Mikaela Shiffrin oder Marcel Hirscher? Das Duell um den Thron

Mikaela Shiffrin oder Marcel Hirscher – die Frage lautet: Wer ist besser? Wir machen den Vergleich. 

Martin Probst, Åre
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Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher mit den kleinen und grossen Kristallkugeln beim letztjährigen Saisonfinale in Are. (Bild: Marco Trovati / AP, 18. März 2018)

Mikaela Shiffrin und Marcel Hirscher mit den kleinen und grossen Kristallkugeln beim letztjährigen Saisonfinale in Are. (Bild: Marco Trovati / AP, 18. März 2018)

Das Wettbieten hat begonnen: Wer knackt Ingemar Stenmarks Rekord von 86 Weltcupsiegen? Vor allem die Journalisten aus Österreich lassen in Åre keine Gelegenheit aus, ihren Skihelden in die Pole Position zu bringen. Also, Herr Stenmark, wird Sie Marcel Hirscher überflügeln? Es ist immer wieder die gleiche Frage. Und die Antwort ist es ebenso: «Ja», sagt der 62-jährige Stenmark und ergänzt bescheiden: «Gegen Marcel Hirscher hätte ich keine Chance gehabt.» Die Österreicher haben, was sie wollen.

68 Weltcuprennen hat Hirscher bisher gewonnen und ist dem Rekord von den noch aktiven Athletinnen und Athleten in der Tat am nächsten. Doch in den Schlagzeilen in Österreich fehlt meist etwas: der Name Mikaela Shiffrin. Die Amerikanerin hat 56 Weltcupsiege. Und Ingemar Stenmark sagt: «Sie wird über 100 Rennen gewinnen.» Die Frage scheint einzig, wird sie die 86 Siege des Schweden noch vor Hirscher erreichen? Shiffrin hat in dieser Saison bisher 13 Weltcuprennen gewonnen, der Österreicher 10. Die Hochrechnungen starten.

Hirscher oder Shiffrin? Die Frage nervt beide. Hirscher betont seit Jahren, dass Rekorde etwas seien für später, wenn er als alter Mann mit einem Glas Rotwein vor dem Kaminfeuer sitze und zurückdenke. Sportler brauchen die Gegenwart. Sie klammern sich daran. Kalkulierte Erfolge in der Zukunft können hemmen. Oder sogar kaputtmachen. Das erlebte Shiffrin. Besonders an den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea vor dem Slalom. Shiffrin gewinne, wer sonst, hatte es geheissen – wie eigentlich vor jedem Rennen, an dem sie am Start steht. Dann wurde sie nur Vierte, und ausgerechnet in ihrer stärksten Disziplin. Der «Süddeutschen Zeitung» sagt sie später: «Die Last der Erwartungen hat mich erdrückt.»

Man darf eines nicht vergessen: Mikaela Shiffrin ist erst 23 Jahre und 338 Tage alt. Als Hirscher exakt gleich alt war, es war am 3. Februar 2013, stand für ihn gerade die Heim-WM in Schladming bevor. Und er erlebte Druck in einer nochmals anderen Dimension. Während der Skisport in den USA maximal eine Randerscheinung ist, ist er in Österreich Nationalsport Nummer eins. Ein ganzes Land erwartete Gold von Hirscher.

Er hatte da zwar schon den Gesamtweltcup gewonnen. Und er hatte im Weltcup schon 48-mal triumphiert. Doch WM- oder Olympiamedaillen fehlten noch. Verglichen mit Shiffrin (siehe Grafik oben) stand Hirscher erst am Anfang. Nach den Olympischen Spielen 2018, als er endlich und erstmals olympisches Gold gewann, fragte ihn «Spox.com», ob der Druck, eine der letzten Lücken zu schliessen, nicht unaushaltbar gewesen sei. Hirscher lachte. «In Schladming ist es um alles gegangen. Auch darum, ob ich es schaffe, ein Grosser in diesem Sport zu werden oder nicht. Das war richtig krass.» Olympiagold war nur noch Zugabe.

Shiffrin arbeitet mit einem Sportpsychologen zusammen

In Schladming gewann Marcel Hirscher Gold im Slalom, Silber im Riesenslalom und Gold mit dem Team. Er wurde seither zu dem Mann, der siebenmal in Serie den Gesamtweltcup gewonnen hat, der auch am Ende dieses Winters die grosse Kristallkugel erhalten wird. An der Weltmeisterschaft in Åre ist er trotz Krankheit im Riesenslalom und Slalom der Topfavorit. Mikaela Shiffrin arbeitet seit den Erfahrungen in Südkorea, als sie vor dem Start so angespannt war, das sie sich übergeben musste, mit einem Sportpsychologen. «Ich bin gerade dabei, zu lernen, wie ich es schaffe, die Erwartungen zu ignorieren. Wenn ich weiter darüber nachdenke, was jeder da draussen von mir erwartet, ruiniert das meine Leistung und ich werde noch ganz verrückt.»

Hirscher und Shiffrin werden längst in anderen Dimensionen beurteilt. Es geht nicht mehr allein um den nächsten Sieg. Es geht um Rekorde für die Ewigkeit. Doch wer ist nun besser? Die Statistik im gleichen Alter sagt klar: die Amerikanerin Mikaela Shiffrin. Doch was heisst das schon. Selbst Stenmark sagt: «Mich interessiert mein Rekord nicht mehr. Es ist schön, darüber zu reden, aber man kann Rekorde sowieso nicht vergleichen.»