Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Mit angeblichem Angebot des SC Brühl geprahlt: Die Geschichte eines Hochstaplers – wie ein Fussballer Clubs in die Irre führt

Ein guter Stürmer sucht immer den eigenen Vorteil. Ein deutscher Fussballer ist dabei weit übers Ziel hinausgeschossen. Anstatt nur seine Bewacher auf dem Platz in die Irre zu führen, täuscht Vatavu Vereine mit gefälschten Dokumenten und kurbelt so seine Karriere an. Ein Fallbeispiel aus dem modernen Fussballbusiness.
Jonas Kraus und Sebastian Lippert/Passauer Neue Presse
Handshake im Passauer Dreiflüssestadion: Der rumänische Amateurfussballer Fabian Vatavu (rechts) trifft SašaMarinkovic, den Gründer einer Spielervermittlungsplattform, die ihm helfen sollte, einen neuen Verein zu finden. (Foto: Facebook/Football-Connects/SašaMarinkovic)

Handshake im Passauer Dreiflüssestadion: Der rumänische Amateurfussballer Fabian Vatavu (rechts) trifft SašaMarinkovic, den Gründer einer Spielervermittlungsplattform, die ihm helfen sollte, einen neuen Verein zu finden. (Foto: Facebook/Football-Connects/SašaMarinkovic)

Die Geschichte, die Fabian Vatavu via Facebook-Chat erzählt, klingt grossartig. Aufgewachsen in einer rumänischen Kleinstadt, trifft der Fussballer in jungen Jahren wie am Fliessband, erst für den rumänischen Zweitligisten UTA Arad, dann im Trikot der Junioren-Nationalmannschaft.

Der englische Traditionsklub Leeds United ist interessiert, der Transfer platzt aber, weil Vatavus Verein zu viel Ablöse verlangt. Nach Zwischenstopps in Italiens dritter Liga bei S.S. Maceratese und in Niederbayern lockt das grosse Geld der Ölscheichs: Vatavu wechselt zu Al-Rustaq in den Oman, erste Liga, ganz weit weg von daheim, aber wenigstens ganz oben.

Die Geschichte hat nur ein Problem: In ihr steckt kaum ein Funken Wahrheit. Was Fabian Vatavu (23) von seiner Karriere erzählt, ist nichts weiter als ein Lügenmärchen.

Irgendwie an Geld kommen

Ein Märchen, das Fabian Vatavu auch Vereinsverantwortlichen in Niederbayern erzählt und erzählt hat. Mittlerweile hat er mit Bezirksligist Osterhofen einen neuen Verein gefunden und dort scheinbar in weiten Teilen die Wahrheit erzählt.

Warum Vatavu vorher gelogen hat und zu vielen Fragen offensichtlich Unwahrheiten verbreitet hat, bleibt unklar. Vatavu hat jeden Kommentar verweigert. Zwei Treffen in einer Eisdiele sind geplatzt. So bleiben Erklärungsansätze, zwei an der Zahl:

  1. Entweder drängt Vatavu wirklich mit aller Macht in den Profifussball.
  2. Oder er nutzt den gefälschten Lebenslauf, um seine Verhandlungsposition gegenüber Amateurvereinen zu verbessern.

Fest steht: Fabian Vatavu versucht, seine Karriere anzukurbeln, um mit Fussball irgendwie an Geld zu kommen.

Ein idealer Nährboden

Damit ist Fabian Vatavu nicht allein. Zahlreiche Ex-Profis, besonders aus osteuropäischen Ländern, tummeln sich auf den hiesigen Fussballplätzen. Im niederbayerischen Fußball ist die Nachfrage nach Legionären, also ausländischen Bezahlfussballern, groß. Verpflichtet werden sie als sogenannte Vertragsamateure, für 250 Euro pro Monat aufwärts – oder es werden andere Lösungen gefunden. Manche bestreiten mit Fussball ihren Lebensunterhalt, andere hoffen auf einen Job als Zugabe.

Gefragt sind Legionäre vor allem dort, wo ein Klub um jeden Preis die Klasse halten oder aufsteigen will. Torgefährliche Spieler sind erst recht begehrt. Wer dann noch seine vermeintliche Extra-Klasse belegen kann, hebt sich hervor und kann mehr Geld herausschlagen.

Für Vatavu, der bis Mitte Oktober 2018 für die Spvgg Forsthart in der A-Klasse Vilshofen spielte und Mitte April von Bezirksligist Spvgg Osterhofen verpflichtet wurde, ist der niederbayerische Fussball ein idealer Nährboden.

«Der Brief scheint gefälscht zu sein»

Die Heimatzeitung hat die tatsächliche sportliche Vita des Rumänen rekonstruiert und war dazu in Kontakt mit Verantwortlichen aus Deutschland, England, Österreich, Rumänien, Italien und der Schweiz. Unbeantwortet blieben mehrfache Anfragen an den omanischen Klub Al-Rustaq FC, an den omanischen Fussballverband OFA, an den mittlerweile für bankrott erklärten ehemaligen italienischen Drittligisten S.S. Maceratese sowie an den A-Klassisten Spvgg Forsthart, einen Dorfverein im Landkreis Deggendorf.

