«Meine Entwicklung geht seit langem stetig nach oben»

Am Sonntag wurde Selina Büchel in Prag Europameisterin über 800 m. Die 23jährige Toggenburgerin über ihre Anfänge als Läuferin, ihr gestiegenes Selbstbewusstsein und ihren Leistungssprung im vergangenen Winter.

Raya Badraun
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Die Goldmedalliengewinnerin Selina Büchel. Die Toggenburgerin gewann im Foto-Finish Gold über 800 Meter. (Bild: Keystone)

Die Goldmedalliengewinnerin Selina Büchel. Die Toggenburgerin gewann im Foto-Finish Gold über 800 Meter. (Bild: Keystone)

Frau Büchel, am Sonntag wurden Sie Europameisterin. Können Sie es schon fassen?

Selina Büchel: Es ist alles so schnell gegangen. Ich habe gewonnen, gab Interviews, stand auf dem Podest. Da ist es im ersten Moment gar nicht bei mir angekommen. Nun glaube ich es langsam, aber es ist immer noch unwirklich.

Ihr Sieg ist ein historischer. Die letzte EM-Medaille in der Halle holte André Bucher 2002 mit Silber. Haben Sie damals das Rennen mitverfolgt?

Büchel: Wahrscheinlich nicht. Ich war als Kind in der Läuferriege Mosnang und absolvierte Stadtläufe. Die Leichtathletik-WM habe ich wahrscheinlich schon geschaut, aber André Bucher habe ich nicht verfolgt. Ich weiss jedoch noch, dass ich damals nicht auf der Bahn rennen wollte. Ich träumte auch nicht von den Olympischen Spielen.

Warum wurden Sie dennoch 800-Meter-Läuferin?

Büchel: Ich habe immer gerne trainiert und wollte mich verbessern. Beim KTV Bütschwil fand ich dann eine gute Laufgruppe und startete dort auch auf der Bahn. Mit der Zeit merkte ich, dass es mir immer mehr Spass machte.

Wann begannen Sie von Grossanlässen und Medaillen zu träumen?

Büchel: Das war ein längerer Prozess. Als junge Athletin war ich zwar vorne dabei und konnte an Nachwuchs-Grossanlässen wie etwa der U20-WM und der U23-EM teilnehmen. Ich war mir aber nicht sicher, ob meine Leistungen auch bei den Aktiven ausreichen würden. Mit der Zeit merkte ich, dass ich noch einen Schritt weitergehen kann. Und als ich vor einem Jahr an der Hallen-WM in Sopot Vierte wurde, habe ich gesehen, dass die Medaillen doch nicht so weit entfernt sind.

Dennoch verpassten Sie im vergangenen Sommer an der Heim-EM in Zürich den Final. Wollten Sie sich nun dafür revanchieren?

Büchel: Ich kann mir nicht vorwerfen, dass ich in Zürich etwas falsch gemacht habe. Es hat damals einfach noch nicht ganz gereicht, um vorne mitzulaufen. Dass hat mich motiviert. Ich wusste, dass ich noch zulegen muss. Ich bin jedoch überrascht, dass ich mich nun so stark verbessert habe. Noch im vergangenen Herbst hätte ich einen Sieg an der EM nicht für möglich gehalten.

Warum haben Sie so einen grossen Schritt nach vorne gemacht?

Büchel: Im Winter konnte ich sehr gut trainieren und wurde weder durch Verletzungen noch Krankheiten gestoppt. Zudem habe ich die Intensität des Trainings weiter gesteigert. Meine Entwicklung geht seit langem stetig nach oben – dies war nun der nächste Schritt.

An der EM in Prag wollten Sie gewinnen. Woher nahmen Sie dieses Selbstbewusstsein?

Büchel: Einerseits aufgrund der Trainings in Südafrika. Ich habe dort mit französischen Athleten trainiert und rasch gemerkt, dass ich besser in Form war, als sie. Oft verlängerte ich die Trainings oder zog sie durch, während die anderen Läuferinnen einbrachen. Andererseits machten mich auch die beiden Siege in Düsseldorf und Gent selbstbewusst.

Der Sieg an der Hallen-EM in Prag fiel am Ende sehr knapp aus. Einen Moment lang wussten Sie nicht, ob Sie nun Silber oder Gold geholt haben. Wie war das für Sie?

Büchel: Es war eine komische Situation. Ich dachte, dass auch Silber gut wäre. Immerhin war es meine erste Medaille an einem Grossanlass. Dennoch habe ich gehofft, dass ich gewinnen würde. Obwohl es so deutlich war, hatte ich in diesem Moment keine Ahnung, wer im Ziel vorne lag. Vier Hundertstelsekunden sind ja kein Fotofinish.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie den Zieleinlauf nochmals anschauen?

Büchel: Ich habe jedes Mal Angst, dass ich vielleicht doch noch überholt werde.

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