Meistertitel: Bayrisches Märchen mit Happy End

Furioser Saisonfinal in der Bundesliga: Meistertitel für Bayern, Abschiedstore von Franck Ribéry und Arjen Robben, Sprechchöre für Nico Kovac. Für Lucien Favres Dortmunder blieb am Ende nur Platz zwei.

Jürgen Knappenberger, Carsten Meyer
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Arjen Robben, Rafinha und Franck Ribery (vorne von links) jubeln mit der Meisterschale. (Bild: Tobias Hase/Keystone, München, 18. Mai 2019)

Arjen Robben, Rafinha und Franck Ribery (vorne von links) jubeln mit der Meisterschale. (Bild: Tobias Hase/Keystone, München, 18. Mai 2019)

Unglaublich. Am Ende dieser Bundesliga-Saison gab es noch einmal so viele Geschichten, so viele emotionalen Momente, dass man gar nicht weiss, womit man anfangen soll. Vielleicht mit dieser 72. Minute in der Münchner Allianz-Arena. Dem Moment, als alle Dämme brachen. Franck Ribéry hatte den Ball auf dem linken Flügel bekommen, dribbelte mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Frankfurter Hintermannschaft und traf zum 4:1. In seinem letzten Heimspiel für die Bayern. Nach zwölf Jahren und mittlerweile 23 Titeln, darunter neun (!) Meisterschaften. Mehr, als jemals ein anderer Spieler gewonnen hat. Der kleine Franzose zählt schon längst zum bajuwarischen Kulturgut.

Ribéry, der ein sehr emotionaler Mensch ist, flippte vor Freude aus. Die Münchner Zuschauer, die sonst eher nicht so emotional sind, flippten ebenfalls vor Freude aus. Und auch die Mitspieler konnten sich nicht mehr zurückhalten. Von allen Seiten schossen sie auf den 36-Jährigen zu, selbst von der Ersatzbank aus. Sie nahmen ihn in die Mitte und tanzten. Es war ein herrliches Bild. Wen das kalt lies, der sollte auf schnellstem Weg den Kardiologen seines Vertrauens aufsuchen. Er dürfte kein Herz haben.

Kovac mit Tränen in den Augen

Und weil es gerade so herrlich kitschig war, dachte sich der Fussballgott: Setz ich halt noch einen drauf. Also gab er Arjen Robben den Ball. Auch für den 35-Jährigen war es das letzte Heimspiel. Nach zehn Jahren, acht Meistertiteln und einem Tor, das ihn zur Münchner Legende machte. Den 2:1-Siegtreffer 2013 im Champions-League-Final gegen Dortmund. Nun traf er zum 5:1-Endstand. Nicht ganz so wichtig, aber ebenfalls sehr emotional. «Einfach Wahnsinn», stammelte er später nur, «das lässt sich gar nicht beschreiben.»

Aber die Fans feierten nicht nur den Meistertitel. Sie feierten nicht nur ihre Helden Ribéry und Robben. Sie feierten auch einen mit Sprechchören, der es in den vergangenen Wochen nicht gerade leicht gehabt hatte: Trainer Niko Kovac. Die Verantwortlichen verweigerten ihm zuletzt ja so beharrlich die Rückendeckung, dass der eine oder andere fast schon Böswilligkeit dahinter vermutete. Doch der 47-Jährige blieb immer souverän. Und vor allem: Er lieferte. Als später die Meisterschale überreicht wurde, gewährte er zumindest einen kurzen Blick hinter die Fassade. Er hatte Tränen in den Augen.

So kam er später auch zum Interview. Sichtlich bewegt und komplett durchnässt nach der ­traditionellen Weissbierdusche. Kovac ist nun nach Franz Beckenbauer der zweite Münchner, der mit diesem Club als Spieler und Trainer Meister wurde. Nächste Woche kann er mit den Seinen im Pokalfinal gegen Leipzig sogar noch das Double perfekt machen. Und es mutete schon etwas seltsam an, dass er in diesem Moment nicht nur über das Gefühl des Triumphes sprechen musste – sondern auch über seine persönliche Zukunft. Noch am Freitag hatten die Internetportale Spox und Goal sein Aus zum Saisonende vermeldet.

Eine Information, die sich nicht mit dem Kenntnisstand des Trainers deckt. Er habe, sagte Kovac leicht nebulös, Informationen aus erster Hand: «Ich bin davon überzeugt, dass es weitergeht.» Weitere Details wollte er nicht nennen. Immerhin liess sich Sportdirektor Hasan Salihamidzic später zu einer Art Bekenntnis hinreissen. Auf die Frage, ob Kovac denn nun Trainer bleibe, meinte er: «Gehen wir davon aus.»

Favre: «Wir sind mit der Saison zufrieden»

Knapp 640 Kilometer entfernt in Mönchengladbach stand Kovacs Kollege Lucien Favre und hatte ebenfalls wenig Spass an der Gesprächsrunde mit den Reportern. Seine Dortmunder hatten zwar 2:0 gewonnen – aber am Ende reichte das nur zu Rang zwei. Und das, obwohl sie zwischendurch schon neun Punkte Vorsprung auf die Münchner hatten. «Wir sind mit der Saison zufrieden», sagte Favre und sah ganz und gar nicht zufrieden aus, «aber Titel sind sehr wichtig. Denn sie bleiben für immer.» Dafür hat es in dieser Saison nicht gereicht.

Sicher zum Leidwesen der Dortmunder Fans. Aber viele Fussball-Romantiker werden sich am gestrigen Tag aufrichtig gefreut haben. Für Ribéry. Für Robben. Und für Niko Kovac.