Mehr Live-Zuschauer als Wengen und Kitzbühel: Weshalb die Weltcup-Slaloms in Zagreb eine Show sind

Die Slaloms am Hausberg von Zagreb sind aus dem Weltcupkalender nicht mehr wegzudenken – auch wenn die Aushängeschilder fehlen.

Ives Bruggmann aus Zagreb
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2005 wurde in Zagreb erstmals ein Nachtslalom der Frauen ausgetragen. In diesem Jahr bestreiten die Männer am Sonntag ein Flutlichtrennen.

2005 wurde in Zagreb erstmals ein Nachtslalom der Frauen ausgetragen. In diesem Jahr bestreiten die Männer am Sonntag ein Flutlichtrennen.

APA

Enthusiastische Zuschauer, eine Krone für die Gewinner und in vielen Jahren ­kroatische Athleten, die um den Sieg mitfahren konnten. So lautet das Erfolgsrezept der Weltcupslaloms von ­Zagreb, die seit 2005 auf dem Gebirgszug Medvednica – zu Deutsch Bärenberg – mit seinem Gipfel Sljeme stattfinden. Dazu kommen eine tadellose Organisation sowie eine Infrastruktur, die keine Wünsche offen lässt, und eine selektive Piste.

Zugegeben, nach dem Rücktritt der Kostelic-Geschwister Janica (2007) und Ivica (2017) sind die Kroaten derzeit weit entfernt von einem Heimsieg am Sljeme. Die Euphorie der Zuschauer litt in den vergangenen Jahren ein ­wenig unter den fehlenden Aushängeschildern, zumindest bei den Männern besteht aber Hoffnung auf Besserung in absehbarer Zeit.

Die Slaloms von Zagreb, die zu ­Ehren von Janica Kostelic unter dem ­Titel «Snow Queen Trophy» laufen, erfüllen für Kroatien, Zagreb und den Internationalen Skiverband (FIS) darüber hinaus weit wertvollere Aufgaben. Der Anlass ist die Lebensader des ­kroatischen Skisports, die Rennen ­machen die Sportart im Volk populär. Zudem finden die Nachwuchsathleten am Sljeme ideale Trainingsbedingungen vor. Für den Wintertourismus im Balkan sind die Rennen in Zagreb beste Werbung, auch deshalb unterstützen Staat und Stadt das Organisations­komitee grosszügig mit rund einer ­Million Franken. Das Gesamtbudget beträgt rund drei Millionen. Für die FIS bildet Zagreb – mit anderen Orten wie Kranjska Gora oder Maribor – das Tor zum Balkan.

Bildstrecke: Die Königinnen und Könige von Zagreb

Janica Kostelic: Die vierfache Olympiasiegerin entfachte mit ihren Erfolgen eine Ski-­Euphorie in Kroatien. Ihr zu Ehren wird auch heute noch der Titel «Schneekönigin» von Zagreb vergeben. Selber hat die Kroatin den Slalom an ihrem Hausberg aber nie gewonnen.
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Ivica Kostelic: Der Slalomweltmeister von St. Moritz 2003 und Gesamtweltcupsieger 2011 gewann in seiner Karriere 14 Slaloms. Ein Sieg in Zagreb blieb ihm jedoch verwehrt. 2009 verpasste er den Heimsieg vor 20 000 Fans um fünf Hundertstelsekunden.
Marlies Schild: Die Österreicherin dominierte den ­Slalom im Weltcup über Jahre hinweg. Sie feierte in dieser Disziplin insgesamt 35 Siege. Die Krone als Schneekönigin von Zagreb durfte sich Marlies Schild gleich viermal aufsetzen lassen – Rekord.
Marcel Hirscher: Seit 2008 wird auf dem Berg Sljeme auch ein Männerslalom ausgetragen. Die Hälfte aller Rennen – zweimal fand wegen Schneemangels kein Anlass statt – gewann Marcel Hirscher. Er ist mit fünf Siegen zudem der einzige Mann, der mehr als einmal siegte.
Mikaela Shiffrin: Die US-Amerikanerin setzt im Slalom seit ihrem ersten Weltcupsieg Ende 2012 neue Massstäbe. Das ist in diesem Jahr auch in Zagreb möglich. Gewinnt Mikaela Shiffrin, wäre sie mit fünf Erfolgen alleinige Rekordhalterin und die unbestrittene Schneekönigin.

