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Köbi Kuhn: ein Leben voller Glück und Tragödien

Die Autobiografie des früheren Nationalspielers und -trainers Köbi Kuhn dreht sich um mehr als nur um Fussball. Sie berührt, regt aber auch zum Schmunzeln an.
Markus Brütsch

Oh nein, schon wieder eine Fussballbiografie! Über eine Ikone, deren Vita ohnehin alle kennen. Weil sie einst als Schweizer Nationaltrainer eine derart grosse Euphorie auslöste, dass 40000 Fans die Nati an die WM nach Deutschland begleiteten. Ein Team, das dann ausgerechnet bei der Heim-EM scheitern sollte.

Doch keine Bange. Köbi Kuhns Autobiografie ist kein Fussballbuch. Gleich beim «Warmlaufen» berichtet Sherin Kneifl, dass sich die wahren Dramen in Kuhns Leben nicht nach der «Nacht von Sheffield» oder in jener «von Oslo» abgespielt haben. Die Co-Autorin hat Kuhn stundenlang zugehört, als ihr der 75-Jährige die privaten Tragödien anvertraute: die Krankheit und der Tod seiner Frau Alice. Die Verzweiflung seiner Tochter und jene der Familie, weil Viviane schon im Alter von 46 Jahren aus dem Leben schied.

Köbi Kuhn nach dem Cupsieg mit dem FC Zürich am 23. April 1973. (Bild: Keystone)Köbi Kuhn nach dem Cupsieg mit dem FC Zürich am 23. April 1973. (Bild: Keystone)
Sein letztes Spiel als Nationaltrainer (Bild: Keystone)Sein letztes Spiel als Nationaltrainer (Bild: Keystone)
Köbi Kuhn mit seiner verstorbenen Frau Alice (Bild: EQ)Köbi Kuhn mit seiner verstorbenen Frau Alice (Bild: EQ)
Am 17. Juni 1968 mit Fussballlegende Pelé (Bild: PD)Am 17. Juni 1968 mit Fussballlegende Pelé (Bild: PD)
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Köbi Kuhn veröffentlicht seine Autobiografie

Ja, die Gefühle jener Leser, die nah am Wasser gebaut sind, werden in diesem Buch strapaziert. Aber ohne dass deswegen der Verdacht aufkommt, es sei Strategie, den ­Voyeurismus zu bedienen. Kuhn sagt:

«Auf der einen Seite stand mein Erfolg im Beruf, auf der anderen standen die familiären Probleme. Nach aussen wirkte ich glücklich und erfolgreich. Innerlich zerriss es mich fast. Das kann man durchaus als meine persönliche Tragödie bezeichnen. Vivianes Sucht gegenüber fühlte ich mich hilflos. (…)»

Es erfülle ihn einer enormen Traurigkeit, dass das Leben in der Art und Weise gelaufen sei. Er sei froh, dass ­Alice, die 2014 starb, Vivianes Tod nicht erleben musste. «Es gibt nichts Schlimmeres, als sein eigenes Kind zu beerdigen.»

Diesmal ist es ein Buch von ihm, nicht über ihn

Bereits kurz vor der WM 2006 war unter dem Titel «Köbi Kuhn – eine Hommage der Schweizer Nationalmannschaft an ihren Trainer» ein Buch über Kuhn erschienen. Eines über ihn, den Trainer; nicht von ihm. Dasjenige, welches nächste Woche in die Buchhandlungen kommt, ist eine Autobiografie der Lebensgeschichte des Zürchers. Wie er im Kreis 3 zusammen mit vier Geschwistern aufwächst und schon früh nur Fussball im Kopf hat. Aber nicht aufs Maul gefallen ist und einmal zur Lehrerin sagt: «Wenn aus mir nix wird, kann ich immer noch Lehrer werden.»

