Leichtathletik

Tadesse Abraham - Viktor Röthlins Nachfolger

Der Weg von Tadesse Abraham zum Schweizer Marathon-Rekord war alles andere als vorgezeichnet.

Simon Steiner
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Tadesse Abraham ist der schnellste Schweizer über die Marathon-Distanz.

Tadesse Abraham ist der schnellste Schweizer über die Marathon-Distanz.

Keystone

Eigentlich sollte er noch schneller laufen können, davon ist Tadesse Abraham überzeugt. In 2:06:40 Stunden legte er im März in Seoul den Marathon zurück und verbesserte den alten Schweizer Rekord von Viktor Röthlin um fast eine Minute.

Nur vier Sekunden fehlten, und Abraham hätte auch gleich noch die europäische Bestmarke geknackt. «Endlich konnte ich in einem Marathon zeigen, wozu ich fähig bin», sagt der 33-Jährige. Genau das war ihm zuvor bei mehreren Anläufen nicht wunschgemäss gelungen.
Dass er mit dem neuen Landesrekord noch nicht an seinen Grenzen angelangt ist, glaubt Abraham nur schon deshalb, weil die Strecke von Seoul nicht zu den allerschnellsten zählt. Mit seinem Schweizer Rekord hat der gebürtige Eritreer einiges ausgelöst. «Ich habe viele Reaktionen bekommen», sagt er. Das mediale Interesse ist gestiegen, und mit ihm wohl auch sein Marktwert, obwohl der Profiathlet von seinen Startgagen auch in Zukunft nicht gerade reich werden dürfte.
In diesem Sommer sind die Laufzeiten für ihn allerdings nur von sekundärer Bedeutung. Es steht die EM in Amsterdam auf dem Programm, wo er im Halbmarathon antritt, und danach die Olympischen Spiele in Rio. Wie immer bei Titelkämpfen geht der Schlussrang gegenüber einer schnellen Zeit vor, vorzugsweise einer, der fürs Podest reicht. Ein besseres Argument als eine Medaille gibt es bei den Verhandlungen mit Rennveranstaltern kaum.
Dass er einmal als Schweizer Rekordhalter um eine Olympiamedaille laufen würde, hätte er sich in seiner Kindheit in Eritrea kaum vorstellen können. Seine erste sportliche Liebe galt dort dem Velo. Als sein Fahrrad nach einem Unfall auf dem Schrotthaufen landete, konnten sich seine Eltern jedoch keinen Ersatz leisten – und Tadesse wurde zum Läufer. Und er blieb Läufer, während sich sein Jugendtraum, sich ein besseres Leben zu erlaufen, allmählich in ein Karriereziel verwandelte.

Die Flucht aus dem WM-Team

Seine Beziehung zur Schweiz begann 2003 mit der Teilnahme an den Cross-Weltmeisterschaften in Lausanne. Ein Jahr später setzte sich Abraham bei der Cross-WM in Belgien von der eritreischen Delegation ab und flüchtete in die Schweiz. Seine Eltern hat er bis heute nicht wiedergesehen, obwohl er mit ihnen regelmässig telefoniert. Nach einer längeren Zeit in Uster wohnt er heute in Genf, wo seine Frau Senait aufgewachsen ist. Auch sie hat eritreische Wurzeln, der gemeinsame Sohn Elod ist fünf Jahre alt.
Die beiden wird er bald lange nicht mehr sehen: Am 1. Juni bricht Abraham auf nach Äthiopien, wo er sich in einer Trainingsgruppe auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Nur für die EM reist er kurz nach Europa, dann aber gleich wieder zurück und wenige Tage vor dem Olympiamarathon direkt nach Rio. «Wenn ich so lange weg bin, muss ich dafür mit einem guten Resultat zurückkehren», flachst er.
Das Potenzial dazu hat er, vor allem in Amsterdam wird er zu den Favoriten gehören. Nachdem er im Frühling bereits gezeigt hat, wozu er im Marathon fähig ist, will er nun im Sommer beweisen, dass er auch im Trikot des Schweizer Teams gross auftrumpfen kann. Kurz nach seiner Einbürgerung war er bei der Heim-EM 2014 in Zürich noch am Erwartungsdruck gescheitert.

Bei der WM in Peking im letzten Jahr brach unterwegs eine Verletzung wieder auf, zudem klappte die Verpflegung in der Schlussphase nicht. Vor allem aus der EM-Erfahrung hat Abraham gelernt: «Ich weiss jetzt, dass ich in Meisterschaftsrennen einfach so laufen muss wie sonst auch.»