Bei Marathon-Hoffnung Tadesse Abraham kommt Instinkt vor Wissenschaft

Der Marathon der Herren ist das grosse Highlight des zweitletzten WM-Tags. Mit Tadesse Abraham hat die Schweiz ein heisses Eisen im Feuer, wenn es um die Medaillenvergabe geht.

Rainer Sommerhalder aus Doha
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Der Schweizer Marathonläufer Tadesse Abraham posiert während einer Pressekonferenz in Doha (Bild: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

Der Schweizer Marathonläufer Tadesse Abraham posiert während einer Pressekonferenz in Doha (Bild: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

Es ist eine Szene, die alles sagt. Tadesse Abraham erzählt, dass er drei Tage vor dem WM-Marathon um Mitternacht in Doha einen Test über 11 Kilometer absolviert habe und es sich komisch anfühlte. «Um Mitternacht will der Körper schlafen.» Der in Eritrea geborene Genfer wird gefragt, wieso er denn nicht das Training über mehrere Wochen an die Wettkampfzeit angepasst habe, so wie es die Wissenschaft empfiehlt. Seine Antwort: «Ich habe nicht daran gedacht. An zu viele Faktoren zu denken, macht mich mental müde».

Im Kopf bereit für die Tortur

Tadesse Abraham ist ein Instinktläufer. Zwar hat der 37-Jährige in den vergangenen zwei Wochen in seinem Vorbereitungscamp in Äthiopien versucht, eingepackt in eine dicke Jacke an einem möglichst warmen Ort zur wärmsten Tageszeit zu trainieren, um sich an die Hitze von Doha zu gewöhnen. Aber mit all den vielen Details, wie der Körper aus Sicht der Sportwissenschaft den extremen Herausforderungen in der arabischen Wüste begegnen kann, hat sich Abraham nicht beschäftigt. Sein wichtigstes Fazit vor dem WM-Abenteuer: «Hier ist nicht die Form entscheidend, sondern der Kopf. Und der ist gut.»

Tadesse Abraham am Marathon in Doha. (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott, 6. Oktober 2019)

Tadesse Abraham am Marathon in Doha. (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott, 6. Oktober 2019)

Die Art von Tadesse Abraham ist das pure Gegenteil zur Philosophie jenes Mannes, der den Genfer erst von der Teilnahme am WM-Marathon überzeugt hat und in Doha für das Schweizer Fernsehen als Fachmann dabei ist. Viktor Röthlin schlug bei seinem Bronzelauf im Hitzemarathon 2007 an der WM in Osaka die allermeisten Afrikaner vor allem deshalb, weil er sich akribisch und mittels neuster Erkenntnisse der Sportwissenschaft auf die spezielle Herausforderung vorbereitet hatte. Röthlins Kopf stimmte, weil er wusste, an alles gedacht zu haben.

In Doha erzählt Röthlin, dass er Tadesse Abraham viele Ratschläge gegeben habe. «Aber ich weiss nicht, welche davon er befolgt.» So dient der Schweizer Langstreckentrainer Louis Heyer als eine Art Relaisstation. Einerseits für Viktor Röthlin, andererseits auch für die Sportwissenschafter von Magglingen. Denn das als Forschungsort für Wettkämpfe bei extremen Bedingungen eingerichtete Hitzelabor in Grenchen hat Abraham im Gegensatz zu anderen Ausdauersportlern nie besucht.

Die «gestorbenen» Läufer unterwegs überholen

Der Interviewtermin mit dem EM-Zweiten von 2018 in Doha unterstreicht die unterschiedlichen Denkweisen. Die Fragenden wollen von Abraham wissen, welche Tipps und Tricks er fürs Rennen anwenden wird. Der ehemalige Asylbewerber hört aufmerksam zu, sagt aber kaum etwas dazu. Er habe noch nicht im Detail mit dem Trainer geredet. Tadesse Abraham wird aus der breiten Palette von Möglichkeiten das heraus ziehen, was für ihn stimmt.

Vor allem will er auf seinen Körper hören, nachdem er sich das Rennen der Frauen im Fernsehen angeschaut hat. Sein Anfangstempo wird er auf eine Zeit von bescheidenen 2:20 Stunden ausrichten, auch wenn die anderen schneller starten – wohl wissend, «dass bei Meisterschaften im Ziel nur die Medaillen zählen». Er glaubt, eine davon gewinnen zu können. Seine Taktik dafür? «Langsam beginnen und dann die gestorbenen Leute überholen.» Viktor Röthlin muss ab einer solchen Portion instinktiven Vertrauens schmunzeln. Er sagt: «Wenn Tadesse am Schluss auf dem Podest steht, hat er alles richtig gemacht.»