MODUS-DISKUSSION: Die Liga sucht ihr Format

Die Super League wird einem Rundum-Check unterzogen. Mit holländischer Hilfe analysiert die Liga, mit welchem Modus man Spannung und Zuschauer zurück in die Stadien bringen könnte.

Ralf Streule
Merken
Drucken
Teilen
Vaduz – Lausanne vor gut 3000 Zuschauern. Kann ein neuer Modus dem Abstiegskampf neues Leben einhauchen? (Bild: Steffen Schmidt/Freshfocus (19. März 2017))

Vaduz – Lausanne vor gut 3000 Zuschauern. Kann ein neuer Modus dem Abstiegskampf neues Leben einhauchen? (Bild: Steffen Schmidt/Freshfocus (19. März 2017))

Ralf Streule

Pieter Nieuwenhuis, der angesagteste Liga-Modellierer und einer der einflussreichsten Männer im europäischen Fussball, wirkt bodenständig. Er erinnert an den engagierten Kleinunternehmer. Während hinter ihm Flugzeuge aus aller Welt in Kloten landen, krempelt er im Sitzungszimmer des Flughafenhotels die Hemdsärmel hoch und erklärt, welche Chancen und Gefahren den Schweizer Fussball in den kommenden Jahren erwarten. Der Holländer, der mit seiner Firma Hypercube die Champions-League-Reform vorangetrieben und etlichen Ligen Europas das aktuelle Gesicht verpasst hat, spricht in diesen Tagen vor Sportjournalisten, Spielern, Fans und Clubverantwortlichen. Der Mathematiker und Informatiker erstellt im Auftrag der Swiss Football League (SFL) eine Analyse zu einem möglichen neuen Liga-modell. Zunächst aber will er vor allem eines: Fragen stellen. Sind alle «Anspruchsgruppen» angehört, wird er Daten und Erkenntnisse in seinen Computer eingeben, um optimale, umsetzbare Ligaformate für den Schweizer Spitzenfussball zu berechnen. Vorderhand lässt er Grafiken sprechen, von den Einzugsgebieten der Schweizer Clubs oder deren sportlicher Qualität im europäischen Vergleich. Um dann auf seinen stattlichen Bauch zu zeigen und zu sagen: «Am Ende wird der Entscheid hier getroffen.» Aufschwatzen will er nicht, er will analysieren.

Reagieren auf rückläufige Zuschauerzahlen

Die Liga möchte mit dem Engagement des Holländers neue Reize setzen, nachdem sich die 2003 eingeführte Zehnerliga in der Super League totzulaufen droht. Oft ist von einer Übersättigung zu hören, da die Teams im aktuellen Modus vier Mal im Jahr auf jeden Ligakonkurrenten treffen. Die Zuschauerzahlen sind rückgängig, gleichzeitig schwindet die Kompetitivität im europäischen Fussball. Da ist aber auch die Übermacht des FC Basel, die Langeweile birgt. Dies dürfte sich mit einer Modusänderung nicht ändern, würde aber in einem anderen Format weniger stark zum Tragen kommen – zum Beispiel mit Punkthalbierung nach einer ersten Meisterschaftsphase.

Viele kleinere europäische Ligen kämpfen mit denselben Problemen wie die Schweiz. Die Clubs strecken sich finanziell zur Decke – wo die Spannung und Qualität fehlt, verschärft sich das Problem. Hypercube geht von zwei Hauptüberlegungen aus. Damit sich die Qualität an der Spitze der Liga vergrössert, müssen starke Teams oft aufeinander treffen. Zweitens: Die Saison soll früh spannend sein und dies möglichst bis zum Saisonende bleiben, um Fans und Sponsoren bei der Stange zu halten. Wie das Resultat aussehen könnte, hat Hypercube 2008 mit der Einführung des aussergewöhnlichen belgischen Modus gezeigt: In einer 16er-Liga werden in der ersten Phase je 30 Partien absolviert. Die ersten sechs spielen dann mit halbierten Punkten um den Meistertitel. Auf den Plätzen 7 bis 14 wird darum gespielt, wer dem Vierten der Finalrunde in Playoff-Spielen das Europa-League-Ticket streitig machen darf. Zudem gibt es Playoff-Spiele gegen den Abstieg. Zwei Dinge sind erfüllt: Die Besten spielen in der zweiten Phase untereinander. Und die Spannung wird in vielen Bereichen der Tabelle lange aufrechterhalten. Dass Belgiens Aufstieg im europäischen Club-Nationenranking mit der Neueinführung des Modus begann, ist für Nieuwenhuis kein Zufall.

Wäre der Modus auch für die Schweiz tauglich? Profitieren auch die Mittelfeldclubs? Ist es fair, wenn Teams, die eigentlich über das Jahr hinweg weit weniger Punkte holten, bis am Ende Chancen auf europäische Plätze haben? Diese Fragen muss sich die Liga in den kommenden Wochen stellen. Sie wird sich auch an das alte Modell erinnern, an das Format mit Finalrunde sowie Auf-/Abstiegsrunde sowie einer Punkteteilung im Winter. Man hatte den Modus unter anderem abgeschafft, um die von Angstfussball geprägten Herbstspiele zu verhindern. Nun könnte der Weg doch wieder zurück führen.

Ligapräsident: «Alles ist offen!»

Vielleicht lohnt sich auch der Blick nach Österreich, wo bis anhin im «Schweizer Modus» gespielt wurde. Dort wird im Sommer die Bundesliga von zehn auf zwölf Teams vergrössert. Nach der Hinrunde werden die Punkte halbiert, sechs bestreiten die Finalrunde, die anderen sechs spielen – ähnlich wie in Belgien – gegen den Abstieg und um den ersten Platz. Der Gewinner der zweiten Gruppe fordert am Ende den dritten und vierten der Meistergruppe heraus im Kampf um Europacup-Plätze. Auch in der Schweiz spricht einiges für eine Ligavergrösserung: Viele Clubs wie Lausanne, Servette, Xamax, Aarau oder Schaffhausen dürften mit neuen Stadien oder Stadionprojekten den Voraussetzungen in der obersten Liga entsprechen.

Abenteuerlich ist auch folgender Ansatz: Im Herbst wird in zwei Zehnergruppen in 18 Spielen um die fünf ersten Ränge gespielt. Die fünf Erstplatzierten beider Gruppen spielen im Frühling in einer neuen Zehnergruppe um den Meistertitel, alle anderen um Abstieg und um Gruppeneinteilungen der Folgesaison. Nieuwenhuis stellt dieses Format vor, um zu zeigen, dass der Diskussion keine Grenzen gesetzt sind. «Alles ist offen!», sagt auch Liga-Präsident Heinrich Schifferle. Er weiss, dass nach dem Sammeln der Ideen viele Abwägungen zwischen Tradition, Wirtschaftlichkeit und Fairness anstehen.