MOTORSPORT: Vom Schafhirten zum Rennchampion

Milenko Vukovic aus St. Margrethen ist Sieger des Deutschen Tourenwagen-Cups 2016. Eine aufsehenerregende Leistung, gewann Vukovic doch mit einem selbst entwickelten und aufgebauten Fahrzeug gegen die grossteils werksunterstützte Konkurrenz.

Gerhard Huber
Drucken
Teilen
Milenko Vukovic präsentiert sich in voller Montur vor dem von ihm komplett aufgebauten Audi A3, Meisterauto des Deutschen Tourenwagen-Cups. (Bild: Ulrike Huber)

Milenko Vukovic präsentiert sich in voller Montur vor dem von ihm komplett aufgebauten Audi A3, Meisterauto des Deutschen Tourenwagen-Cups. (Bild: Ulrike Huber)

Gerhard Huber

Alle Motorsportenthusiasten wissen, welche sensationelle Leistung der St. Margrether Werkstattbesitzer Milenko Vukovic mit dem Gewinn des Meister­titels im Deutschen Tourenwagen-Cup 2016 erbracht hat.

Die Hälfte der Rennen gewonnen

In dieser heiss umkämpften Serie, in der an acht Rennwochenenden 16 Rennen gefahren wurden, stand Vukovic acht Mal ganz oben auf dem Siegertreppchen. Und während die Konkurrenz mit ihren Fords, Sciroccos, Coopers und Kias auf Werksunterstützung zählen konnten, hat der Heldsberger seinen Boliden selbst entwickelt und gebaut. Was treibt den bereits 39-Jährigen an, der 2016 seine erste volle Saison gefahren ist? Denn der Erfolg war ihm wahrlich nicht in die Wiege gelegt worden.

Meine Eltern waren schon früh als Gastarbeiter nach Vorarlberg gekommen. Deshalb bin ich auch in Feldkirch geboren, wurde aber bald zu meinem Grossvater nach Montenegro gebracht und bin dort bis zu meinem 13. Lebensjahr aufgewachsen – praktisch in der Wildnis. Die nächste asphaltierte Strasse war 21 Kilometer, das nächste Dorf fünf Kilometer entfernt, dort war auch die Schule, wohin ich immer zu Fuss gegangen bin. Mein Opa und ich haben von dem gelebt, was wir selbst in unserer Landwirtschaft mit Ziegen und Schafen erzeugt haben. Das grösste Highlight für mich war immer der Besuch des Försters mit seinem Landrover, den habe ich schon aus zehn Kilometer Entfernung gehört.

Seine Eltern hatte der junge Milenko immer nur in den Sommerferien gesehen. Sie waren wie Fremde für ihn. Holten ihn dann in ein frisch erbautes Häuschen in einer Kleinstadt in Monte­negro zu sich. Doch das karge Leben in dem damals armen Land trieb die Familie Vukovic zurück nach Mitteleuropa, diesmal in die Schweiz.

Ich war knapp vierzehn Jahre alt, als ich in Buchs angekommen bin. Es war sensationell für mich, alles so sauber, alles so ordentlich, die Zäune gerade, die Strassen alle asphaltiert und ohne Schlaglöcher. Die Wohnung in Gossau perfekt und sauber. Und am nächsten Tag der erste Besuch in der Migros. Beim Opa hatten wir alles selbst erzeugt und für den Winter eingelagert. Und hier gab es auf einmal alles, was man sich nur denken konnte, an einem Ort. Ich dachte nur noch, wieso kann das sein? Wieso gesüsste Joghurts, ist das normal? Es war wie auf einem anderen Planeten, ein Schock, den ich verkraften musste.

Vukovic war sofort vollkommen klar: Er wollte so sein wie die Leute hier, er wollte sofort, dass die Schweiz seine Heimat wird, er wollte ein richtiger Schweizer werden. Und ihm war klar, dass es an ihm lag, dass er die Integration erfolgreich schaffen musste. Als Erstes ging er sofort in die Schule. Mit Zusatzunterricht unter der Woche und auch am Samstag. Innert kürzester Zeit lernte Milenko Vukovic Deutsch und ging zum Berufsberater, konnte sich tatsächlich nach einem knappen Jahr bereits um eine Lehrstelle als Automechaniker bewerben. Denn nur dieser Beruf kam für ihn in Frage.

Aber meine Bedingung an den Lehrherren war, dass mir erlaubt wird, in der Werkstatt an den Wochenenden und am Abend ein altes Auto zu revidieren und umzubauen, damit ich mit 18 dann gleich fahren kann. So habe ich das erste Lehrstellenangebot, das ich hatte, abgelehnt. Mein Vater hat natürlich getobt. Aber bei der Volvo-Garage in Gossau war der Chef einverstanden und hat mir sogar eines der bereits ausgemusterten Autos zum Basteln geschenkt. Ich war in der Werkstatt von allem fasziniert, habe alles aufgesogen und war Tag und Nacht dort. Der erste Lehrling, der schon im ersten Lehrjahr den Firmenschlüssel bekommen hat.

