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Liebe Schweizer Nati, Du treibst mich in den Wahnsinn!

Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft führt 3:0 gegen Dänemark – und verschenkt den Sieg in den Schlussminuten. Ein offener Brief an die Nati.
Etienne Wuillemin
Enttäuschung nach dem Spiel bei Denis Zakaria, Kevin Mbabu und Nico Elvedi (von links). (Bild: Georgios Kefalas / Keystone, Basel, 26. März 2019)

Enttäuschung nach dem Spiel bei Denis Zakaria, Kevin Mbabu und Nico Elvedi (von links). (Bild: Georgios Kefalas / Keystone, Basel, 26. März 2019)

Liebe Schweizer Nati, eigentlich sollte ich schlafen. Aber das geht nicht, denn du treibst mich in den Wahnsinn! Es ist jetzt 1:41 Uhr. Gut drei Stunden nach Spielschluss. Drei Stunden hatte ich also Zeit, um mir diese eine Frage zu stellen: Wie ist das möglich? Vom 3:0 zum 3:3. Drei Gegentore innert neun Minuten. Das darf doch nicht wahr sein.

Die Auto-Fahrt allein von Basel nach Baden hilft auch nicht gerade. Die Gedanken kreisen. Irgendwann kommt mir Heidi Klum in den Sinn. Drama, Baby, Drama!, hat sie mal gesagt. Ja, so ist es, immer Drama mit Dir!

Zu Hause angekommen, schalte ich den Fernseher ein. Ich muss diese letzten 30 Minuten nochmals sehen. Etwas masochistisch? Vielleicht. Aber egal. Ich will sehen, wie dieser Kollaps noch zu verhindern gewesen wäre. Ich will sehen, ob Granit Xhaka wirklich so angeschlagen ist, wie das Dein Trainer Petkovic sagt. Ob es vermessen war, darüber nachzudenken, ob seine Auswechslung etwa so schlau war wie 2006 im WM-Achtelfinal jene von Alex Frei vor dem Penaltyschiessen.

Das Spiel am Fernseher läuft jetzt. Es steht 3:0. Gerade darf Embolo jubeln. Endlich wieder einmal! Toll. Ja, die Leistung bis dahin ist richtig gut. Jetzt erscheint Djibril Sow am Bildschirm. Petkovic gibt ihm Anweisungen.

Zeit, in der Vergangenheit zu schwelgen. Es ist ja nicht so, dass Du, liebe Nati, besonders selten für Drama und Wahnsinn stehst.

WM-Qualifikation 2013, 4:4 gegen Island. Nach 4:1-Führung. Noch heute wissen die Isländer wohl nicht, wie sie vier Tore gegen Dich erzielten, eines schöner als das andere. .

Im TV steht es weiter 3:0.

WM 2014, Drama ohne Ende. Auftaktspiel gegen Ecuador, der wilde Ritt von Behrami, das Tor in der 93. Minute von Seferovic, 2:1-Sieg in letzter Sekunde. Selten war ein Schweizer Tor spektakulärer, emotionaler. Die Krönung im Achtelfinal gegen Argentinien gelingt nicht. Die letzten Sekunden sind legendär. Dzemaili köpft an den Pfosten, der Ball prallt ans Schienbein. Daneben. Aus, vorbei. Was für ein Abschied für Ottmar Hitzfeld.

Xhaka ist jetzt draussen. Passquote 95 Prozent, sagt Kommentator Sascha Ruefer. Dann gibt’s Freistoss für die Dänen. 3:1. Ruefer nimmts gelassen zur Kenntnis.

EM-Qualifikation 2015, Vladimir Petkovic ist jetzt Trainer, Schweiz-Slowenien heisst das vorentscheidende Spiel. 0:2 liegst Du hinten, am Ende steht es 3:2, drei Tore innert 14 Minuten, das letzte in der Nachspielzeit, was für eine Wende!

„Ups, ups, ups. Plötzlich zwei Tore für die Dänen“, sagt Ruefer. 87 Minuten sind gespielt.

