Mario Gavranovic: Er war schon fast vergessen, jetzt geniesst er sein zweites Nati-Leben

Zwei Tore gegen Deutschland. Letzte Woche eines gegen Kroatien. Mario Gavranovic, 30, ist der grosse Gewinner der letzten Länderspiel-Woche. Dabei schien seine Nati-Karriere eigentlich schon lange vorbei.

Etienne Wuillemin
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Viel Grund zum Lachen: Mario Gavranovic spielt so gut wie noch nie in der Nati.

Viel Grund zum Lachen: Mario Gavranovic spielt so gut wie noch nie in der Nati.

Sascha Steinbach / EPA

Wahrscheinlich erinnert sich Mario Gavranovic noch lange an diesen einen Abend. Zwei Tore in einem Länderspiel gegen Deutschland – es ist mehr als aussergewöhnlich. Doch vielleicht stehen diese Tore auch für mehr. Nämlich für eine bemerkenswerte Verwandlung des Stürmers, die kaum jemand erwartet hätte.

30 Jahre alt ist Gavranovic mittlerweile, schon 30 Jahre. «Er beginnt gerade sein zweites Leben als Fussballer», sagt Toni Esposito. Der langjährige Nati-Spieler aus dem Tessin, der heute als Fernsehexperte fürs RSI tätig ist, kennt Gavranovic schon lange. «So gut wie derzeit habe ich ihn noch nie gesehen. Vielleicht hat die Nati gerade einen neuen Stürmer erhalten.»

Gavranovic ist der grösste Gewinner dieser Länderspiel-Woche mit den drei Partien gegen Kroatien (1:2), Spanien (0:1) und Deutschland (3:3). Drei Tore in 170 Spielminuten, es ist eine herausragende Bilanz für einen, den man eigentlich schon abgeschrieben, oder zumindest nicht mehr sonderlich auf dem Radar hatte.

Tor 1 gegen Deutschland: Per Kopf über Neuer hinweg.

Tor 1 gegen Deutschland: Per Kopf über Neuer hinweg.

Claudio Thoma/Freshfocus / freshfocus
Tor 2 gegen Deutschland: Mit einem Knaller unter die Latte.

Tor 2 gegen Deutschland: Mit einem Knaller unter die Latte.

Martin Meissner / AP

Das hat viel mit der kroatischen Liga zu tun, in der Gavranovic spielt. Seit bald fünf Jahren schon. Und mit beachtlichem Erfolg. Erst von Anfang 2016 bis Ende 2017 für Rijeka (40 Tore in 80 Partien). Seither für Dinamo Zagreb (33 Tore in 95 Spielen). In diesem Sommer nun wäre das Kapitel Kroatien eigentlich zu Ende gewesen. Sein Abschied schien beschlossene Sache, doch dann kontaktierte ihn Dinamo plötzlich wieder. «Wir haben uns sehr schnell auf eine Rückkehr einigen können», sagt Gavranovic. «Für meine Familie und mich war das die beste Option, weil wir uns in Zagreb am wohlsten fühlen.» Seit Mai 2019 sind Gavranovic und seine Frau Anita Eltern von Leonie. Überhaupt ist der Verein für Gavranovic eine Herzensangelegenheit ist. Seine Eltern stammen aus Kroatien, sind seit jeher Fans des Clubs. Der Start in die neue Saison ist geglückt. In sechs Partien hat er bereits wieder fünf Tore erzielt.

Was aber hat zur Verwandlung von Gavranovic im Nationalteam geführt? «Er war schon immer ein Strafraum-Stürmer. Einer, der nur an Tore gedacht hat, am liebsten von sich selbst. Jetzt hat er die Lust am Spielen entdeckt», sagt Esposito.

Er hat die Lust am Spielen entdeckt: Gavranovic fühlt sich so wühl wie noch nie in der Nati.

Er hat die Lust am Spielen entdeckt: Gavranovic fühlt sich so wühl wie noch nie in der Nati.

