Hallen-Europameisterschaften
Angelica Moser und Ajla Del Ponte schreiben ein weiteres Kapitel im Schweizer Leichtathletik-Märchen

Der Höhenflug an: Dafür sorgen bei den ersten internationalen Titelkämpfen seit September 2019 eine überraschende und eine angekündigte Siegerin.

Rainer Sommerhalder
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Schreiend und mit Riesenvorsprung sprintet Ajla Del Ponte an der EM in der Topzeit von 7,03 Sekunden zu ihrem ersten Titel.

Schreiend und mit Riesenvorsprung sprintet Ajla Del Ponte an der EM in der Topzeit von 7,03 Sekunden zu ihrem ersten Titel.

Czarek Sokolowski / AP

Was für eine Ausbeute. Zwei Schweizer Goldmedaillen an den Hallen-Europameisterschaften in Polen durch Sprinterin Ajla Del Ponte und Stabspringerin Angelica Moser. Während man der Tessinerin Del Ponte den Sieg zutraute, kommt der Erfolg von Moser überraschend. Beiden Gewinnerinnen eigen ist das Selbstbewusstsein, dass sie aus früheren Glanztaten zu EM nach Polen mitnahmen.

Von Gold geträumt? Nein, das habe sie nicht, sagt Angelica Moser. Dabei weiss niemand in der Schweizer Leichtathletik besser, wie das geht. Die 23-Jährige aus Andelfingen sammelte zwischen 2013 und 2019 auf Nachwuchsstufe insgesamt sieben internationale Titel. Wo sie auch antrat, war sie nicht zu bezwingen. «Ich liebe Wettkämpfe, das Feeling der Grossanlässe, den Druck und das Vertrauen darauf, bereit zu sein», sagt Moser, «und mit den Erfolgen wächst das Selbstvertrauen».

Und nun also schlägt die Athletin erstmals bei der Elite zu. Mit persönlicher Bestleistung von 4.75 m als Siegeshöhe. Auch an der Hallen-WM meistert das Patenkind von Swiss-Olympics-Präsident Jürg Stahl kritische Momente dank Nervenstärke. Die zwei Höhen von 4.60 m und 4.65 m überquert sie erst im letzten Versuch.

Angelica Moser leidet mit Simon Ehammer beim Stabdebakel mit

Die Athletin aus dem Zürcher Weinland blickt auf einen nicht einfachen Übergang vom Nachwuchs zur Elite zurück. Die öffentliche Beichte im vergangenen Sommer, an einer ernsthaften Essstörung gelitten zu haben, wirkte offenbar wie ein Befreiungsschlag. «Seither kann ich mich wieder auf das Training und die Wettkämpfe fokussieren», sagt Moser. Und wie!

Im Sport liegen Erfolg und Misserfolg nahe beieinander. Während Angelica Moser via Videoschaltung live aus der Halle von ihren Heldentaten erzählt, erreicht sie die Nachricht von Simon Ehammers Nuller im Stabhochsprung. Der junge Appenzeller ist nach fünf der sieben Mehrkampfdisziplinen daran, Weltrekordhalter Kevin Mayer im Titelkampf herauszufordern.

Und dann widerfährt ihm dasselbe Schicksal wie an der Schweizer Meisterschaft vor einem Monat. Angelica Moser schlägt die Hände vors Gesicht und verstummt augenblicklich. Ihr geht das Schicksal des Teamkollegen nahe. Ehammer geht derweil hart mit sich selber ins Gericht: «Irgendetwas stimmt im Kopf nicht, um derzeit gut Stab zu springen», sagt er.

Ajla Del Ponte mit dem Selbstvertrauen aus dem letzten Sommer

Am Abend erhellt sich Mosers Mimik als Zuschauerin in der Halle wieder. Ajla Del Ponte holt sich den Titel über 60 m auf überlegende Art und Weise. Der Stern der 24-Jährigen ging ausgerechnet im Corona-Sommer auf. Bereits damals glänzte Del Ponte mit ihrer Nervenstärke, etwa mit Topplatzierungen beim Debüt in der Diamond League. Und nun knüpft die Tessinerin an der EM nahtlos an diese Auftritte auf der internationalen Leichtathletik-Bühne an. Nie in ihrem Leben lief sie schneller als bei den 7,03 Sekunden im Final.