Milliardengeschäft mit Studenten

In den Profiligen mit den hochbezahlten Stars wird der bessere Sport gezeigt. Aber das Herz vieler Amerikaner hängt am College-Sport. Hier werden neue Helden geboren – und Milliarden von Dollar umgesetzt.

Doris Rickenbacher/Miami
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Wie die Profis: Die Basketballer der Universitäten von Syracuse und Wisconsin tragen ihre Partie vor fast 20 000 Zuschauern in Boston aus. (Bild: ap/Elise Amendola)

Wie die Profis: Die Basketballer der Universitäten von Syracuse und Wisconsin tragen ihre Partie vor fast 20 000 Zuschauern in Boston aus. (Bild: ap/Elise Amendola)

In diesen Tagen halten die besten Basketball-College-Teams von Amerika das Land in Atem. Keine Sportsendung im Fernsehen und keine Bar, in der nicht die Chancen der Topteams diskutiert werden. Und kein Büro, in dem nicht auf den Ausgang der Spiele gewettet wird. Zehntausende von Zuschauern strömen jeweils in die ausverkauften Stadien, Tickets finden für über 1000 Dollar auf dem Schwarzmarkt ihre Abnehmer. Alle wollen dabei sein, wenn ihr Team in der finalen Meisterschaftsphase, der «March Madness», um den nationalen College-Titel kämpft.

Zu den grössten Anhängern zählt auch US-Präsident Barack Obama, der vor zwei Wochen den britischen Premierminister David Cameron statt zum offiziellen Staatsdiner im Weissen Haus kurzerhand ins Basketballstadion von Dayton, Ohio, einlud, um einer Basketball-Playoff-Partie der Universitätsliga beiwohnen zu können. Die Euphorie ist so gross wie in Europa während der Fussball-EM oder -WM.

Verklärte College-Liebe

Die Spiele sind zwar meist technisch nicht so hochstehend wie in der Profiliga NBA, aber immer sehr umkämpft und intensiv. Basketball-Superstar Michael Jordan schwärmt noch heute von seiner Zeit an der Universität von North Carolina, mit deren Team er 1982 den Titel gewann. «Die Verbundenheit der Fans mit den Teams im College-Sport ist einmalig. Die Veranstaltungen sind immer einzigartige Feste», sagte Jordan in einem Interview.

Die Begeisterung der Amerikaner für den Universitätssport hat zwei Hauptgründe. Einerseits lieben sie es, wie junge Amateure mit einer unverdorbenen Lust am Spiel um Ruhm und Ehre kämpfen. Andererseits blicken viele mit Verklärung auf ihre Zeit an der Uni zurück. Alles schien damals noch möglich, viele trafen dort ihre erste grosse Liebe. Dass man seinem College auch später noch treu bleibt, ist in den USA Ehrensache. So spenden viele ehemalige Schüler insgesamt Millionen, um das Trainingsgelände ihres Teams auf Vordermann zu bringen oder um – illegalerweise – talentierte Nachwuchssportler mit Geld davon zu überzeugen, dass sie unbedingt an dieser Universität studieren sollten.

Die Hälfte scheitert an der Uni

Der College-Sport in Amerika hat nichts mit dem Schweizer Hochschulsport gemein, bei dem sich einige Studenten völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit zur gemeinsamen sportlichen Betätigung treffen. Die amerikanischen Universitätsligen sind der Unterbau der Profiligen – und ein Multimilliarden-Business. Im Football und Basketball haben die Universitäten Saisonbudgets in zweistelliger Millionenhöhe. Die Trainer verdienen vielerorts mehr als die Uniprofessoren. Grosse Unis wie die UCLA in Los Angeles haben eigene Stadien mit über 70 000 Plätzen. Das Geld stammt vorwiegend aus Fernsehrechten der College-Ligen.

Die Athleten der Spitzenteams erhalten von den Unis zwar kein Geld, dafür aber ein kostenloses Stipendium. Viele haben einen Hörsaal noch nie von innen gesehen. Gemäss einer aktuellen Studie schaffen nur 50 Prozent den Abschluss, wobei die Faustregel gilt: Je höher das Talent auf dem Sportplatz, desto geringer die Gefahr, in einer Prüfung durchzufallen. Aber selbst bei Sportlern, die über einen Abschluss verfügen, bedeutet dies nicht, dass sie wirklich studiert haben. Meist werden sie durch das Studium geschleust und dürfen beliebig oft die Prüfungen wiederholen.

Für die erfolgreichsten College-Sportler, die den Sprung in die Profiligen schaffen wie einst Jordan, funktioniert das System. Für viele der Athleten endet die Unizeit ohne Abschluss und ohne Perspektiven. Das einzige, was ihnen bleibt, sind schöne Erinnerungen und vielleicht die Erkenntnis, dass sie doch öfter ein Buch hätten aufschlagen sollen.

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