LEICHTATHLETIK: «Ich reizte meine Grenzen aus»

Der Thurgauer Marathonläufer Patrik Wägeli sieht sich nach seinem grandiosen Rennen in Frankfurt mit einer neuen Realität konfrontiert.

Jörg Greb
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Patrik Wägeli wird am Marathon in Frankfurt in 2:17:02 Stunden gestoppt. Damit unterbot er die EM-Limite deutlich. Es winkt die Teilnahme an den Titelkämpfen 2018 in Berlin. (Bild: PD)

Patrik Wägeli wird am Marathon in Frankfurt in 2:17:02 Stunden gestoppt. Damit unterbot er die EM-Limite deutlich. Es winkt die Teilnahme an den Titelkämpfen 2018 in Berlin. (Bild: PD)

Jörg Greb

sport@thurgauerzeitung.ch

Sechs Wochen haben bei Patrik Wägeli für ein grundlegend neues Selbstverständnis gesorgt. Zwei Marathons illustrieren dies: Berlin Ende September und New York am vergangenen Sonntag. Beide verfolgte der 26-jährige Nussbaumer vor dem Fernseher. Angespannt sah er sich das Rennen von Berlin an, machte sich Gedanken, wie die anderen Schweizer abschneiden würden. Befreit hingegen guckte er den Event aus New York, als Tadesse Abraham guter Fünfter wurde.

Der Grund für die unterschiedlichen Verfassungen war der Marathon vom 28. Oktober, an dem Wägeli selber am Start war. In Frankfurt lief der Thurgauer so gut, dass seine Leistung einem Befreiungsschlag gleichkam. In 2:17:02 Stunden wurde Wägeli gestoppt. Er verbesserte damit seine bisherige Bestmarke über die 42,195 Kilometer um mehr als sechs Minuten. Bedeutender aber: Er unterbot die Limite für die EM 2018 in Berlin – um knapp zweieinhalb Minuten.

Mehr Zeit für die Vorbereitung

Das hat ihn in eine komfortable Ausgangsposition gebracht. Hinter Abraham und Adrian Lehmann belegt er derzeit Position drei in der Schweizer Bestenliste. Die besten sechs werden sich im Frühling 2018 für die EM in Berlin qualifizieren, den Sommerhöhepunkt in der Leichtathletik. Delikat bei dieser Reihung: Die Limite von 2:19:30 Stunden dürfte bis dahin von mehr als sechs Schweizern geknackt werden.

Wägeli muss dies dank seiner exzellenten Leistung in Frankfurt nicht gross kümmern. Sein Platz scheint gesichert. Darum ist der Ostschweizer schnell zur Überzeugung gelangt, «dass ich im Frühling keinen Marathon mehr laufen muss und werde». Er will sich nun voll und ganz auf den EM-Marathon im August ausrichten – natürlich nicht ohne Wettkampftest vorher. «Ich werde an meinem Manko arbeiten und will schneller werden, etwa über die Halbmarathondistanz», sagt Wägeli. Bei 1:07:59 Stunden steht da seine Bestmarke. Das entspricht ziemlich genau seiner Durchgangszeit von Frankfurt. Derzeit gönnt sich Wägeli ein unfokussiertes Training. Er kann und will sich die Zeit lassen für die Regeneration – zumal sich nach dem Rennen in Frankfurt körperliche Gebresten zeigten wie noch nie.

Glücksgefühle verdrängen das Leiden

«Es schmerzte überall gewaltig, Beine, Rücken, Arme», sagt er. Nach der Erklärung dafür musste er nicht lange suchen. «Ich reizte meine Grenzen aus und war entsprechend ausgelaugt.» Leben mit diesem Zustand konnte er problemlos. Die erbrachte Leistung beflügelte, beflügelt und lässt das Leiden in den Hintergrund rücken. Wägeli sagt: «Ich denke immer wieder daran und fühle mich mega glücklich.»

Die verschiedenen Phasen des Rennens in Frankfurt geht er in Gedanken jetzt noch ständig durch. Er erinnert sich an die bewusst seltenen Blicke auf die Uhr und wie er profitierte vom Laufen in der Gruppe. «Dadurch konnte ich mental abschalten und mich aufs Laufen konzentrieren.» Noch etwas glückte ihm, auf das er bauen kann: «Ich zog die Strecke durch, auch wenn am Schluss die Beine komplett leer waren.»

Bestätigung erhalten hat Wägeli in Frankfurt für die perfekte Balance zwischen gesteigertem Trainingsumfang und seiner Teilzeitbeschäftigung als Landwirt auf dem eigenen Hof. Als Ortsagent bei einer Versicherung wirkt er zudem. Das Gesamtpaket passt. So lässt sich überzeugt weiterarbeiten in Richtung Sommer 2018, aber auch in Richtung Fernziel Olympia 2020.