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Marlen Reusser verpasst an ihrem 30. Geburtstag WM-Gold und sagt unter Tränen: «Ich dachte, ich habe gewonnen»

Marlen Reusser fährt im WM-Zeitfahren an ihrem 30. Geburtstag zu Silber. Zu Gold fehlen der Bernerin 10 Sekunden. Gold geht an die Holländerin Ellen van Dijk, Bronze an Landsfrau Annemiek van Vleuten.

Simon Häring
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Marlen Reusser holt Silber, aber verpasst die erhoffte Goldmedaille.

Marlen Reusser holt Silber, aber verpasst die erhoffte Goldmedaille.

Olivier Hoslet / EPA

Silber an den Olympischen Spielen, Gold an den Europameisterschaften und nun Silber an den Weltmeisterschaften in Flandern: Marlen Reusser verpasst an ihrem 30. Geburtstag zwar die Goldmedaille im Zeitfahren, freut sich aber über Silber – zum WM-Titel fehlen ihr 10,29 Sekunden.

Auf der 30,3 Kilometer langen und flachen Strecke von Knokke-Heist nach Brügge liegt Reusser bei der ersten Zeitmessung nach 13,8 Kilometern 3,6 Sekunden vor der eine Stunde vor ihr gestarteten Holländerin Ellen van Dijk (34). Nach zwei Dritteln der Strecke beträgt der Vorsprung nur noch 2,91 Sekunden, im Ziel resultiert ein Rückstand von 10,29 Sekunden auf die Weltmeisterin von 2013. Bronze geht an van Dijks Landsfrau Annemiek van Vleuten (38), die 24 Sekunden auf die Bestzeit verliert.

Reusser wollte Gold, Silber ist für sie nur ein Trostpreis. Im Ziel musste sie die Tränen unterdrücken und sagte: «Ganz ehrlich: Ich bin sehr enttäuscht. Es ist nicht, wofür ich hergekommen bin.» Besonders bitter: Die Bernerin wähnte sich bereits am Ziel ihrer Träume. «Ich dachte bis zur Ziellinie, ich hätte gewonnen. Als ich sah, dass ich nur Zweite bin, war das ein Schock für mich. Das war mein grosses Ziel, mein Lebenstraum. Das ist bitter.»

Erste Enttäuschung in Reussers Karriere

Für Marlen Reusser ist es die erste Enttäuschung in einer Karriere, die nur eine Richtung kannte: nach oben. Bei den Olympischen Spielen hatte sie Silber gewonnen, vor anderthalb Wochen wurde sie Europameisterin, für die Weltmeisterschaften in Flandern, im Herzen des Radsports, hatte sie sich vorgenommen, an ihrem 30. Geburtstag Weltmeisterin im Zeitfahren zu werden - als erst zweite Schweizerin nach Karin Thürig, die 2004 in Verona und 2005 in Madrid jeweils die Golmedaille gewonnen hatte.

In der Vorbereitung überliess Reusser nichts dem Zufall. Um ihre Position auf dem Fahrrad zu verbessern, reiste sie im Frühling für Tests in einem Windkanal mehrfach nach Norditalien. An der Entwicklung ihres neuen Rads war ein Formel-1-Ingenieur des früheren Sauber-Teams beteiligt.

Zum dritten Mal bei einem Grossanlass Silber: Marlen Reusser.

Zum dritten Mal bei einem Grossanlass Silber: Marlen Reusser.

Olivier Hoslet / EPA

Im Radsport gilt die Bernerin als Exotin und Rebellin. 2017 löste sie ihre erste Lizenz – und gewann im gleichen Jahr ihren ersten nationalen Titel. Noch zwei Jahre lang arbeitete sie parallel zum Sport als Assistenzärztin, bis sie sich 2019 für den Profisport entschied, und auf den elterlichen Bauernhof in Hindelbank im Emmental zurückzog, um Geld zu sparen. In jenem Jahr gewann die mittlerweile 30-Jährige das Zeitfahren an den Europaspielen in Weissrussland, ein Jahr später wurde sie im Zeitfahren auf der Rennstrecke von Imola WM-Zweite – ebenfalls im Zeitfahren.

Seither hält die Quereinsteigerin den internationalen Radsport in Atem.

Wegen ihrer abgemagerten Teamkollegin schickte Marlen Reusser Briefe an verschiedene Verantwortliche im Radweltverband UCI. Sie plädiert für eine Untergrenze beim Body-Mass-Index BMI. Wer diesen unterschreite müsse zum detaillierten Gesundheitscheck und mit einer Sperre rechnen. Im April kritisierte sie, dass die Weltmeisterschaften auf der Bahn in Turkmenistan stattfinden sollten und warf dem Präsidenten der UCI, David Lappartient, in der «NZZ» ein «beinahe mafiöses Verhalten» vor. Auch der Klimawandel treibt sie um. Als junge Erwachsene war sie Präsidentin der Jungen Grünen im Kanton Bern und kandidierte für den Nationalrat.

Nächste Medaillenchance im Strassenrennen

Anders als viele Spitzensportlerinnen scheut Marlen Reusser nicht davor zurück, sich zu politischen und gesellschaftlichen Fragen zu äussern. Im «Blick» bezeichnete sie die Schweizer als Angsthasen. Dass im Jahr 2021 über die «Ehe für alle» abgestimmt werden müsse, sei absurd: «Wenn Herr Müller Herr Dänzig heiraten möchten, soll er das doch tun dürfen.» Zur «99-Prozent-Initiative» sagte sie: «Die, die viel haben, könnte man mehr zahlen lassen. Und jenen, die hart arbeiten, Familie haben und beissen müssen, könnte man das Leben etwas erleichtern.» Danach gefragt, wo sie sich in 10 Jahren sehe, sagte sie: «Vielleicht bin ich Bundesrätin.»

Zuvor will Reusser aber weiter Radsportgeschichte schreiben. Vielleicht schon am Samstag. Bisher war nur eine Schweizerin Weltmeisterin auf der Strasse: 1996 in Lugano triumphierte Barbara Heeb. Unmöglich erscheint das nicht. Bis zu den Olympischen Spielen galt sie als reine Zeitfahrerin. Danach trug sie in zwei Rundfahrten das Leaderinnentrikot – und hielt in einem Bergzeitfahren mit Annemiek van Vleuten mit. Jener Frau, die in den vergangenen Jahren alles dominiert hatte. Eine Medaille liegt bereit.

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