Kolumne
Was im Sport alles verboten ist: Logisch oder grenzwertig?

Die Kolumne «Spritzensport» beschäftigt sich mit Themen rund um Doping und den Kampf dagegen. Aktuell geht es um die stetig wachsende Liste der verbotenen Substanzen, bei denen sich leicht Widersprüche finden lassen.

Rainer Sommerhalder
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Gut 300 Substanzen sind im Sport verboten, weil sie auf der Dopingliste stehen. Das sind doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Einige Wissenschafter monieren, es fehle bei einem nicht unwesentlichen Teil dieser zumeist pharmazeutischen Stoffen an tatsächlichen Beweisen für eine Leistungssteigerung im Sport.

Ein Beispiel: 2016 fand die Substanz Higenamin Aufnahme in die Verbotsliste der Beta-2-Agonisten. Bekannteste Substanz dieser Gruppe ist das Asthmamittel Salbutamol. Higenamin ist ein pflanzlicher Stoff, der in der chinesischen Medizin weit verbreitet ist und sich oft in Nahrungsergänzungsmitteln findet. Entsprechend gab es in den ersten 24 Monaten nach dem Verbot 113 positive Fälle. Doch auch drei Jahre nach dem Verbot für Sportler fehlt eine klinische Studie zur Wirksamkeit.

Zwei weitere Fakten zur umstrittenen Logik der Dopingliste. Die Analytik in den Laboren kann heute bereits kleinste Mengen einer Substanz nachweisen. Damit steigt die Gefahr von unabsichtlichem Doping. Die Problematik der Verunreinigung von Nahrungsergänzungsmittel ist hinlänglich bekannt. Perfider sind Beispiele, in denen ein anerkanntes Medikament für Sportler verbotene Fremdstoffe beinhaltet, die aber gemäss pharmazeutischen Verordnung toleriert werden. In einem Fall in der Schweiz ging es um das Schmerzmittel Ibuprofen. Nur weil Antidoping Schweiz den Athleten dabei unterstützte, seine Unschuld zu beweisen und eine 30 000 Franken teure Laboranalyse finanzierte, kam es zu keiner Sperre.

Um das Risiko einer ungerechtfertigten Verurteilung zu verkleinern, gibt es bei verschiedenen Substanzen Grenzwerte. Aber auch deren wissenschaftliche Gültigkeit ist umstritten. Und manchmal auch unlogisch. So verlor Usain Bolt 2008 Olympiagold mit der Staffel, weil ein Teamkollege mit dem Stimulanz Methylhexanimin erwischt wurde. Dessen tolerierter Wert beträgt 50 Nanogramm. Hätte der jamaikanische Sprinter das erst noch wirksamere Pendant Pseudoephedrin verwendet, wäre wohl nichts passiert. Denn dessen Grenzwert beträgt 150 000 Nanogramm. Solche Relikte sollten nicht nur aus Sicht der Gerechtigkeit endlich aus der Dopingliste entfernt werden. Es geht auch um die Glaubwürdigkeit.

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