Janica Kostelic: Die vierfache Olympiasiegerin entfachte mit ihren Erfolgen eine Ski-­Euphorie in Kroatien. Ihr zu Ehren wird auch heute noch der Titel «Schneekönigin» von Zagreb vergeben. Selber hat die Kroatin den Slalom an ihrem Hausberg aber nie gewonnen.

Hans Klaus Techt, EPA

«Da waren Massen auf den Pisten»

Die Erfolge von Zagreb als Weltcup­destination zeigen auch die folgenden Zahlen: die Live-Übertragungen der Rennen werden in diesem Jahr in über 25 Ländern ausgestrahlt, Zusammenfassungen gar in über 50 Ländern weltweit. Nach Angaben der FIS gehören die Rennen am Sljeme jeweils zu den meistgeschauten im Kalender. Zu­sammengezählt erreichen Live-Über­tragungen, Zusammenfassungen und TV-Beiträge jährlich zwischen 150 und 300 Millionen Fernsehzuschauer. Die beiden Weltcup-Slaloms in Zagreb im vergangenen Winter erreichten zu­sammen gemäss FIS die höchste ­Anzahl an Live-Zuschauern am TV: 26,95 Millionen. Das sind mehr als bei den drei Rennen von Kitzbühel und Wengen.

Beat Tschuor, der Cheftrainer der Schweizer Frauen, war schon bei den ersten Rennen in Zagreb mit dabei. «Da waren Massen auf den Pisten», sagt der Bündner. Die Dimensionen seien zwar nicht mehr die gleichen wie zu den Hochzeiten der Kostelics, was bleibe sei aber die perfekte Organisation. «Ich habe hier noch nie eine schlechte Piste erlebt». Tschuor sagt:

«Das spricht für die Organisatoren, denn die Voraus­setzungen sind nicht immer einfach.»
Beat Tschuor, Cheftrainer der Schweizer Frauen.

Beat Tschuor, Cheftrainer der Schweizer Frauen.

Bild: Keystone

Der Frauencheftrainer erwartet einen der längsten Slaloms der Saison
(69 Tore) und damit auch eine konditionelle Prüfung für ­seine Athletinnen. Im oberen Teil habe es eine Einfahrt mit zwei giftigen Absätzen. «Weil danach ein Flachstück kommt, wird diese mitentscheidend.»

Danioth und die Kristallkrone

Unter den besten 15 ist die Schweiz mit drei Fahrerinnen vertreten: Michelle Gisin startet als Zweite, Wendy ­Holdener als Vierte und Aline Danioth als Zwölfte. «Zuerst einmal bin ich froh, dass wir drei Athletinnen in den ersten 15 haben», sagt Tschuor. Zu schaffen macht ihm derzeit die zweite Garde. Die Resultate von Charlotte Chable, Elena Stoffel oder Carole Bissig lassen noch auf sich warten. «Das Potenzial ist da. Wir wollen die Lücke nach vorne schliessen», sagt der Cheftrainer. ­Weniger beschäftigt Tschuor die sieglose Zeit von nunmehr schon 59 Weltcuprennen in Serie der Schweizer ­Frauen. «Es nützt nichts, dem Sieg nachzurennen. Er passiert, wenn wir gut arbeiten.»

Mit viel Selbstvertrauen startet ­Aline Danioth, die dank ihres besten Weltcupergebnisses, dem siebten Rang in Lienz, erstmals aus den Top 15 ­startet. An der Einstellung ändert die 21-jährige Urnerin deshalb nichts. «Ich muss weiter Vollgas geben und darf mich jetzt nicht zu sicher fühlen.» Bereits die Startnummernauslosung war für Danioth speziell.

«Es war immer eine Motivation für mich, einmal an dieser Zeremonie dabei zu sein.»
Aline Danioth.

Aline Danioth.

Bild: Keystone

Auf ein Training auf der Rennpiste musste Danioth am Vortag des Rennens verzichten. «Es ist für alle gleich. Deshalb macht mir das nichts aus.» Sie erwartet «einen sehr langen Slalom mit einer Knacknuss zum Schluss». Damit spricht Danioth den schwierigen Schlusshang an. Dazu komme, dass dann die Beine bereits brennen. Als Kind war Danioth übrigens ein grosser Fan von Janica Kostelic. Und auch wenn die Kroatin das nach ihr benannte Heimrennen nie gewonnen hat, die Kristallkrone hat auf die junge Aline Danioth schon immer eine besondere Faszination ausgeübt.

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