Selina Büchel nach einer durchzogenen Saison: «Laufen ist ein Spiel»

Nach einer durchzogenen Saison spricht die Toggenburger 800-m-Läuferin Selina Büchel über die fehlenden zwei Sekunden, über Säure in den Beinen – und die Leiden in der Nacht nach einem schnellen Rennen.

Interview: Ralf Streule
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Selina Büchel schloss ihre Saison vergangene Woche bei «Weltklasse Zürich» ab. (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus)

Selina Büchel schloss ihre Saison vergangene Woche bei «Weltklasse Zürich» ab. (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus)

Die Final-Qualifikation an der EM in Berlin war Selina Büchels Saison-Höhepunkt. An ihre Bestzeit von 2015, den Schweizer Rekord in 1:57.95 Minuten, kam sie aber bei weitem nicht heran. Die 27-Jährige schaut auf eine schwierige Saison zurück.

Selina Büchel, zuletzt war in der NZZ zu lesen: ‹Büchel muss sich Fragen stellen.› Stehen Sie an einem Wendepunkt in Ihrer Karriere?

Ich sehe das nicht so dramatisch. Es war nicht die erhoffte Saison. Ich denke aber nicht, dass ich auf dem falschen Weg bin. Ich bin reifer geworden. Und ich habe an der EM Rennen auf taktisch und mental hohem Niveau gezeigt.

Dennoch: Der Abstand zur Weltspitze wurde grösser. Sie blieben nie unter zwei Minuten. Gibt es Gründe?

Es ist wie immer im Sport: Es gibt keine eindeutige Erklärung. Man kann auch nicht sagen: ‹Mache alles wie 2015, dann wirst du wieder schneller.› Ich bin an einem ganz anderen Punkt. Eigentlich ist mein Grundniveau besser als damals. Nach einer Pause werde ich mich mit den Trainern hinsetzen, die Saison analysieren. Da möchte ich nicht vorgreifen.

Ist eine Veränderung im Trainingsumfeld denkbar?

Die eine oder andere Änderung im Trainingsplan gibt es bestimmt. Beim KTV Bütschwil und den aktuellen Trainern fühle ich mich aber bestens aufgehoben.

Fühlt sich das Laufen für Sie anders an als vor drei Jahren?

Das Wettkampfgefühl ist ähnlich. Doch durch die Atemprobleme, die ich 2017 und nun in diesem Sommer wieder hatte, ist das Training mental härter geworden. Ich hatte Zweifel, ob ich an der EM teilnehmen kann. Danach freute ich mich extrem auf die Läufe, konnte sie geniessen wie selten. Deshalb war es keine schlechte Saison für mich. Ich nahm die Wettkämpfe als Spiel.

Selina Büchel nach dem Rennen an den European Championships. (Bild: Keystone)

Selina Büchel nach dem Rennen an den European Championships. (Bild: Keystone)

Als Spiel?

Das ist ja das Zentrale in meinem Sport: 800-m-Läufe sind ein Spiel. Nicht nur die Schnelligkeit, auch das Taktische entscheidet. «Weltklasse Zürich» von vergangener Woche war ein Beispiel. Ich ging das Rennen langsam an, versuchte eine neue Taktik. Es war grossartig, auf den letzten Metern im Weltklassefeld aufzuholen. Darauf kann ich aufbauen.

Den EM-Final in Berlin waren Sie sehr schnell angegangen.

Der Vorlauf und der Halbfinal hatten mir ein gutes Gefühl gegeben. Es war aber schwierig einzuschätzen, wie mein Körper auf ein offensives Rennen reagieren würde. Der Kick, den es brauchte, um mich an die Spitze zu setzen, war dann zu viel. Hoppla, dachte ich nach 200 Metern, ich spüre schon das Laktat. Auch wenn das Rennen dann langsamer wurde, fühlte ich mich am Schluss völlig leer. Zuviel Laktat heisst: Am Ende geht schlicht nichts mehr.

Zu welchem Zeitpunkt spüren Sie das Laktat in einem idealen Lauf?

