Literatur verbindet Kulturen

Gleich zweimal liest die japanische Autorin Yoko Tawada diese Woche im Thurgau. Bevor sie am Donnerstag nach Gottlieben kommt, liest sie morgen in Kreuzlingen. Das Besondere an dieser Lesung ist, dass Schülerinnen sie moderieren.

Marc Keller
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Yarima Strasser und Alexandra Lauber bereiten sich mit Lehrerin Norina Procopan auf die Lesung vor. (Bild: Nana do Carmo)

Yarima Strasser und Alexandra Lauber bereiten sich mit Lehrerin Norina Procopan auf die Lesung vor. (Bild: Nana do Carmo)

KREUZLINGEN/KONSTANZ. Erst letzte Woche haben Alexandra Lauber und Yarima Strasser am Konstanzer Humboldt-Gymnasium ihr Abitur gemacht. Sie sind 16- beziehungsweise 18jährig und werden morgen in Kreuzlingen das tun, was normalerweise gestandenen Literaturwissenschaftern vorbehalten ist: Sie moderieren die Lesung der japanischen Autorin Yoko Tawada. Die Veranstaltung im Museum Rosenegg richtet sich primär an Schüler, und zwar von diesseits und jenseits der Grenze. «Wir wollen Jugendliche aus Deutschland und der Schweiz zusammenführen», sagt Dr. Norina Procopan, Organisatorin der Lesung und Lehrerin am Humboldt-Gymnasium.

Keine leichte Kost

Als Vorbereitung auf die Lesung haben sich Alexandra und Yarima intensiv mit Yoko Tawadas Lyrikband «Abenteuer der deutschen Grammatik» beschäftigt. «Wir haben die Gedichte in der Klasse gelesen und sie in Gruppen diskutiert», sagt Alexandra. Ausserdem haben die zwei sich fünfmal mit ihrer Lehrerin Norina Procopan getroffen. Denn Tawadas Literatur ist keine leichte Kost. Sie treibt ein buntes Spiel mit der Bedeutung der Worte und lockert die Regeln der Sprache so, dass sie sich für freie Assoziationen öffnet. «Man muss enorm viel nachdenken, um den Sinn zu erkennen» sagt Alexandra. «Und wenn man ihn hat, ist im nächsten Satz alles wieder anders.»

Freude an der Literatur

Die beiden Schülerinnen lesen gerne. «Ich mag es, mich in der Schule mit Gedichten auseinanderzusetzen», sagt Alexandra. «In der Freizeit bevorzuge ich aber Romane.» So sieht es auch Yarima. Die beiden glauben nicht, dass die Jugend angesichts der vielfältigen elektronischen Unterhaltungsmöglichkeiten lesemüde geworden ist. «Klar liest der eine mehr als der andere», sagt Yarima. Sie ist jedoch überzeugt, dass Literatur auch im digitalen Zeitalter noch immer präsent ist. «Das sieht man auch daran, dass es E-Books gibt.» Die beiden Schülerinnen besitzen aber keines. «Es ist halt doch ein ganz anderes Gefühl, ein gedrucktes Buch in der Hand zu halten», sagt Yarima.

Begegnung zwischen Kulturen

Für Alexandra und Yarima ist Literatur mehr als blosse Unterhaltung. «Sie öffnet Blickwinkel, aus denen man die Welt sonst nicht sieht», sagt Yarima. Und Alexandra ergänzt: «Wir haben durch Texte, die wir in der Klasse lesen, ganz verschiedene Kulturen kennengelernt.» Genau das ist Norina Procopan wichtig: Literatur als verbindendes Medium. Interkulturalität ist ein wesentliches Element in Yoko Tawadas Schreiben. Mit ihrem Gedichtband «Abenteuer der deutschen Grammatik» steht in Kreuzlingen ein Buch im Zentrum, das auf spielerische Weise die deutsche Sprache und Kultur reflektiert und sie immer wieder mit der japanischen konfrontiert. «Die Texte gaben einen guten Einblick in die japanische Kultur», sagt Yarima. Das nötige Hintergrundwissen, um literarische Traditionen und kulturelle Anspielungen zu erkennen, hat ihnen Norina Procopan vermittelt. Der Satz aus dem Gedicht «Der Garten in Donego» etwa – «Wer kann schon sicher sein, dass wir nichts anderes als Person gewordene Pflanzen sind?» – verweist auf die japanische Märchentradition, nach der Pflanzen sich in Menschen verwandeln, um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. «Man liest die Gedichte ganz anders mit diesem Hintergrund», sagt Alexandra.

Für Norina Procopan soll Literatur auch Begegnungen zwischen Ländern ermöglichen, in diesem Fall zwischen Deutschland und der Schweiz. Sie ist Leiterin des Hegau-Bodensee-Seminars, das interessierten Schülern Vertiefungen in verschiedenen Bereichen bietet. Die «Arbeitsgemeinschaft Schweiz» setzt sich mit der Kultur der Eidgenossenschaft auseinander. Dazu gehört auch die Lesung mit Yoko Tawada, die als Begegnungsraum zwischen Konstanzer und Kreuzlinger Schülern gedacht ist. Finanziert wird der Anlass, der um 18 Uhr beginnt, von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau.