LEBENSFREUDE: Starke Frau

Kira Grünberg ist Österreichs talentierteste Stabhochspringerin, Olympia in Rio ihr grosses Ziel. Dann verunglückt die damals 21-Jährige im Training schwer. Im Rollstuhl beginnt ein neues Leben.

Patricia Loher
Drucken
Teilen
Kira Grünberg verfolgt mit ihrem Manager Thomas Herzog die Special Olympics. (Bild: Barbara Gindl/APA (Ramsau, 22. März 2017))

Kira Grünberg verfolgt mit ihrem Manager Thomas Herzog die Special Olympics. (Bild: Barbara Gindl/APA (Ramsau, 22. März 2017))

Patricia Loher

Als Kira Grünberg aus vier Metern Höhe kopfüber auf den Boden prallte, zerbrachen alle ihre Träume. Die Österreicherin galt als eine der hoffnungsvollsten Leichtathletinnen des Landes. An der EM in Zürich 2014 hatte die Stabhochspringerin 4,45 m überwunden, was noch heute österreichischer Rekord ist. Doch nun sitzt sie im Rollstuhl. Grünberg ist querschnittsgelähmt. Es ist in Widnau, gut zwei Jahre nach dem Trainingssturz, ein Abend voller erstaunlicher Momente. Die 23-Jährige ist aufgeweckt, neugierig auf die Menschen, die sie kennen lernt. Sie lacht viel, vor allem mit ihrer Schwester, die sie in die Schweiz begleitet hat.

Die Tirolerin sitzt neben Marc Girardelli, dem ehemaligen Skirennfahrer. Der Vorarlberger hat Grünberg ins Rheintal eingeladen, vor 80 Personen über ihr Leben zu sprechen. Es ist ein munterer Anlass, keiner hadert, keiner ist traurig. «Ich bin immer glücklich gelandet. Kira nicht. Ich konnte zuerst kaum glauben, wie lebenslustig man trotz so eines Schicksalschlags sein kann», so Girardelli. Die frühere Leichtathletin sagt: «Ich bin kein Opfer. Ich brauche kein Mitleid.» Ihr Buch trägt den Titel: «Mein Sprung in ein neues Leben.»

«Ich wollte nicht, dass mir jemand sagt, alles wird gut»

Grünbergs Schicksal hat Schlagzeilen gemacht. Die damals 21-Jährige hatte die WM in Peking vor Augen, Olympia in Rio. Stabhochsprung war ihr Ein und Alles. An jenem Morgen im Juli aber «fiel ich aus meinem Leben». Im Training platzierte sie den Stab zwar richtig, doch der Sprung war zu steil. «Ich merkte, dass etwas nicht stimmt.» Grünberg prallte vor der Matte und mit dem Hals auf dem hinteren Ende des Einstichkastens auf. Dabei brach sie sich den fünften Halswirbel. Sie sagt: «Ich wusste sofort: Mein Leben wird nun komplett anders. Ich konnte den ganzen Körper nicht mehr bewegen.» Es folgte eine zweistündige Notoperationen in Innsbruck. Im Spital habe sie nicht alles wissen wollen über ihren Zustand: «Ich wollte nicht, dass mir jemand sagt, alles werde gut. Ich wollte nicht, dass mir jemand etwas verspricht, das er nicht halten kann.» Ihr Mutter hatte das Training gefilmt, so wie immer in den vergangenen Jahren. Grünberg hat sich die Aufnahmen oft angeschaut. «Wichtig war, dass wir erkannten: Niemand hat Schuld.»

Auflagenstarke Zeitungen aus ganz Europa baten die Österreicherin um ein Interview. Mit Sätzen wie «Ich sage nicht: ‹Das ist der schlimmste Tag meines Lebens›, überhaupt nicht», beeindruckt die junge Frau. Ihre Lebenslust wirkt ungebrochen und nicht gespielt. Grünberg hat viel Unterstützung erfahren, von Menschen aus der ganzen Welt, von ihrer Familie, die das Haus in der Nähe von Innsbruck behindertengerecht umbaute. Dank dieses grossen Zuspruchs sei es ihr schnell gut gegangen. Die Frage, weshalb dieser Unfall gerade ihr passiert sei, lohne sich nicht. «Denn es gibt keine Antwort.»

Jeder Fortschritt ist für Grünberg wie ein Sieg

Grünberg sagt, ihr Leben sei noch immer so lebenswert wie früher. Sie weiss, alles hätte noch schlimmer kommen können. Wären Wirbel näher am Kopf gebrochen, wäre sie gestorben. Zudem waren die Prognosen nach der Operation düster. Zuerst hiess es, sie könne wohl nur noch den Kopf bewegen. Nun aber kann sie sich selbstständig mit dem Rollstuhl fortbewegen. Die Österreicherin ist aber auf Hilfe angewiesen. «Am Anfang war es schwierig, immer sagen zu müssen, wie man die Haare gerne trägen würde. Aber ich kann ein selbstbestimmtes Leben führen.» Jeder Fortschritt ist für Grünberg wie ein Sieg. Natürlich würde sie ihr altes Leben zurücknehmen. Sie würde auch sofort wieder mit dem Stabhochsprung beginnen.

«Nun geht alles langsamer, aber ich kann vieles mehr geniessen. Mein Ziel ist nicht mehr, von A nach B zu hetzen, Medaillen zu gewinnen. Meine Aufgabe ist es, mit diesem Leben zurechtzukommen.» Bald will die 23-Jährige Grünberg ihr Pharmaziestudium wieder aufnehmen. Sie hält Motivationsvorträge. In einem Interview sagte ihre Mutter einst: «Kira kam von uns allen eigentlich von Anfang an am besten mit der Situation zurecht.»