse des Motorsports gastiert im Olypmiapark in Sotschi – und nach dem schweren Unfall des Franzosen Jules Bianchi vom GP in Japan ist die Vorfreude auf den neuen Kurs aber getrübt. Es stellt sich viel mehr die Sinnfrage.

Peter Ruch
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Fernando Alonso ist vermutlich der beste Fahrer im Formel-1-Feld, doch mit seinen Ecken und Kanten passt er nicht in die Marketingstrategie – und wird vielleicht auch deshalb bei Ferrari ersetzt.

Fernando Alonso ist vermutlich der beste Fahrer im Formel-1-Feld, doch mit seinen Ecken und Kanten passt er nicht in die Marketingstrategie – und wird vielleicht auch deshalb bei Ferrari ersetzt.

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Das Schicksal des Marussia-Piloten Jules Bianchi bleibt ungewiss. Klar ist nur, dass der 25-jährige Franzose ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat, eine sogenannt diffus axonale Verletzung, also eine Blessur, deren Ausmass weiterhin nicht genau ersichtlich ist. Der Zustand von Bianchi erinnert erschreckend an jenen des siebenfachen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher, über dessen Fortschritte bei der Heilung auch nichts bekannt wird.

Die schwierige Situation von Bianchi ist aber nicht der einzige dunkle Schatten, der derzeit über der Formel 1 liegt. In der Königsklasse des automobilen Rennsports liegt vieles im Argen, da ist die unsägliche Geschichte um den grossen Zampano des Rennzirkus, Bernie Ecclestone, der sich kürzlich für 100 Millionen Dollar von einem wahrscheinlich berechtigten Gefängnis-Aufenthalt freikaufen konnte, schon fast eine lustige Anekdote.

Doch es wird auch das Reglement infrage gestellt, die Sicherheitsbestimmung, die wirtschaftliche Situation der Rennserie – und ganz allgemein der Sinn des «in einem Kreis Herumfahrens», wie es der ehemalige Weltmeister und jetzige Mercedes-Teamchef Niki Lauda einst nannte.

Formel 1 ist nicht gleich Curling

Dass Unfälle passieren können, dass er bei Geschwindigkeiten von weit über 300 km/h immer auch mit seinem Leben spielt, das war dem 25-jährigen Jules Bianchi bewusst. Die Formel 1 ist, auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten die Sicherheit entscheidend verbessert wurde und seit jenem verhängnisvollen Wochenende vor genau 20 Jahren, als Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in Imola starben, keine tödlichen Unfälle mehr zu verzeichnen waren, nicht mit Curling oder Schach zu vergleichen.

Auch wenn, wahrscheinlich, beim Grand Prix von Japan am vergangenen Wochenende einige Fehler geschahen – die Rennleitung das Rennen zu spät abbrach, von Anfang an zu wenig Rücksicht auf die Wetterbedingungen genommen hatte, das Bergungsfahrzeug besser gesichert hätte sein müssen: Es war ein Unfall. Und eine sehr unglückliche Verkettung von Umständen. Den totalen Schutz kann es in der Formel 1 nicht geben – ansonsten müssen die Rennen künftig auf der Computer-Konsole ausgetragen werden.

Sicherer in einem Ferrari

Weit davon entfernt ist die Formel 1 sowieso nicht mehr. Das Reglement für die Saison 2014 macht die Fahrzeuge zu fahrenden Algorithmen; zwar zeigen die TV-Bilder weiterhin schwitzende Piloten sowie Mechaniker, doch gut versteckt arbeiten Ingenieure, die über Hunderte von Sensoren die Fahrzeuge überwachen, jede kleinste Veränderung wird von den Computern registriert – und kann, wahrscheinlich, auch direkt aus der Box beeinflusst werden.

Der Aufwand, den die grossen Teams betreiben, ist gigantisch. Und auch wenn es sarkastisch klingen mag: Wäre der von Ferrari geförderte Bianchi nicht in einem Marussia, sondern in einem Ferrari gefahren, wäre der Unfall mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht geschehen oder dann weit glimpflicher verlaufen.

Die Piloten in den schwächeren Fahrzeugen kämpfen nicht nur gegen die schlechte Platzierung, sondern auch gegen die Technik, gegen zu wenig Abtrieb, gegen zu dürftige Bremsleistungen. Es ist eine heftige Zweiklassengesellschaft – und dass der Schweizer Rennstall Sauber ebenfalls hinterher fährt, macht die Formel 1 für die Schweizer Zuschauer sicher auch nicht attraktiver. Doch auch sonst kann das Publikum oft nicht mehr nachvollziehen, was genau passiert.

Ecclestone wie Blatter

Mehr als je zuvor ist die Formel 1 zu einem reinen Zirkus verkommen. Es geht um sehr viel Geld, Milliarden: Die Show muss einfach funktionieren. Wie beim Fussball, wo die Fifa die ungeliebten «Flitzer» einfach aus dem Bild ausblenden kann, haben auch die Veranstalter des F1-Rennens in Japan die Macht, die Aufnahmen des Bianchi-Unfalls zu konfiszieren. Gezeigt wird nur, was der Show dient – und Ecclestone darf durchaus mit Sepp Blatter verglichen werden, in seiner Machtfülle, in seinem Gebaren, in seiner Gier.

Wenn ein Ticket für einen normalen Tribünenplatz beim GP von Österreich 220 Euro kostet, bleibt das Publikum weg. Und der Zirkus wandert ab in Länder, wo die «Regierung» eine Rennstrecke auch mitten in die Hauptstadt bauen lassen kann, wo es den lokalen Veranstaltern egal ist, ob sie Geld verdienen oder nicht. Und um jene, die an den Schalthebeln sitzen, muss man sich keine finanziellen Sorgen machen. Auch dies ist durchaus eine Parallele zum Fussball.

Teams sind nicht frei von Schuld

Doch es sind auch die Teams selber, die zum Niedergang der Königsklasse beigetragen haben. Die Fahrer dürfen nicht mehr Helden sein, sondern werden zu reinen Marionetten der Marke und der Sponsoren degradiert. Die meisten Piloten sind Roboterchen – «echte» Männer, wie es Clay Regazzoni oder James Hunt einst waren, sind schon lange nicht mehr gefragt.

Es sind genau diese Eitelkeiten, diese Zynismen, diese Mauscheleien, die den Formel-1-Rennsport unglaubwürdig gemacht haben. Dass es einen Unfall wie jenen von Jules Bianchi brauchte, damit all diese Ungereimtheiten wieder einmal diskutiert werden, macht die Situation des jungen Franzosen aber auch nicht besser.