Georgios Kefalas / EPA

In der Tat. Gavranovic ist nicht mehr der Stürmer, der nur im Strafraum agiert und sich für nichts als Tore interessiert. Er ist präsent, in die Angriffe eingebunden, kann die Bälle halten oder kluge Pässe schlagen (wie vor Freulers 2:0). Dazu läuft er viel und gut. Es sind Dinge, die man von ihm nicht immer sah. Und die dazu führen, dass nur ein Fazit bleibt: Gavranovic ist in dieser Form und mit diesem Selbstvertrauen ein echter Gewinn für die Nati.

Klar ist: In einem Zwei-Mann-Sturm mit Seferovic ist er besser aufgehoben als alleine. Gavranovic sagt: «Ich denke, mein Spielstil hat sich nicht gross verändert. Aber ich habe mehr Erfahrung als früher und in mit den vielen Spielen in meiner Karriere gelernt, gewisse Situationen besser zu lösen.»

Mit 19 wechselte er in die Bundesliga: Geduld war nicht seine grosse Stärke, Selbstvertrauen hatte er im Übermass

Die Frage ist einfach: Wie lange hält sein Hoch diesmal? Die Karriere von Gavranovic ist ein Auf und Ab ohne Ende. Mit 19 Jahren wechselte er von Xamax zu Schalke in die Bundesliga. Geduld war nicht seine grösste Stärke. Manch einmal wirkte er verbissen. Und vor allem glaubte er, viel weiter zu sein, als es den Tatsachen entsprach. Nach einer Leihe von Schalke zu Mainz, kehrte er mit 22 Jahren zurück in die Schweiz, zum FC Zürich. Kurz darauf startete seine «erste» Nati-Karriere unter Ottmar Hitzfeld.

Schon damals brachte ihm ein Testspiel gegen Kroatien Glück, zwei Tore erzielte er. «Gekommen, um zu bleiben», schrieb diese Zeitung. Und spätestens als er auch in seinen nächsten beiden Partien in der WM-Qualifikation traf, dachte man: Da spielt sich einer in die Herzen der Nati-Fans.

Doch das Hoch flachte ab. Gavranovic fühlte sich manch einmal unverstanden. Hätte mehr Einsätze erwartet. An der WM 2014 war er bitter enttäuscht, in der Vorrunde keine Minute gespielt zu haben. Danach riss er sich im Training vor dem Achtelfinal gegen Argentinien noch das Kreuzband. Wie er im Rollstuhl am Flughafen von Sao Paulo von einem Betreuer zum Gate Richtung Zürich gebracht wurde, war das letzte Bild von ihm rund um das Nationalteam für fast vier Jahre.

WM 2014 in Brasilien: 0 Einsatzminuten, und am Ende das Kreuzband gerissen.

WM 2014 in Brasilien: 0 Einsatzminuten, und am Ende das Kreuzband gerissen.

Keystone

Solange dauerte es nämlich, bis er von Vladimir Petkovic erstmals aufgeboten wurde und aus der Vergessenheit zurückkehrte. Fortan war er meistens im Kader, manchmal auch nicht, aber spielen durfte er gleichwohl nur wenig. In der EM-Qualifikation kam er einzig auf zwei Teileinsätze gegen Georgien und Gibraltar (ein Tor).

Und nun, bedeuten die jüngsten Leistungen die grosse Befreiung? Das späte Glück im zweiten Leben des fast schon Vergessenen? «Mal schauen», sagt Gavranovic selbst. «Ich bin einfach zufrieden, dass ich die Chance erhalten habe, zu spielen. Ich habe nun in drei Spielen drei Tore erzielt.» Er hat gelernt, dass es sich kaum lohnt, zu weit nach vorne zu schauen. Oder Ansprüche zu stellen. Dafür ist er zu sehr gereift. Aber die Fakten alleine, die sagen derzeit schon ziemlich alles.