EM 2016, Achtelfinal, Du liegst im Rückstand gegen Polen, dann fliegt Xherdan Shaqiri durch die Luft, erzielt ein Wundertor.

Verlängerung, riesige Chancen, Derdiyok köpft den Ball zum Torhüter statt ins Tor. Penaltyschiessen – aus, vorbei, Tränen.

Es läuft die Nachspielzeit. Ruefer sagt: «Xhaka ist draussen, und damit sämliche Ordnung weg. Das kann doch nicht sein.»

WM-Barrage 2017, Du „gewinnst“ 0:0 gegen Nordirland, darfst darum an die WM reisen. Trotzdem hallen Pfiffe durchs Stadion. Sie sind gegen Haris Seferovic gerichtet. Tränen. Frust. Obwohl Freude herrschen sollte. Schwierige Tage.

Die Nachspielzeit läuft. Sommer springt durch die Luft. Ruefer ruft: «Vorsicht, Sommer! 3:3. Das gibt’s gar nicht. Das ist nicht nachvollziehbar. Die Schweizer Fussballnationalmannschaft stolpert über sich selber. Es ist das nackte Chaos.»

WM 2018, Schweiz gegen Serbien, viele Geschichten, Doppel-Adler fliegen, aber dafür bin ich jetzt zu müde. Shaqiris Tor in der Nachspielzeit, es ist auch fussballerisch ein Drama.

Es ist spät geworden, und ich bin doch noch müde. 3:3 gegen Dänemark also. Schade. Aber eigentlich bin ich sicher: Aus dieser Erfahrung wirst Du stärker. Und das wichtigste: Es läuft immer etwas, wenn Du spielst. Bis bald wieder im Juni, beim Finalturnier der Nations League. Ich freue mich auf Dich!

Die Noten der Schweizer Spieler:

