Mit Kraft und Kalkül

Barbara Heeb ist bis heute die einzige Schweizer Strassenweltmeisterin. Vor 20 Jahren gewann die Appenzeller Radrennfahrerin ihr wichtigstes Rennen. Dank Lehren aus Olympia.

Daniel Good
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Barbara Heeb Seit 2012 in Italien (Bild: PD)

Barbara Heeb Seit 2012 in Italien (Bild: PD)

«In Italien vergessen sie eine Weltmeisterin nie», sagt Barbara Heeb. Sie muss es wissen. Sie lebt seit Anfang 2012 in Massa Marittima in der Toscana. Etwas länger ist es her, seit die Appenzellerin in ihrem Heimatland eine grosse Nummer war. Am Mittwoch kommender Woche ist es 20 Jahre her, seit Heeb Schweizer Sportgeschichte geschrieben hat. Am 12. Oktober 1996 kürte sich die damals 27-Jährige in Lugano zur ersten und bisher einzigen Schweizer Strassen-Weltmeisterin im Radsport. Der Triumph im Tessiner Regen machte Eindruck im Land: Heeb wurde vor 20 Jahren auch Schweizer Sportlerin des Jahres als Nachfolgerin von Vreni Schneider und Vorgängerin von Martina Hingis.

Der Weg zum WM-Titel begann an den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta. Heeb fühlte sich in den USA herausragend in Form, aber sie musste sich mit dem achten Platz begnügen. Aus der olympischen Enttäuschung zog Heeb die Lehren. «In Atlanta war ich ohne Plan unterwegs. Das sollte an der WM im eigenen Land anders sein», sagt Heeb. Für jede Runde gab sie sich einen Auftrag. So wollte sie im dritten Umgang in einer Fluchtgruppe sein. Sie war es. In der letzten Runde war es Heebs Ziel, als Erste mit zehn Sekunden Vorsprung den höchsten Punkt zu passieren. Sie lag elf Sekunden vorne – und verteidigte die Reserve ins Ziel.

Am meisten Geld für Autogrammstunden

Der harte Parcours im Tessin war Heeb auf den Leib geschneidert. Sie war stark am Berg. Obwohl von schüchternem Naturell, zählte sie sich im Vorfeld des WM-Rennens öffentlich zu den Favoritinnen. Sie steckte ihre ganze Energie in die Vorbereitung der WM. Oft war sie im Training mit Rolf Järmann unterwegs, einem der weltbesten Profis jener Zeit. Järmann sagt im Rückblick: «Für mich war sie die Topfavoritin.» Heeb war gewiss eine überdurchschnittliche Rennfahrerin. Im Jahr nach dem WM-Titel beendete sie die Tour de France der Frauen auf dem zweiten Platz. 1998 war sie Dritte im Giro d'Italia. Die ganz grosse Karriere blieb ihr aber versagt. Sie gehörte nie zu einem starken Rennstall. Oft wurde sie von Rückenschmerzen geplagt. Und sie setzte manchmal auf die falschen Leute. Ausfahrten mit Järmann gab es nach dem WM-Titel jedenfalls nie mehr.

Auch finanziell zahlten sich die Erfolge nicht aus. «Was vom WM-Titel blieb, war lächerlich. Am meisten Geld erhielt ich noch für Autogrammstunden.» 1999 hatte Heeb die Nase voll vom Radsport und wechselte zum Langlauf. Mit einigem Erfolg. Sie gewann bedeutende Rennen und lief im Weltcup. Aber Heebs Technik auf den Ski war zu wenig gut im Vergleich mit der Weltelite. Und mit lohnendem Sponsoring klappte es wieder nicht. So setzte sie sich wieder aufs Velo. 2004 qualifizierte sich Heeb zum dritten Mal für Olympia, aber private Probleme durchkreuzten ihre Ambitionen.

Seit dem vergangenen Jahr ist Heeb in Italien selbständig. Sie organisiert Ausfahrten auf dem Rennvelo oder Mountainbike. Besuch aus der Schweiz würde sie freuen. Italien ist ein Veloland.