Leuchtspur

Fasnachtskultur Derzeit ist Fasnacht. Für viele Thurgauer ist das der kulturelle Höhepunkt des Jahres. Seit dem frühen Mittelalter gehört die Fasnacht zum kulturellen Leben.

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Fasnachtskultur

Derzeit ist Fasnacht. Für viele Thurgauer ist das der kulturelle Höhepunkt des Jahres. Seit dem frühen Mittelalter gehört die Fasnacht zum kulturellen Leben. Heute geht es bedeutend gesitteter zu als damals, als die wilden Orgien und Masken bis in die Kirchen hineingetragen wurden und tanzende und lautstark musizierende Höllengestalten den Winter und das Böse vertrieben. Noch immer wird getanzt, und Guggenmusiken und Umzüge ziehen durch die Strassen. Betatschen oder Begaffen leichtbekleideter Barfrauen in mehr oder weniger phantasievollen Dekorationen gehört offenbar auch zur Fasnachtskultur.

Sicher, Kultur darf sich nicht zu sehr auf Bildung, Malerei, Literatur, Architektur und Bühne beschränken, sich ästhetisieren und völlig ätherisch werden – Kultur muss real bleiben. Kultur ist das Werk aller aktiv Gestaltenden. Das gegenwärtige Kulturverständnis ist zu eng, zu elitär. Es kann zu leicht als Konsumgut und Event genossen werden.

Wie man früher, als noch die Religion(en) die Kultur bestimmte(n), während sechs Tagen wohlgemut sündigte und sich am siebenten vom Pfarrer dafür beschimpfen liess, um dann gereinigt im selben Stil weiterzumachen, so wird heute Kultur zum Konsumgut. Descartes' «Ich denke, also bin ich» ist längst durch «Ich konsumiere, also bin ich» ersetzt worden. Was das kulturelle Engagement betrifft, so dürfte der Leitsatz lauten: «Ich bezahle für teure Kulturevents, also bin ich kultiviert.» Je teurer, desto Kultur.

Die Aufgabe des Kulturschaffens, die eigentlich Sache der Gesellschaft wäre, wird Spezialisten überlassen. In manchen Gemeinden betreiben die allerdings eine derart volksnahe und konservative Kulturpolitik, dass Fasnacht, Fussball und Jahrmärkte zu den wichtigsten kulturellen Ereignissen werden. Hier geht die eigentliche Funktion von Kultur flöten: die materialistische Orientierung durch eine Wertorientierung zu ergänzen. Jean Grädel