MANGEL: Das Schiedsrichter-Problem

Schiedsrichter sind im Breitenfussball unentbehrlich, aber ihr Job ist verpönt. Eine Konstellation, die nicht aufgeht und die Vereine verzweifeln lässt.

Pascal Koster
Merken
Drucken
Teilen

Pascal Koster

An diesem Wochenende geht für die regionalen Fussballvereine die Vorrunde zu Ende. Mit der Winterpause beginnt für die Clubs eine grosse Herausforderung. Sie müssen für die Frühlingsrunde auf die vom Verband geforderte Anzahl Schiedsrichter kommen. Auf zwei Elferteams muss ein Schiedsrichter folgen, so die Regelung. Kann ein Verein die Forderungen des Verbands auf Dauer nicht erfüllen, ist er gezwungen, eine Mannschaft zurückzuziehen. Ein Bestrafungsmittel, das so mancher Verein als zu hart erachtet. Die Sanktion wollen die gefährdeten Clubs daher mit aller Macht verhindern. Es ist längst kein Einzelfall mehr, dass Schiedsrichter mit Geldsummen zu einem Vereinswechsel gestimmt werden sollen. Eine Methodik, die vielerorts schlecht ankommt.

Der «Handel» mit den Schiedsrichtern

Marcel Stofer, Präsident der Schiedsrichterkommission des Ostschweizer Fussballverbands, kann ein solches Vorgehen nicht nachvollziehen: «Das ist die schlechteste Lösung überhaupt. So wird das Problem nur verlagert.» Vielmehr solle man doch auf die Ausbildung und Rekrutierung von Schiedsrichtern aus dem eigenen Verein bauen. Auch Roger Meier, der Schiedsrichter-Verantwortliche des SC Brühl, teilt seine Ansicht. Er respektive der Verein war selbst schon in solche Geschäfte involviert – als Opferpartei. «Man hat sogar auf der eigenen Sportanlage versucht, unsere Schiedsrichter abzuwerben. Das finde ich nicht in Ordnung.» Auch schon habe er erlebt, dass sich ein Schiedsrichter sehr aktiv nach dem höchstbietenden Verein umgeschaut habe, um dann dorthin zu wechseln. «Entweder ist man Schiedsrichter aus Freude oder dann gar nicht», sagt er, der früher auch Referee gewesen ist.

Der Sportclub Brühl hat keine Probleme mit dem Stellen der Schiedsrichter, obwohl im Vergleich zu anderen Clubs extrem viele Mannschaften beim OFV angemeldet sind. «Dass wir ein grosser Club sind, ist wahrscheinlich genau unser Vorteil. Wir haben eine viel grössere Juniorenabteilung und damit auch mehr potenzielle Schiedsrichter», so Meier.

Etwas anders sah es in den vergangenen Jahren beim FC Herisau aus. Der Schiedsrichter-Verantwortliche José Antonio Pereiera blickt zurück: «Wir hatten viel zu kämpfen. Einmal erfüllten wir beispielsweise das Kontingent nicht, weil sich ein erfahrener Schiedsrichter eine Verletzung zuzog.» Eine Mannschaft deswegen zurückziehen musste der FC Herisau allerdings nicht. Bis zu Beginn der Frühlingsrunde haben die Vereine, die den Pflichten nicht nachgekommen sind, noch eine Chance, die fehlenden Referees aufzutreiben. «Wir haben dann sofort probiert, die Jungen zu begeistern», sagt Pereira. Er ist selbst Schiedsrichter für den FC Herisau und als Assistent in der 2. Liga interregional tätig. Tatsächlich wurden einige Interessierte gefunden.

Auch wenn er niemanden hätte begeistern können, wäre die Option des Schiedsrichter-Kaufs nicht in Frage gekommen, behauptet Pereira. «Das ist nicht unsere Philosophie. Das Ziel muss sein, Junge für den Job des Schiedsrichters zu motivieren.»

Der Hund liegt woanders begraben

Dass sich weder Brühl noch He-risau derzeit über einen Schiedsrichter-Mangel beklagen, bestätigt Kommissionspräsident Marcel Stofer in seiner Einschätzung der Thematik. Er will nicht per se von einem Mangel sprechen: «Eigentlich würde die Anzahl Ostschweizer Schiedsrichter gut ausreichen. Mir macht aber Sorgen, dass viele Schiedsrichter ihre Kontingente nicht erfüllen.» Ein Unparteiischer muss 16 Spiele pro Jahr leiten, damit er für den Verein zählt. So haben einige Vereine zwar genügend Schiedsrichter – aber wegen zu wenig Einsätzen eben doch nicht. Gemäss Stofer seien hierbei die Stammvereine gefragt. «Das Club-Umfeld muss dem eigenen Schiedsrichter natürlich auch eine gewisse Wertschätzung entgegenbringen. Wenn du immer alleine unterwegs sein musst, vergeht dir der Spass irgendwann.»

Auf die Frage, was ihn denn dazu bewegt habe, Schiedsrichter zu werden, antwortet er: «Ich war früher selbst Spieler und habe die Schiedsrichter immer sehr schlecht gefunden. Deshalb habe ich gedacht, so schwer kann das ja nicht sein.» Dass es keine leichte Aufgabe sei, habe er jedoch schnell festgestellt. Trotzdem schaffte es Stofer bis in die damalige NLB. «Das Schiedsrichter-Dasein gibt dir Möglichkeiten, die du als Spieler nie hast. Als Fussballer hätte ich zum Beispiel nie auf einem Stadionrasen gestanden.»

Als Schiedsrichter gibt es zweifellos mehr Perspektiven, womit die Vereine gezielt werben. «Einem Spieler, dem es fussballerisch nicht reicht, mache ich bewusst, dass er es als Schiedsrichter vielleicht weit bringen kann», sagt Roger Meier. Zwar ein hartes Verdikt für den Spieler, doch beiden Parteien wäre mehr geholfen. Ein Bankdrücker könnte so eines Tages mit Neymar auf dem Platz stehen.

Hinweis

Am Mittwoch, 22. November, findet ab 19 Uhr eine OFV-Infoveranstaltung zum Schiedsrichterwesen im Kybunpark statt.