Leuchtspur

Beheimatung Digitale Medien beamen heute die Welt in unsere Stuben. Wir können virtuell überall sein. Wir pendeln in die Stadt zur Arbeit, schlafen in einem Dorf im Thurgau, fliegen zu fremden Kulturen und verlieren unsere eigene kulturelle Heimat.

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Beheimatung

Digitale Medien beamen heute die Welt in unsere Stuben. Wir können virtuell überall sein. Wir pendeln in die Stadt zur Arbeit, schlafen in einem Dorf im Thurgau, fliegen zu fremden Kulturen und verlieren unsere eigene kulturelle Heimat. Heimat ist nicht einfach, Heimat muss man sich immer wieder neu erschaffen.

In unseren Dörfern können wir uns einbringen als Musiker, Laienspieler oder bildender Künstler und uns damit unsere eigene kulturelle Heimat schaffen. Kultur kann einen Beitrag zur Beheimatung leisten. Kultur bringt Menschen zusammen, sie stiftet damit Gemeinschaft, Kooperation und soziale Integration.

Kultur erweitert die Handlungsfähigkeit von Menschen und stärkt ihr Bewusstsein für die eigenen schöpferischen Kräfte. Auch im imaginären Raum eines Theaterstücks, einer musikalischen Produktion, eines Videoprojektes erfahre ich die Bedeutsamkeit der eigenen Stimme, der eigenen körperlichen Präsenz wie kaum noch in einer anderen Produktionsform.

Kultur eignet sich zur Sinnstiftung und erfindet neue Erzählungen, die das Handeln des einzelnen einbinden in einen sozialen, lokalen Kontext. Das «Über- mich-Hinausgehen» ist nicht nur im konkreten kulturellen Handeln anwesend. Es entwickelt nicht zuletzt die Vorstellungskraft und damit die Utopiefähigkeit von einzelnen oder Gruppen. Was ich mir vorstellen kann, kann ich möglicherweise auch irgendwann herstellen.

Beheimatung ist in der Gegenwart nicht nur und nicht in erster Linie die Rückbesinnung auf Traditionen oder die nostalgische Sehnsucht nach einer Welt, die es so nicht mehr gibt und die wir auch nicht wiederbekommen werden (und wollen), sondern die Auseinandersetzung mit der Welt, die wir um uns herum vorfinden, mit dem Anspruch, sie dem Bild einer «heilen», heimatlichen Welt, das wir in uns tragen, ähnlicher zu machen. Das ist letztlich das, was Ernst Bloch als Fazit des «Prinzips Hoffnung» formuliert – es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, «ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war».

Jean Grädel