Man erfährt, wie er von Präsident Edi Nägeli vom Stammklub FC Wiedikon zum FC Zürich geholt und zum besten Spieler wird. Kuhn schildert, wie er seine spätere Frau Alice kennen lernt und vor seinem Länderspieldebüt – mit der ersten Fernsehdirektübertragung – zu ihr sagt:

«Lieber Schatz, wenn ich auf den Platz marschiere und mich am Ellbogen kratze, dann weisst du, dass ich an dich denke.»

Knapp vier Jahre später sorgt Kuhn vor dem ersten WM-Spiel gegen Deutschland für einen der grössten Aufreger in der Nati-Geschichte. Eingegangen als Skandal «um die Nacht von Sheffield».

Die verhängnisvolle Nacht in England

«Nach dem Nachtessen, etwa um 21.15, Uhr durften wir uns noch die Beine vertreten. Ich zog mit meinem FCZ-Kollegen Werni Leimgruber und dem Ersatztorhüter Leo Eichmann los. (…) Wie so oft, war ich zu einem Scherz aufgelegt, und da wir gerade entlang der Strasse marschierten, streckte ich den Daumen zum Autostopp hoch. Zu unserer Verwunderung hielt tatsächlich ein Auto an, zwei Mädchen in einem Mini. Wir quetschten uns auf die Hinterbank. (…) Die Mädchen wussten gar nicht, wer wir waren, und ich erklärte, dass wir Fussballer seien «from Switzerland playing at the World Cup». Weil wir im Sporttenue nicht in ein Restaurant konnten, luden sie uns auf ein Bier zu sich nach Hause ein. Etwa um 23.30 Uhr, rund 30 Minuten nach dem offiziellen Zapfenstreich, fanden wir uns wieder im Hotel ein. Auf dem Gang vor unseren Zimmern sass der Nationaltrainer persönlich, Dr. Alfredo Foni.»

Die drei werden für das erste WM-Spiel suspendiert. Der Schweizerische Fussballverband lässt die Ehefrauen der Sünder einfliegen, doch die Wogen sind nicht komplett zu glätten. Der Fall hallt noch Jahre nach.

Tochter Drogen entrissen

Wenn im Buch frühere Kontrahenten wie Karl Odermatt oder der bei GC seine Weltkarriere ­beendende Günter Netzer über Kuhn sprechen, wird deutlich, welch toller Fussballer dieser gewesen ist. «Er war keinen Deut schlechter als Franz Beckenbauer oder ich», sagt Netzer. Apropos GC: Weil ihm die Hoppers mehr Lohn zahlen wollen, ist Kuhn bereit, zum Stadtrivalen zu wechseln. «Nicht über meine Leiche», sagt Nägeli. Kuhn bleibt.

Der gelernte Tiefdruckätzer Kuhn ist nie Fussballprofi gewesen und sich nach Vivianes Geburt der Verantwortung als Familienvater bewusst. Er baut eine Versicherungsagentur auf, geht damit später Konkurs, weil er Freunden vertraut. Kuhn schildert, wie verzweifelt er seine Tochter auf dem Platzspitz suchte, wie er sie fand, ihr Drogen entriss und diese in die Limmat warf.

Er erzählt, wie er mehr als 20 Jahre nach seinem Rücktritt Nati-Trainer wird und verrät aus dieser Zeit manche Anekdote. 2007 wird er zum Schweizer des Jahres gewählt, unmittelbar vor der EM 2008 erkrankt Alice schwer.

«Meine Frau ist in meinen Armen gestorben.»

«Alice kämpfte gegen ihre Krankheit, doch sie verlor. An den 25. April 2014 werde ich mich ewig erinnern. Sie war erst kürzlich von einem erneuten längeren Klinikaufenthalt heimgekehrt. Wir wollten nochmals zu einer Besprechung mit dem Arzt ins Paraplegiker-Zentrum nach Nottwil fahren. Als ich sie mit dem Rollstuhl durch die Tiefgarage schob und sie ins Auto hob, reagierte sie plötzlich nicht mehr. Sofort rief ich den Notarzt an, versuchte, sie anzusprechen, wiederzubeleben. Doch jede Hilfe kam zu spät. Meine Frau ist in meinen Armen gestorben.» Es ist Kuhns Glück, dass er in den Phasen grosser Leere den Rückhalt seiner ­Geschwister spürt und in der 63-jährigen Polin Jadwiga eine neue Lebenspartnerin findet.

