LANGLAUF: Die Zuversicht ist zurück

Die vergangene Saison von Jonas Baumann endete in einer Sackgasse. Der 27-jährige Bündner fühlte sich so ausgebrannt, dass er keinen Sinn mehr sah in seinem Tun. Auf dem Weg zurück lernte er viel über sich selbst.

Ralf Streule, Davos
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Jonas Baumann: «Ich habe gemerkt: Es wird ungern darüber geredet.» (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Jonas Baumann: «Ich habe gemerkt: Es wird ungern darüber geredet.» (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Ralf Streule, Davos

Wo steht man zu Beginn der Olympiasaison? Diese Frage wird an der Langlauf-Medienkonferenz in Davos vor allem dem Teamleader Dario Cologna gestellt. Um seinen Tisch scharen sich an die 15 Journalisten. Nebenan nimmt ein anderer Spitzensportler im kleineren Kreis zur selben Frage Stellung. «Bei 85 Prozent vielleicht», sagt Jonas Baumann, und er weiss selber: Es ist viel – angesichts des schweren Jahres, das der Bündner hinter sich hat. Er hatte sich im Fühling kurzzeitig ganz andere Fragen stellen müssen: Wo überhaupt stehe ich im Leben? Und was passiert mit meiner einst so grossen Leidenschaft, dem Langlaufen?

Nach Verletzungen war der 27-Jährige vor einem Jahr mit Trainingsrückstand in den Winter gestartet. Und ausgerechnet als die Resultate besser wurden und er sich aufmachte, die zweitbeste Kraft des Männerteams zu werden, konnte er damit nichts mehr anfangen. Ein elfter Platz beim Weltcuprennen über 10 km klassisch in Otepää? – Ihm war’s egal. «Meine Freundin bemerkte es als erste: Ich war völlig leer.» Dennoch startete er an der WM in Lahti. «Der Körper funktioniert noch lange, auch wenn der Kopf nicht mehr bei der Sache ist.» Er belegte am WM-Skiathon den 13. Rang, zudem gehörte er zur Staffel, die auf den vierten Rang lief – und war am Ende fast froh, nicht auf dem Podest gelandet zu sein. «Ich hätte nichts gespürt.» Neben den harten Trainings, in denen er nach den Verletzungen oft zu viel wollte, war während der Saison auch die schulische Belastung zu gross geworden. Baumann studiert in Chur Sportmanagement. Er war ausgelaugt – die Erschöpfungsdepression hatte sich breit gemacht.

Baumann will das Tabu brechen

Wie weiter? Die Teamchefs empfahlen Ende Saison etwas längere Ferien, etwas mehr Ruhe, doch richtig ernst schien es im Betreuerstab keiner zu nehmen. «Ich habe gemerkt: Es wird ungern darüber geredet.» Er selbst wollte darüber sprechen, tat dies im Freundeskreis. Und er wollte das Tabu brechen – und gewährte der «Schweizer Illustrierten» ein längeres Interview, ein Artikel über seine Depression erschien. «Die Geschichte gehört zu mir, weshalb soll ich das verheim­lichen?» Er will anderen Mut ­machen, die Ähnliches erleben: «Man ist auf sich alleine gestellt und merkt oft spät, dass man Hilfe braucht.»

Auch nach Wochen ohne Sport war das trübe Gefühl noch immer nicht verschwunden. «Es war ungewiss, ob meine Karriere weiter geht. Ich verspürte keine Lust auf Sport. Da beginnst du dir Fragen zu stellen. Ich wusste nicht, ob die Freude je wieder zurückkommen würde.» Baumann vertraute sich dem Verbandsarzt und dem Sportpsychologen an – letztlich wurde ein externer Psychiater beigezogen, mit seiner Hilfe beginnt sich Baumann wieder wohler zu fühlen – oder genauer gesagt: Er beginnt, sich überhaupt wieder zu spüren.

Unterdessen steht er vielleicht bei eben jenen 85 Prozent. Er hat gelernt, wie er mit der Energie haushälterischer umgehen kann. Im Sommertraining hiess die Devise: weniger Umfang, mehr Intensität. Dafür standen mehr Velotrainings an, wie er es in Juniorenzeiten so liebte. Den Schulstoff verteilt er über mehrere Semester. Nach dem Saisonstart im finnischen Ruka in zwei Wochen will er die Rennen in Lillehammer auslassen, um für den Weltcup Davos bereit zu sein.

«Ich nehme mir die Freiheit, Trainings sausen zu lassen»

Baumann, der in Lohn bei Thusis aufgewachsen ist und heute in Davos lebt, hat also gelernt, besser auf sich selber zu hören – und damit auch etwas weniger auf die Vorgaben des Trainerteams. «Ich nehme mir die Freiheit, auch mal eine Einheit sausen zu lassen.» In seinen Worten ist auch eine ­ Kritik am Leistungssport-Zirkus ­herauszuhören. «Die Verbände zeichnen sich über den Erfolg der Athleten aus. Die Sportler werden aber einseitig über die Leistung definiert. Der Mensch dahinter geht vergessen.» Er sei sich nicht sicher, ob das Team den Ernst der Lage damals erkannt habe. Was er aber ebenfalls festhalten will: Die Stimmung im Schweizer Team sei gut, es habe ihm in schweren Momenten Kraft gegeben.

Trotz dem etwas zurückhaltenderen Training fühlt sich Baumann auf Kurs, die Leistungstests seien «ganz okay» gewesen, die Laktattests sogar überdurchschnittlich. Auch wenn er sagt: «Das sind nur Zahlen. Es ist eine Momentaufnahme.» Wichtiger ist: Baumann kann wieder von einer schönen Aussicht auf einer Velofahrt schwärmen. Und, fast noch wichtiger: Das Gefühl nach einem guten, harten Training erfülle ihn wieder mit Freude.