Tatsächlich konnte der junge Vukovic dann mit dem Erhalt des Führerscheins auch gleich mit aufgemotzten Autos durch Gossau fahren, wo ihn bald jeder gekannt hat. Und er lernte auch seine heutige Gattin Susie kennen. Wie alles im Leben hat er auch die Heirat schnell erledigt, er war 20 und seine Frau sogar erst 16 Jahre alt. Bereits damals wusste er, dass er unbedingt Autorennen fahren wollte. Und dass es dafür aber Geld brauchte – viel Geld. Logische Folgerung: Milenko Vukovic kaufte sich einen Lastwagen, wurde selbstständig, klapperte alle Speditionen ab und kam mit Gebrüder Weiss als Subunternehmer ins Geschäft.

Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich glaubte, dass man mir im Lager den Lkw belädt. Hatte keine Ahnung, dass ich das selbst machen musste. Prompt habe ich zwar gemäss der zu fahrenden Route eingeladen, nur genau in der falschen Reihenfolge, und bin dann erst spät in der Nacht zurückgekommen. Aber ich habe gelernt, und in kurzer Zeit hatte ich bereits 16 Lkw-Züge am «Laufen». Und konnte mir mit dem ersten Profit dann auch mein erstes Rennen leisten. Das Silvretta-Bergrennen im Montafon. Dort habe ich mit einem Renault Clio meine Klasse gewonnen. Dann war das Budget schon wieder erschöpft. Im nächsten Jahr dasselbe. Motorslalom Interlaken gewonnen. Geld weg.

Die Spedition lief gut. Vukovic musste sich Tag und Nacht darum kümmern und erfüllte sich 2007 einen Traum.

Als genügend Geld da war, fehlte es an Zeit

Er erwarb in St. Margrethen die ehemalige VW-Vertretung samt Wohnhaus und baute seinen Reparaturbetrieb auf. Mit der ihm eigenen Passion und Perfektion. Eine blitzsaubere Auto-Werkstatt mit den modernsten Geräten für alle Marken. Jetzt wäre genug Geld da gewesen, um semi­professionell Rennen zu fahren, aber es fehlte an der notwendi gen Zeit.

Alles was ich mache, mache ich ganz und fokussiere mich komplett auf die Aufgabe. Man kann nie zwei Dinge zugleich perfekt machen. Und ich bin Perfektionist. Also habe ich 2011 die Spedition verkauft und erst letztes Jahr habe ich gesagt, nun ist es so weit, jetzt kannst du professionell an die Rennen herangehen. September 2015 fiel meine Wahl auf die DTC. Eine der wenigen Plattformen, bei denen man sich noch als Konstrukteur ohne Werk betätigen kann. Ohne teure Homologationsgelder, ohne Kautionen. Technik und das Konstruieren sind mein Leben. Ich kann alles selbst machen, brauche keine grosse Entwicklungsabteilung. Mit Disziplin und Fanatismus für alles Technische ging es an die Planung, die Aerodynamik und den Karrosseriebau.

Und mit der Arbeit kam das Glück. Franjo Kovacs, Grossindustrieller aus Deutschland mit kroatischen Wurzeln und schneller Gentleman-Driver, trat mit seiner Besa-Group auf den Plan und erteilte den Auftrag für Aufbau und den Einsatz eines weiteren, bis zur letzten Schraube gleichen und auf höchstem technischen Niveau funktionierenden DTC-Boliden auf Basis des Audi A3. Alles andere ist Geschichte.

Weiteres Auto für prominenten Piloten

Franjo Kovacs konnte ein Rennen für sich entscheiden, Milenko ­Vukovic gewann die DTC-Meisterschaft. Und für nächstes Jahr wird für einen prominenten und werbeträchtigen Piloten, der aus vertragstechnischen Gründen noch nicht genannt werden darf, ein dritter A3 aufgebaut.

Es hat einen Schreckmoment gedauert, bis sie bei Audi realisiert hatten, dass der kleine Werkstattmeister aus St. Margrethen als einziger Audi-Fahrer 2016 auf der Rundstrecke einen Titel geholt hat. Ich war bei denen ja völlig unbekannt, die beiden Rohkarossen hatte ich sogar gekauft. Als ich jüngst im Audi-Werk in Ingolstadt war, um für kommendes Jahr eine weitere Rohkarosse zu holen, hat mich dann bereits der Portier gekannt und mit Namen begrüsst. Da hab ich mich gefragt: «Han i Droga gno unterwägs?» Ich konnte es kaum glauben, aber viele Audi-Mitarbeiter kamen zu mir, um zu gratulieren. Kundensport-Chef Helmut Potsche nahm mich persönlich in Empfang und führte mich durch das riesige Hochregallager von Audi Motorsport. Mein Siegerwagen wird auf der Motorsport-Show in Essen und im März auf dem Genfer Autosalon ausgestellt. Und ich bin auf die Gala der DMSB, der Deutschen Motorsport-Behörde, in Frankfurt eingeladen, wo die Sieger der Deutschen Meisterschaften geehrt werden. Da kann man wirklich sagen, aus dem tiefen Wald in Montenegro bis auf die Motorsport-Gala, das ist schon was.

Eigentlich verwunderlich, dass sich bei Vukovic noch keine Sponsoren aus der Schweiz gemeldet haben. Zu gönnen wäre es ihm, und Platz für weitere Schriftzüge auf dem Boliden ist noch vor­handen.