Die Autobiografie gefällt. Einmal in den Händen, legt man sie nicht gerne weg. Die angenehme Sprache passt zu Kuhns Wesen. Auch für jemanden, der ihn und seine Nati jahrelang begleitet hat und denkt, er wisse eh schon alles, ist das Buch kurzweilig. Einzig in den Kapiteln, in denen die Geschwister und Wegbegleiter über ihn sprechen, wird es etwas langfädig und kommt es zu Überschneidungen. Und es gibt Episoden, wie Alex Freis Spuckattacke oder dessen Auswechslung vor dem Penaltyschiessen gegen die Ukraine, deren Thematisierung ein Nerd vermisst. Aber Kuhn hat eben die wichtigeren Dinge seines Lebens aufgearbeitet. Deshalb ist das Buch zu einer spannenden Mixtur aus Fussball und dem wahren Leben geworden.

Hinweis

Köbi Kuhn – Die Autobiografie, Orell Füssli Verlag. Erscheint am 18. April. Preis ca. 32 Franken.

Ex-Nati-Trainer Köbi Kuhn als Kind missbraucht

(sda) Der frühere Fussballspieler und Ex-Nati-Coach Köbi Kuhn ist laut eigenen Angaben als Kind von einem älteren Vereinskollegen sexuell missbraucht worden. Dies schreibt der 75-Jährige in seiner Autobiografie, von der der «Blick» am Dienstag einen Auszug publiziert hat.

Als Frischling bei seinem ersten Verein habe sich ein älterer Kollege mit ihm angefreundet, schreibt Kuhn. Dieser sei nett zu ihm gewesen und habe ihn eines Nachmittags zu nach Hause eingeladen. Törichterweise sei er mitgegangen. «Denn als wir allein waren, hat er mich benutzt, um sich selbst zu befriedigen, und mich gezwungen mitzumachen.» Wann, wo genau und durch wen es zum Missbrauch kam, dazu machte Kuhn keine Angaben. Er wagte es den Angaben zufolge jahrzehntelang nicht, über den Vorfall zu sprechen. «Ich stand unter Schock, war eingesperrt in der fremden Umgebung und konnte mich nicht wehren. Danach habe ich mich geschämt und gefürchtet, was wohl passieren würde, wenn meine Eltern oder der Trainer etwas erfahren.»

Als 2016 derartige Fälle von Missbrauch im Fussball mehrfach in den Schweizer Medien geschildert worden seien, habe er nicht mehr länger schweigen können. «Das Schicksal dieser Kinder berührte mich zutiefst. Ich habe meiner Frau von meinem traumatischen Erlebnis erzählt.» Danach konfrontierte Kuhn laut eigenen Angaben die Klubverantwortlichen mit seiner Geschichte. Dabei sei er auf taube Ohren gestossen. «Man hat mich abgekanzelt, hinterfragt, warum ich erst jetzt, nach all den Jahren, komme.» Er wolle mit seiner Geschichte allen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass niemand vor so einer Tat gefeit sei. Der in Zürich-Wiedikon geborene Jakob «Köbi» Kuhn zählt zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Fussballspielern der Schweiz in den 1960er und 1970er Jahren. Der Mittelfeldspieler stand 17 Jahre lang für den FC Zürich auf dem Platz und kickte von 1962 bis 1976 auch für die Nationalmannschaft. In den 1990er Jahren wechselte er ins Trainergeschäft. Als Höhepunkt trainierte er von 2001 bis 2008 die Nati.

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