Fussballkrise in der Türkei: Lira lähmt die Süper Lig

US-Präsident Donald Trump beschleunigte mit Zollerhöhungen den Verfall der türkischen Währung. Dieser trifft auch den türkischen Fussball hart. Die drei grossen Istanbuler Clubs ächzen unter hohen Schulden.

Adrian Lobe
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Bafétimbi Gomis während des zweiten Saisonspiels von Galatasaray Istanbul im Türk-Telekom-Stadion. (Bild: Imago (Istanbul, 19. August 2018))

Bafétimbi Gomis während des zweiten Saisonspiels von Galatasaray Istanbul im Türk-Telekom-Stadion. (Bild: Imago (Istanbul, 19. August 2018))

Die türkische Lira hat in den vergangenen Wochen dramatisch an Wert verloren. Die Devisenmärkte sind in Aufruhr, Kapitalanleger werden nervös, Präsident Recep Tayyip Erdogan rief seine Landsleute zu Stützungskäufen auf. Auch in den Führungsgremien der Fussballklubs herrscht Unruhe – sie trifft die Währungskrise besonders hart.

Spieler werden jeden Tag teurer

Denn die Vereine, die ihre Spieler, darunter viele Legionäre, in Lira bezahlen, müssen für Gehälter mehr Geld ausgegeben. Ein Topverdiener wie der brasilianische Innenverteidiger Maicon, der bei Galatasaray Istanbul ein Jahresgehalt von umgerechnet 2,2 Millionen Euro kassiert, wird mit jedem Tag, mit dem die Lira an Wert verliert, teurer. Gleichzeitig sinkt der Marktwert von Spielern, was den Verkauf unrentabel macht. Für die Vereine der Süper Lig ist der Preisverfall der Lira eine Hypothek – und ein veritabler Standortnachteil. Die Istanbuler Topklubs Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas mussten sich in der laufenden Transferperiode in Zurückhaltung üben – der Kauf neuer Spieler war unter den derzeitigen Umständen schlicht zu teuer.

Schulden stiegen rasant an

Einen Sündenbock haben die Vereine schon ausgemacht: US-Präsident Donald Trump, der mit der Verdopplung der Zölle auf türkische Stahl- und Aluminiumimporte den Preisverfall der Lira beschleunigte. Galatasaray-Vizepräsident Abdurrahim Albayrak ging mit dem US-Präsidenten hart ins Gesicht: «Trump hat uns ruiniert. Unsere Schulden sind an einem Tag um 25 Prozent gestiegen», sagte er gegenüber dem Sender CNN Türk. Die Handlungsfähigkeit auf dem Transfermarkt sei erheblich eingeschränkt, kritisierte er. «Alle Clubs versuchen, Spieler zu verkaufen. Wir können das nicht so einfach tun. Sie bekamen eine hohe Summe Geld, als sie transferiert wurden. Aber die Vereine werden nicht übereinkommen, diese Summen zu zahlen, wenn wir versuchen, sie zu verkaufen.» Albayrak meinte damit die hohen Handgelder, die ausländische Stars beim Wechsel in die Süper Lig kassieren.

Podolski und Gomez gingen nach dem Putschversuch

Die Liga hat international erheblich an Attraktivität eingebüsst, Stars wie Samir Nasri, Lukas Podolski oder Mario Gomez haben das Land nach dem Putschversuch 2016 verlassen, die Istanbuler Topteams sind in der Champions League schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. Die Süper Lig ist nur noch ein Rangierbahnhof für abgehalfterte Stars wie Samuel Eto’o, der zuletzt bei Konyaspor unter Vertrag stand. Und selbst da gibt es finanziell lukrativere Destinationen wie China oder Dubai.

Grossprojekte auf Pump finanziert

Ist Trump schuld am Niedergang der Süper Lig? Wohl eher nicht. Die Probleme sind, wie in der Politik, hausgemacht. Die türkischen Vereine haben jahrelang über ihre Verhältnisse gewirtschaftet und Grossprojekte auf Pump finanziert. Mit Investorengeldern aus Abu Dhabi liess Galatasaray für umgerechnet 128 Millionen Euro eine moderne Fussballarena für seine fanatischen Anhänger errichten (die «Türk Telekom Arena» musste auf Anordnung von Staatspräsident Erdogan in «Türk Telekom Stadyumu» umbenannt werden, weil der an Gladiatorenkämpfe erinnernde Begriff «Arena» nicht mit der türkisch-islamischen Kultur vereinbar sei).

Der osmanische Traum lebte wieder auf

Nach dem Gewinn des Uefa-Cups 2000 waren die Ziele hochgesteckt: Galatasaray wollte den osmanischen Traum wiederbeleben, Europa fussballerisch erobern. Und dafür grifft die Clubführung tief in die Tasche: Trainerlegenden wie Frank Rijkaard oder Fatih Terim wurden mit grosszügigen Salären angelockt und mit den Kompetenzen eines Sultans ausgestattet, Stars wie Wesley Sneijder oder Didier Drogba angeheuert, ohne sich ein Ausgabenlimit zu setzen. Das Geld sass locker. Bei Drogba, der vier Millionen Euro netto im Jahr verdiente, zahlte der Rekordmeister die Steuern obendrauf. Diese expansive Ausgabenpolitik fällt den Vereinen nun auf die Füsse. Die Clubs sind hoch verschuldet. Die Schuldenlast von Fenerbahce, Galatasaray, Besiktas und Trabzonspor belief sich im Juli zusammengerechnet auf zehn Milliarden Lira, rund 1,5 Milliarden Euro. Galatasaray musste erst jüngst harte Sparauflagen der Uefa akzeptieren und sich verpflichten, den Personalaufwand sowie die Nettoschuldenlast zu reduzieren. Beim Stadtrivalen Besiktas standen die Gläubiger bereits 2016 vor der Tür: Auf der Geschäftsstelle wurden Wertgegenstände konfisziert und mit einem Lastwagen abtransportiert – der Industrielle Yildirim Demirören soll in seiner Zeit als Besiktas-Präsident 100 Millionen Dollar investiert und den Club mehrmals vor dem finanziellen Ruin bewahrt haben. Schuldtitel, welche die Vereine beim Staat haben, wurden immer wieder gestundet, weil die Regierung kein Interesse an einem Kollaps des Sports hat. Fussball ist soziales Schmiermittel in der Türkei. Doch das finanzielle Fundament, auf dem der Sport steht, ist tönern.