Die Recherche beginnt mit einem Blick auf transfermarkt.de. Die Fussballwebsite gilt als zuverlässig und listet Details zu mehr als 300'000 Spielern auf. Deren Transfers werden von einem 20- bis 30-köpfigen Team aus Datenpflegern geprüft. Wenn Fabian Vatavu also als Neuzugang von Al-Rustaq gelistet wird, liegt die Annahme nah, dass diese Information stimmt.

Plötzlich ist das Profil gelöscht

Mitte Februar: Kontaktaufnahme mit Vatavu via Facebook. Erst der Hinweis auf die eigene Identität als Reporter der «Heimatzeitung», dann die Frage:

«Stimmt es, dass Sie derzeit im Oman spielen?»

Vatavu antwortet beinah in Echtzeit. Ja, er habe im Oman gespielt, komme nun aber zurück nach Deutschland. Nächsten Monat, also im März, werde er sich einem anderen Zweitligisten anschliessen. Konkrete Nachfrage: «Haben Sie für Ihre neue Mannschaft (im Oman) gespielt?» Vatavu bejaht – und listet ungefragt seine fussballerische Vita auf, versehen mit PDF-Dateien und Screenshots. Die plötzliche Fülle an Nachweisen macht skeptisch. Vatavu verstrickt sich in Widersprüche. Den Nachweis, im Oman zu sein, bleibt er schuldig.

Die Zweifel wachsen. Also, Anfrage an transfermarkt.de. Keine Stunde später ruft Datenpfleger Sven Bauer zurück, dem die Fehler im System hörbar unangenehm sind:

«Bei dem Profil stimmt wirklich gar nix.»

Einen Tag später ist das Profil von Fabian Vatavu, das überzeugendste seiner Dokumente, von der Website gelöscht.

«Der Brief scheint gefälscht zu sein»

Ehrliche Antworten zu Vatavus Anfängen liefert Mihai Comsulea: Der Rumäne ist Administrator des rumänischen Fussballportals sporttim.ro und als solcher Experte für den Amateurfussball in und um Timisoara, der grössten Stadt nahe Vatavus Geburtsort Giroc.

In Rumänien spielte der Stürmer nicht höher als in Division D (4. Liga), die sich in mehr als 40 Staffeln gliedert. Niemals spielte Vatavu im rumänischen Herrenfussball beim Zweitligisten UTA Arad. Auch das rumänische Nationaltrikot habe Vatavu nie getragen, schreibt der Pressesprecher des rumänischen Fussballverbandes, Catalin Popescu. «Ich kann nur bestätigen, dass der Spieler zu Scoutingaktionen der U17 und U18 eingeladen wurde.»

Das Angebot von Leeds United hat wohl nie existiert. Pressesprecher James Mooney:

«Niemandem, der zu jener Zeit im Verein gearbeitet hat, ist dieser Briefkopf bekannt.»

Sein Fazit: «Der Brief scheint gefälscht zu sein.»

Neun Spiele, zwei Tore

Anstatt für Leeds United spielt Vatavu von August 2015 an für kurze Zeit beim USV Viehdorf: ein Zwischenstopp, den er in seiner Facebook-Aufzählung mit keinem Wort erwähnt hatte. Erst nach Kenntnis der «Heimatsport»-Recherchen bekannte sich Vatavu im Zuge seines Wechsels zur Spvgg Osterhofen plötzlich zu seiner Zeit als Fussballer des USV Viehdorf. Der niederösterreichische Verein spielt in der 2. Klasse Ybbstal, unterste Liga. Viehdorfs Spartenleiter Ludwig Resnitschek:

«Der hat ein paar Spiele für uns gemacht und ging wieder zurück nach Rumänien.»

Laut Angaben des Österreichischen Fussball-Bundes schoss Vatavu in neun Spielen zwei Tore.

«Nicht bekannt»

Für die Behauptung Vatavus, in der italienischen 3. Liga gespielt zu haben, finden sich keinerlei glaubwürdige Beweise. Im September 2016 taucht Vatavu stattdessen bei Calcio Corridonia auf: ein Klub von mehr als tausend auf dem Level der italienischen 1. Amateurliga, in Bayern vergleichbar mit Kreisliga oder Kreisklasse. «Er kam nach Macerata und hat bis Weihnachten für uns gespielt», schreibt Sandro Procaccini. Dem Klubpräsidenten sei zudem nicht bekannt, dass Vatavu für Drittligaklub Maceratese gespielt hätte.

Nach kurzem Aufenthalt in seiner Heimat, den Bilder auf sporttim.ro belegen, schlägt Vatavu im Juli 2017 beim A-Klassisten Spvgg Forsthart in Niederbayern auf. Wie das Engagement zustande kam und warum es im Oktober 2018 endete? Dazu wollte sich der 1. Vorsitzende Thomas Schafflhuber trotz mehrfacher Nachfrage nicht äussern. Auf dem Platz jedenfalls zahlte Vatavu mit guten Leistungen zurück: In 32 Ligaspielen traf er 32-mal.

Werbevideo gedreht

Über den Herbst 2018 kontaktiert Vatavu zwei Vermittler. Ex-Profi Sasa Marinkovic betreibt die Online-Plattform Football-Connects. Wer dort ein Abo abschliesst, bekommt die Chance auf einen neuen Klub – so das Versprechen an Spieler und Trainer. Anfang dieses Jahres treffen sich die beiden im Passauer Dreiflüssestadion, drehen ein Werbevideo und posieren für ein Foto.

Die zweite Agentur nennt sich GIR Soccer Management, glaubwürdige Angaben dazu finden sich nirgends. Sie konzentriert sich auf Vermittlungen nach Asien und in den Nahen Osten – damit wurde der Oman ein Thema. GIR behauptet, Vatavu sei dort gewesen, habe aber nur Freundschaftsspiele bestritten.

SC Brühl: «In keinster Weise interessiert»

Ein Screenshot, den Fabian Vatavu geschickt hatte, widerspricht dieser Aussage. Darauf zu sehen ist ein Ausschnitt eines Liveticker-Berichts: Vatavu soll den 1:0-Siegtreffer für Al-Rustaq im Ligaspiel am 23. Oktober 2018 bei Majees SC erzielt haben. Al-Rustaq ist auf Instagram aktiv, teilt die offizielle Aufstellung der Mannschaft vor den Spielen. Die «Heimatzeitung» liess das Dokument vom 23. Oktober vom Arabischen ins Deutsche übersetzen. Vatavu ist nicht zu finden, dafür der Torschütze, den andere Quellen anführen: Zaki Obaid. Der Screenshot ist also manipuliert.

Heris Stefanachi, dem Trainer des SC Brühl, bot sich der fragliche Spieler an. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Heris Stefanachi, dem Trainer des SC Brühl, bot sich der fragliche Spieler an. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Zuletzt schrieb Vatavu via Facebook-Chat von einem konkreten Angebot des Schweizer Drittligisten SC Brühl St.Gallen. Auf Anfrage teilt der Sportchef mit, dass Vatavu nie ein solches erhalten hat. «Er hat sich unserem Trainer Heris Stefanachi in Eigenregie angeboten. Daraufhin hat er ihn zu einem Probetraining/Testspiel eingeladen. Dieses hat Herr Vatavu nicht wahrgenommen. Ich kann Ihnen klar und deutlich sagen, dass ich in keinster Weise an einer Verpflichtung dieses Herrn interessiert bin», schreibt Roger Jäger.

Zweimal nicht aufgetaucht

Noch während der Recherche spricht Vatavu bei mindestens einem A-Klassisten und einem Bezirksligisten aus Niederbayern vor. Die Redaktion informierte je einen Verantwortlichen vorab über die Umstände. Beiden Vereinsvertretern hatte Vatavu die höchstwahrscheinlich gefälschten Dokumente vorgelegt. Am 16. April vermeldete die Spvgg Osterhofen Vatavu als Neuzugang. Es handelt sich dabei nicht um den vorab informierten Bezirksligisten. Der Heimatzeitung war zu dem Zeitpunkt nicht bekannt, dass Fabian Vatavu sich auch in Osterhofen beworben hatte.

Fabian Vatavu selbst wurde mehrfach um eine Stellungnahme gebeten. Zweimal stimmte er Treffen zu, zu beiden Terminen tauchte er nicht auf. Via Facebook mit einem Fragenkatalog zu den Widersprüchen konfrontiert, verweigerte Vatavu jeden Kommentar und brach den Kontakt ab.

In Lügen verrannt

Vieles bleibt rätselhaft. Drei Chancen, reinen Tisch zu machen, ließ Fabian Vatavu verstreichen. So bleiben Fragmente einer Geschichte über einen jungen, überambitionierten Stürmer, der sich zum Ankurbeln seiner Karriere, aus welchen Gründen auch immer, vollends in Lügen verrennt und noch dazu in den rechtlichen Graubereich begibt.

Andererseits wirft der Fall Vatavu auch ein Schlaglicht auf den Zustand des hiesigen Amateurfussballs, denn wie schrieb noch gleich ein Vertreter eines A-Klassisten, der längst über sämtliche Umstände informiert war: «Ich denke es ist legitim, wenn ich ihn frage, ob er den Pass zu uns tut. Ich will ja schliesslich aufsteigen.»

Der Artikel wurde zuerst (online in einer gekürzten Form) von der Passauer Neuen Presse veröffentlicht. Obenstehend lasen Sie die ausführliche Version aus der Printausgabe der deutschen Regionalzeitung.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.