Maria Scharapowa tritt zurück – sie bleibt als Königin der Inszenierung in Erinnerung

Im Alter von 32 Jahren tritt mit Maria Scharapowa eine der schillerndsten Figuren des Frauentennis zurück. Die Russin war die Nummer 1 der Welt und gewann fünf Grand-Slam-Turniere. Nach ihrer Dopingsperre schaffte sie den Anschluss an die Weltspitze nicht mehr. Eine Würdigung.

Simon Häring
Drucken
Teilen
Maria Scharapowa tritt 32-jährig zurück.

Maria Scharapowa tritt 32-jährig zurück.

Bild: Keystone

Durch das Tennis wurde Maria Scharapowa zu einem der bekanntesten Gesichter des Sports. Und zu einem der reichsten. Was immer die Russin in ihrem Leben und in ihrer Karriere tat schien minutiös und bis ins letzte Detail geplant. So überrascht es auch nicht, dass sie ihren Rücktritt im Lifestyle-Magazin «Vanity Fair», in ihrer eigenen Kolumne verkündete.

«Tennis, ich sage goodbye», stand in grossen Lettern, daneben ein Schwarz-Weiss-Porträt von Scharapowa mit zerzaustem Haar und leicht geöffneten Lippen. Sie habe ihr ganzes Leben dem Sport gegeben, «und Tennis gab mir ein ganzes Leben zurück», schreibt Scharapowa. Ihr Stern ging 2004 in Wimbledon auf, als sie 17-jährig im Final die Nummer 1 der Welt, Serena Williams, besiegte.

Es war der Anfang einer Rivalität, die aus sportlicher Perspektive nie eine war. Scharapowa gewann im gleichen Jahr noch einmal gegen Williams, verlor aber seit 2014 alle 18 Duelle, das letzte 2019 in Startrunde der US Open gleich mit 1:6, 1:6.

Tennis sei ihr Fels gewesen, heisst es in der Kolumne, «die Täler waren tief, aber die Aussicht von der Spitze war unglaublich.» Nach 28 Jahren in dem Sport sei sie nun aber bereit, «neue Gipfel zu besteigen, mich auf einem anderen Terrain als Wettkämpferin zu beweisen.» Es seien vor allem körperliche Beschwerden, die die Russin 28 Jahre nach ihren ersten Versuchen mit Ball und Schläger zu diesem Schritt bewogen hätten.

Immer wieder sei sie mit denselben Situationen konfrontiert worden: «Hast du genug getan? Bist du gut vorbereitet? Du hattest ein paar Tage Auszeit, dein Körper verliert Spannung. Noch ein Stück Pizza? Besser noch eine Trainingseinheit. Das hinterlässt Spuren.» In ihr war die Erkenntnis gereift, dass sie ihre Körper genug geschunden hat. Spätestens im letzten Herbst, als sie nur noch mit Schmerzmitteln habe spielen können.

2004 gewann Scharapowa in Wimbledon

Seither spielte Scharapowa nur noch zwei Matches, sowohl in Brisbane als auch bei den Australian Open verlor sie in der Startrunde. Zuletzt wurde die Russin nur noch im 373. Rang der Weltrangliste geführt. Die letzten Jahre waren von zahlreichen Verletzungen geprägt. Und vom düstersten Kapitel in ihrem Leben. 2016 war Scharapowa während der Australian Open positiv auf die Substanz Meldonium getestet worden.

Der Wirkstoff kommt in herz- und kreislaufwirksamen Medikamenten zum Einsatz. Scharapowa sagte aus, sie habe wegen Magnesiummangels, Schwindel und einer familiären Vorbelastung für Diabeteserkrankungen während mehr als zehn Jahren Meldonium zu sich genommen. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass die Substanz ab dem Jahr 2017 auf der Dopingliste stehe. Ihre Sperre wurde von zwei Jahren auf 15 Monate reduziert.

Trotz Dopingsperre immer in den Schlagzeilen

Trotz der Sperre verschwand Scharapowa nie aus den Schlagzeilen. Von allem Anfang an wurde ihre Absenz von ihrem Agenten Max Eisenbud inszeniert. Als im Mai 2016 die French Open gespielt wurden, bewarb die Russin in Paris ihre Süssigkeitenlinie «Sugarpova». Im Monat darauf erschien «The Point», ein Film, der die 15-monatige Absenz dokumentiert. Und im September erschien die Biografie «Unstoppable» (Unaufhaltsam).

Vor dem ersten Spiel der US Open 2017 erzählte sie, die als 7-Jährige aus Sibirien in die Bollettiere-Akademie nach Florida gewechselt war, dass sie dort einst die Kleider ihrer Landsfrau Anna Kournikowa getragen habe. Wieder so eine nette Anekdote. Wieder so eine schöne Inszenierung von der Frau, die den Platz immer auch als Laufsteg der Eitelkeiten verstand.

So spielte sie bei ihrem letzten Auftritt in Betonschüssel von New York in einem vom Designer Riccardo Tisci für sie entworfenen Cocktail-Kleid. Es ist schwarz und mit Spitzeneinlässen verziert. Maria Scharapowa sagte damals: «Hinter allen diesen Swarovski-Perlen steckt ein Mädchen mit sehr viel Mut und Charakterstärke. Und es hat nicht vor, so schnell zu verschwinden.»

Obwohl sie sich auf Hartbelägen am wohlsten fühlte, gewann Scharapowa zwei ihrer fünf Grand-Slam-Titel in Paris. Nebenbei kreierte sie auch das Bonmot, wonach sie sich auf Sand «wie eine Kuh auf Eis» gefühlt habe. Scharapowa gewann 36 Titel, 2012 an den Olympischen Spielen in London Einzel-Silber, 2008 mit Russland den Fed Cup. Während 21 Wochen führte sie die Weltrangliste an, erstmals im August 2005.

Scharapowa verstand den Platz auch immer als Laufsteg der Eitelkeiten.

Scharapowa verstand den Platz auch immer als Laufsteg der Eitelkeiten.

Bild: Keystone

Es sind erstaunliche Zahlen für eine, deren Spiel immer auch belächelt worden war. Nicht nur wegen des lauten Stöhnens, das die meisten ihrer Schläge begleitete, sondern vor allem auch in technischer Hinsicht. Bis zu ihrer ersten Schulteroperation im Jahr 2008 verfügte Scharapowa über einen erstklassigen Aufschlag, ihr Prunkstück war die Rückhand.

Am Netz fühlte sie sich hingegen nie wohl, den Volley spielte sie bis zuletzt immer mit einer Topspin-Bewegung. Zwar verfügte sie über eine erstklassige Rückhand und ein kraftvolles Spiel, doch die Vorhand war so anfällig, dass Scharapowa einmal sogar mit dem Gedanken spielte, sie künftig mit der linken Hand zu spielen.

Vielleicht war aber auch das nur reine Koketterie von der Königin der Inszenierung. Auch das wird künftig fehlen.