Töff-Star Lüthi muss wieder von vorne beginnen

Es gibt für Tom Lüthi (32) ein Rennfahrerleben nach dem MotoGP-Abenteuer. Aber er musste soeben erfahren, dass auch das schwierig sein wird.

Klaus Zaugg, Jerez
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Keine Zeit zum Durchatmen. Nur fünf Tage nach dem letzten MotoGP-Rennen in Valencia hat für Tom Lüthi am Freitag in Jerez die Zukunft begonnen. Nach dem missglückten Abenteuer «MotoGP» (kein WM-Punkt in 18 Rennen) kehrt er in die Moto2-WM zurück. Es war, als ob der Himmel den Emmentaler nach einem Jahr Abwesenheit nun wieder begrüssen wollte: Die Wolken verziehen sich, und es wird ein wunderbarer Freitagnachmittag mit einer schrägstehenden, goldenen spanischen Wintersonne.

Die Piste trocknet ab. Zum ersten Mal können diese «Cowboys ohne Rinder» so richtig mit den nigelnagelneuen 2019er-Moto2-Modellen Gas geben. Sie haben am Freitag und am Samstag getestet und fahren heute noch einmal. Aber heute ist Regen angesagt, die Rundenzeiten können nicht mehr verbessert werden. Für alle beginnt wieder alles von vorne. Nicht mehr 600er-Zweizylinder-Honda-Einheitsmotoren treiben jetzt die Moto2-Höllenmaschinen an. Sondern 765er-Dreizylinder von Triumph. Mehr Power, mehr Elektronik.

Die grosse Frage, die alle umtreibt: Kann Tom Lüthi wieder dort anknüpfen, wo er 2017 aufgehört hat? Er hat die Moto2- WM 2016 und 2017 auf dem 2. Schlussrang beendet und bereits elf Moto2-GP gewonnen. Also kehrt er als Star zurück. Kein Moto2-Pilot hat eine so ruhmreiche Vergangenheit. Der Rückkehrer aus der MotoGP-Klasse steht im Mittelpunkt des Interesses.

Die Rennfahrerei macht wieder Spass

Optisch ist alles in bester Ordnung. Das Lederkombi seines neuen Arbeitgebers passt. 2019 und 2020 wird Lüthi in den Farben des Deutschen «Dynavolt»-Teams fahren, und sein Teamkollege heisst dort Marcel Schrötter (23). Der Deutsche hat in mehr als 100 Moto2-Rennen erst einen einzigen Podestplatz herausgefahren und die Moto2-WM auf dem 8. Rang beendet – seine beste Saison. Im Vergleich zu Lüthi (45 Podestplätze) nur ein fahrerischer Nasenbohrer.

Optisch scheint alles tipptopp. Und Tom Lüthi ist nach den ersten zwei Testtagen zuversichtlich. Er strahlt nicht mehr pflichtbewusst künstlichen Optimismus aus wie im Laufe dieser Saison. Sondern echten. Ganz offensichtlich macht ihm die Rennfahrerei wieder Spass. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Team sei sehr gut angelaufen. Er habe bloss die perfekte Sitzposition auf der neuen Maschine noch nicht gefunden. Kein Problem. Der Wechsel in die neue Klasse sei ein wenig wie eine Züglete im richtigen Leben: die Schränke ausräumen, die Sachen packen und am neuen Ort wieder alles auspacken. Wenn er sagt: «Ich muss jetzt vorwärtsschauen», so ist das mehr als einfach ein Spruch. Nur wenn er die missglückte ­MotoGP-Saison so schnell wie möglich vergisst und sein fahrerisches Selbstvertrauen wiederfindet, hat er eine Chance. Nach diesen ersten Tests ist Pause bis zum 31. Januar 2019. Der Eindruck aus diesen drei ersten Tagen bleibt also über die ganze Winterpause bestehen.

Aber der Schein kann auch trügen. Wenden wir uns den harten Fakten zu. Den gefahrenen Rundenzeiten. Keine Polemik. Und dann sehen wir: Tom Lüthi muss wieder von vorne beginnen. Er hat eine grosse Moto2-Vergangenheit, er war in der zweitwichtigsten Töff-WM ein Star. Aber nun ist er «nur» noch ein Aussenseiter. Nach zwei Tagen finden wir ihn auf dem 12. Platz. Immerhin ist er schneller als Dominique Aegerter (28), der es mit der neuen MV Agusta bloss auf Platz 22 unter den 30 Piloten geschafft hat. Aber der Rückkehrer ist hinter seinem Teamkollegen Marcel Schrötter (6.), dem Nasenbohrer, klassiert.

Ein Grund zur Sorge? Noch nicht. Lüthi hat nach einer Saison «Prozessionsfahren» praktisch ohne Überholmanöver den Kampfmodus der Moto2-Klasse noch nicht gefunden. Aber das ist logisch. Dank seiner immensen Erfahrung wird er den Kampfmodus noch finden. Aber er wird nicht zu den Titelfavoriten gehö­ren. Das kann nur gut sein. Er hat sich mit der Favoritenrolle schon immer schwergetan.

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