Yann Sommer, Torhüter, Note 5Lange friert er, zum Schluss braucht es aber seine ganze Klasse. Kann bei den Gegentoren jedoch nichts machen.(Bild: Walter Bieri / Keystone, Basel, 26. März 2019)Yann Sommer, Torhüter, Note 5
Lange friert er, zum Schluss braucht es aber seine ganze Klasse. Kann bei den Gegentoren jedoch nichts machen.
(Bild: Walter Bieri / Keystone, Basel, 26. März 2019)
Nico Elvedi, Innenverteidiger, Note 3,5Macht die Sache für den ausgefallenen Schär lange gut. Beim letzten Tor macht er jedoch eine unglückliche Figur.(Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)Nico Elvedi, Innenverteidiger, Note 3,5
Macht die Sache für den ausgefallenen Schär lange gut. Beim letzten Tor macht er jedoch eine unglückliche Figur.
(Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)
Manuel Akanji, Mittelverteidiger, Note 4,5Orchestriert die Schweizer Defensive stark. Ist beim 3:0 mitbeteiligt. Bei den Gegentoren sieht er jedoch auch nicht glücklich aus.(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)Manuel Akanji, Mittelverteidiger, Note 4,5
Orchestriert die Schweizer Defensive stark. Ist beim 3:0 mitbeteiligt. Bei den Gegentoren sieht er jedoch auch nicht glücklich aus.
(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)
Ricardo Rodriguez, Linker Innenverteidiger, Note 5Spielt gute Seitenwechsel und einen scharfen Ball ins Zentrum vor dem 1:0. Geht zur Pause raus.(Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)Ricardo Rodriguez, Linker Innenverteidiger, Note 5
Spielt gute Seitenwechsel und einen scharfen Ball ins Zentrum vor dem 1:0. Geht zur Pause raus.
(Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)
Kevin Mbabu, Rechter Flügel, Note 3,5Punktet mit seiner Geschwindigkeit. Doch seine Flanken kommen zu ungenau. Hebt beim zweiten Gegentreffer das Abseits auf.(Bild: Walter Bieri / Keystone, 26. März 2019)Kevin Mbabu, Rechter Flügel, Note 3,5
Punktet mit seiner Geschwindigkeit. Doch seine Flanken kommen zu ungenau. Hebt beim zweiten Gegentreffer das Abseits auf.
(Bild: Walter Bieri / Keystone, 26. März 2019)
Denis Zakaria, Zentrales Mittelfeld, Note 4,5Physisch stark, macht gute Laufwege. Zeichnet sich durch eine tolle Ballbehandlung aus.(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)Denis Zakaria, Zentrales Mittelfeld, Note 4,5
Physisch stark, macht gute Laufwege. Zeichnet sich durch eine tolle Ballbehandlung aus.
(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)
Granit Xhaka, Zentrales Mittelfeld, Note 5,5Der Captain ist klar der Beste. Fast alles läuft über ihn. Krönt seinen Auftritt mit dem Traumtor zum 2:0. Beim Stand von 3:0 wird er ausgewechselt. Zu Unrecht.(Bild: Alessandro della Valle / Keystone, Basel, 26. März 2019)Granit Xhaka, Zentrales Mittelfeld, Note 5,5
Der Captain ist klar der Beste. Fast alles läuft über ihn. Krönt seinen Auftritt mit dem Traumtor zum 2:0. Beim Stand von 3:0 wird er ausgewechselt. Zu Unrecht.
(Bild: Alessandro della Valle / Keystone, Basel, 26. März 2019)
Remo Freuler, Zentrales Mittelfeld, Note 5Trifft zum ersten Mal für die Schweizer Nati, zudem bereitet er das dritte Tor per Eckball vor.(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)Remo Freuler, Zentrales Mittelfeld, Note 5
Trifft zum ersten Mal für die Schweizer Nati, zudem bereitet er das dritte Tor per Eckball vor.
(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)
Steven Zuber, Linker Flügel, Note 5Strotzt vor Selbstvertrauen, legt ideal für Xhaka zum 2:0 vor.(Bild: Georgios Kefalas / Keystone, Basel, 26. März 2019)Steven Zuber, Linker Flügel, Note 5
Strotzt vor Selbstvertrauen, legt ideal für Xhaka zum 2:0 vor.
(Bild: Georgios Kefalas / Keystone, Basel, 26. März 2019)
Breel Embolo, Stürmer, Note 5Berührt beim 3:0 offenbar noch den Ball. Macht eine gute Partie, setzt sich mehrmals durch.(Bild: Alessandro della Valle / Keystone, Basel, 26. März 2019)Breel Embolo, Stürmer, Note 5
Berührt beim 3:0 offenbar noch den Ball. Macht eine gute Partie, setzt sich mehrmals durch.
(Bild: Alessandro della Valle / Keystone, Basel, 26. März 2019)
Albian Ajeti, Stürmer, Note 5Er kann mit seiner Physis die Bälle gut abschirmen. Legt vor dem 1:0 mit dem Arm für Freuler ab.(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)Albian Ajeti, Stürmer, Note 5
Er kann mit seiner Physis die Bälle gut abschirmen. Legt vor dem 1:0 mit dem Arm für Freuler ab.
(Bild: Andy Müller / Freshfocus, Basel, 26. März 2019)
Loris Benito, Linker Innenverteidiger, Note 4Kommt zur Pause für Rodriguez. Kämpferisch stark, kommt aber einige Male einen Schritt zu spät.(Bild: Walter Bieri / Keystone, Basel, 26. März 2019)Loris Benito, Linker Innenverteidiger, Note 4
Kommt zur Pause für Rodriguez. Kämpferisch stark, kommt aber einige Male einen Schritt zu spät.
(Bild: Walter Bieri / Keystone, Basel, 26. März 2019)
Admir Mehmedi, Stürmer, Note 4,5Ist nach seiner Einwechslung aktiv, kann den Ball aber vor dem letzten Tor auch nicht klären.(Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus, Zürich, 19. März 2019)Admir Mehmedi, Stürmer, Note 4,5
Ist nach seiner Einwechslung aktiv, kann den Ball aber vor dem letzten Tor auch nicht klären.
(Bild: Daniela Frutiger / Freshfocus, Zürich, 19. März 2019)
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3:3 gegen Dänemark: Das sind die Noten der Schweizer Spieler

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