Überhaupt nicht. Die Übersäuerung kommt zwar, aber ich nehme sie nicht wahr. In den EM-Vorläufen war das so. Dass ich das Laktat spüre, ist sogar eher die Ausnahme. Und auch dann versuche ich, es auszublenden.

Schauen Sie während Rennen auf die Zeitanzeige, oder laufen Sie nach Gefühl?

Die Zeit ist an sich irrelevant für die Taktik in einem Rennen. Dennoch schauen alle auf die Anzeigen, bei 200 wie auch bei 400 Metern. Kürzlich in Rovereto war nur eine Uhr aufgestellt. Das irritierte die Läuferinnen.

Legen Sie Ihre Taktik schon im Vorneherein fest?

Man überlegt sich Szenarien. Man weiss viel über die Gegnerinnen. Welche wird was tun? Das ist ein spannendes Werweissen. Man muss im Rennen aber schnell umstellen können.

Sprinter reden von einem Tunnel, in den sie abtauchen.

Das gilt nicht für 800-m-Läufer. Sie sind zwar fokussiert, bleiben aber stets auf Empfang.

Welche Taktik verfolgten Sie bei der Bestzeit in Paris 2015?

Ich lag zwischen zwei Gruppen, lief zunächst alleine mein Tempo, dann konnte ich aufschliessen, da die Pacemakerin verlangsamte. Als ich dran war, ging’s wieder schneller. Es lief perfekt.

Spürten Sie im Nachgang, dass Sie schneller gelaufen waren denn je?

Direkt nach dem Rennen nicht. Die Übelkeit nach dem Lauf war sogar kleiner als sonst. Aber ich spürte in der Nacht, dass ich mehr an die Grenze gegangen war denn je. Die Beine schmerzten, ich konnte nicht schlafen.

Beinschmerzen, Übelkeit. Ihr Sport tönt schrecklich.

(lacht)

Ich weiss dann: Ich habe alles gegeben, das ist ein gutes Gefühl. Die Übelkeit ist nicht ­immer gleich stark, massgebend ist das Tempo auf den ersten 300 Metern. Es geht fast allen gleich: Die Übelkeit setzt nach einer halben Stunde ein. Ich bin froh, wenn ich bis dann die Interviews hinter mir habe.

Welche mentalen Tricks gibt es, um vor dem Ziel trotz sauren Beinen noch zulegen zu können? Man kennt den Rat an Kinder, sich vorzustellen, ein Löwe verfolge sie.

Ich stelle mir eher vor, ich erhielte Extraenergie und Flügel beim Anblick des Ziels. Alles was ich habe, geht da rein.

Arbeiten Sie mit einem Mentaltrainer?

Seit kurzem, ja. Da geht es um Denkweisen, um das Erreichen des Flow-Zustands. Das schaffe ich mit Freude, klaren Gedanken, mit Fokus und Lockerheit.

Die 27-Jährige an der Atheltissima in Lausanne. (Bild: Keystone)

Die 27-Jährige an der Atheltissima in Lausanne. (Bild: Keystone)

Gibt es Statistiken, in welchem Alter eine 800-m-Läuferin am stärksten ist?

(lacht)

Worauf wollen Sie hinaus? Wir sagen immer, etwa um 25 ist das ideale Alter. Man wird sehr schnell von einer jungen Läuferin zu einer, sagen wir, nicht mehr so jungen Läuferin. Da ich eher spät mit intensivem Training angefangen habe, nehme ich aber an, dass ich noch länger weit vorne mithalten kann.

Nun machen Sie drei Wochen Pause. Wie viele Tage ohne Sport halten Sie aus?

Ich reise mit Freundinnen ins Engadin, zum Wandern. Ich mache dort so wenig Sport als möglich. Aber Bewegung braucht es schon.

Was passiert, wenn Sie sich nicht bewegen?

Dann werde ich zickig. (lacht) Doch ich habe endlich gelernt, auch mal herumzuliegen. Die Erholung ist zentral.