«Ich brauche Ziele, um die grosse Motivation zu finden» – Lea Sprunger leidet für das TV-Spektakel

Die Hürden-Europameisterin von 2018 ist ein Schweizer Aushängeschild der «Inspiration Games», doch sie ist von einer Verletzung geplagt. Wäre es nicht Zürich, würde sie nicht starten.

Rainer Sommerhalder
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Eingespieltes Team auch auf Distanz: Lea Sprunger mit Trainer Laurent Meuwly.

Eingespieltes Team auch auf Distanz: Lea Sprunger mit Trainer Laurent Meuwly.

Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott (La Chaux-de-Fonds, 1. Juli

Eigentlich gehört sie derzeit nicht auf eine Tartanbahn. Die seit Wochen entzündete Achillessehne im rechten Bein von Hürdenläuferin Lea Sprunger schmerzt aktuell so stark, dass ab Freitag für drei Wochen Wettkampfverbot und Alternativtraining angesagt sind. Aber zuvor ruft am Donnerstagabend Weltklasse Zürich mit seinen dem Coronavirus geschuldeten «Inspiration Games». Und für das prestigeträchtigste Leichtathletik-Meeting der Welt beisst Frau auf die Zähne. Selbst wenn das Format, die Distanz und das Wettkampfgefühl gewöhnungsbedürftig sind.

Ein einziges Rennen hat die Europameisterin von 2018 in diesem verseuchten Sportjahr bislang bestritten - die «Impossible Games» am 11. Juni in Oslo. Die Eindrücke bei Sprunger im menschenleeren Stadion ohne Stimmung und mit einem stark reduzierten Starterfeld waren durchzogen. Richtig inspirierend war das noch nicht. Zu wenig prickelnd jedenfalls, um die Motivationsprobleme, welche die 30-jährige Waadtländerin seit dem Ausbruch der Epidemie und der Streichung sämtlicher Saisonziele im Kopf mit sich mitschleppt, ein für allemal abzuschütteln.

Keine Wiederholung von Sprungers Weltpremiere

Trotzdem sorgte Sprungers damaliger Einsatz über die ungewohnte Distanz von 300 m Hürden für weltweite Schlagzeilen. Nicht aufgrund der gelaufenen Zeit, sondern wegen der Anzahl Schritte zwischen den ersten drei Hürden. Nie zuvor benötigte eine Frau über die Langhürden lediglich 13 Schritte bis zum nächsten Hindernis. Der 1.83 m langen WM-Vierten des Vorjahres gelang das Vorhaben. Eine weitere Kostprobe davon gibt es vorerst aber nicht. Je länger der Schritt, desto grösser der Schlag auf die lädierte Achillessehne.

Klar bleibt trotz der Verschiebung der WM in den USA auf 2022, dass die Schweizer Rekordhalterin ihre Karriere nach Tokio abschliessen wird. Damit endet auch die sportliche Liaison mit Trainer Laurent Meuwly. Eine Zusammenarbeit, die seit 2019 ohnehin um einiges aufwändiger geworden ist, nachdem der 45-jährige Freiburger einen Vertrag als Sprint- und Hürdentrainer des niederländischen Nationalkaders unterzeichnet hatte. Dieser läuft bis Dezember 2020. Meuwly verrät, dass er schon bald um nicht weniger als fünf Jahre verlängert wird.

Schnell auf der Bahn und auch am Zoll

Auch Lea Sprunger geniesst regelmässig die Vorzüge der Infrastruktur von Papendal. Nach zuvor acht trainerlosen Wochen im Westschweizer Corona-Lockdown kehrte sie vor vier Tagen von ihrem zweiten mehrwöchigen Trainingsaufenthalt in Meuwlys neuer Heimat zurück. Um nicht von Reisebeschränkungen ausgebremst zu werden, war sie jeweils mit einem offiziellen Attest ausgestattet, beruflich unterwegs zu sein. Sie musste es an den verschiedenen Zollstationen kein einziges Mal hervorkramen.

Für den Einsatz in Zürich hat sich Lea Sprunger vorgenommen, auch ohne greifbare Gegnerinnen und anpeitschendes Publikum eine komplette Wettkampfszenerie zu simulieren. «Rauskommen aus dem Trainingsmodus», nennt sie es. Ein Vorhaben, das sie als schwierig bezeichnet. Ihr fehlen die Atmosphäre des vollen Stadions und das Duell mit der Konkurrenz. Die 30-Jährige sagt: «Ich hoffe, es wird bald wieder normal. Ich brauche Ziele, um die grosse Motivation zu finden.» Dennoch ist sie gespannt auf heute Abend. Wird das gewagte Experiment besser enden als in Oslo?

epa08479902 Cardboard cut-outs in the stands as Lea Sprunger of Switzerland competes in the women's 300m Hurdles race during the Diamond League Impossible Games athletics exhibition at Bislett Stadium in Oslo, Norway, 11 June 2020. EPA/HEIKO JUNGE NORWAY OUT

epa08479902 Cardboard cut-outs in the stands as Lea Sprunger of Switzerland competes in the women's 300m Hurdles race during the Diamond League Impossible Games athletics exhibition at Bislett Stadium in Oslo, Norway, 11 June 2020. EPA/HEIKO JUNGE NORWAY OUT

Heiko Junge / EPA