Laien haben schwere Beine

Die vierte Tour-de-Suisse-Etappe führt heute von Flims nach Schwarzenbach, quer durch die Ostschweiz. Gestern schon auf den Weg gemacht hat sich ein Sportredaktor. Um zu merken: Was Profis Flachetappe nennen, ist nicht flach. Und: Der Laie neigt dazu, seine Leistung schönzureden.

Ralf Streule
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Der Anstieg von Bazenheid nach Kirchberg könnte heute die Entscheidung bringen: Die Profis absolvieren den steilen Stutz in der Endphase des Rennens dreimal. Der Etappen-Vorkoster tat es gestern nur ein halbes Mal – und kam da schon an seine Grenzen. (Bild: Urs Bucher)

Der Anstieg von Bazenheid nach Kirchberg könnte heute die Entscheidung bringen: Die Profis absolvieren den steilen Stutz in der Endphase des Rennens dreimal. Der Etappen-Vorkoster tat es gestern nur ein halbes Mal – und kam da schon an seine Grenzen. (Bild: Urs Bucher)

RAD. Angekündigter Dauerregen, Werkverkehr, alle paar Kilometer lange Baustellen. Nein, an diesem Montagmorgen ist niemand auf dieselbe Idee gekommen wie der Sportredaktor, der sonst eigentlich Fussball und Langlauf seine Lieblingssportarten nennt. Einsam sitzt er im Postauto, von Chur hinauf nach Flims, neben ihm das ausgeliehene Top-Rennrad, mit dem der Postauto-Chauffeur gerade eben Mitleid hatte. Kein Velo gehöre an solchen Regentagen auf die Eisenbügel am Heck des Busses, sagt er. Es dürfe mit ins Innere. Ausnahmsweise. Der Chauffeur ahnt nicht, dass es bald stundenlang verregnet wird: auf der Testfahrt auf den Spuren der Tour-de-Suisse-Profis. 30 Stunden vor den Cracks geht es los. Viel langsamer, natürlich. Aber, fairerweise gesagt, auch ohne Windschatten und Rundumbetreuung.

Man ist Spreu, nicht Weizen

Vierte Etappe, Flims–Schwarzenbach. So heisst die Herausforderung. Wie es bei der Planung zu dieser Etappe gekommen ist, erzählt am Abend zuvor David Loosli, ehemaliger Radprofi und heute Sportlicher Direktor der Tour de Suisse. Der Endpunkt, Schwarzenbach, sei zuerst festgestanden. Flims liege in idealer Entfernung. Hätte man im Tessin am gestrigen Zielort Olivone weitergemacht, wäre die Etappe zu lang geworden: Lieber baue man am Ende publikumswirksame Zusatzschlaufen ein – wie heute rund um Wil.

193 Kilometer werden die Profis stemmen, 2000 Höhenmeter dazu. Dennoch reden sie, die Profis, von «Flachetappe». «Es ist zumindest eine Etappe, bei der die Sprinter ihre Chance haben», sagt Loosli. Und bei der keine grossen Verschiebungen im Gesamtklassement zu erwarten seien – wo sich also die Spreu noch nicht vom Weizen trenne.

Spreu oder Weizen? Natürlich gehört der Testfahrer zum ersten. Aber: Vielleicht könnte er heute auf den ersten zwölf Kilometern mithalten. Von Flims bis Domat/Ems wird das Rennen neutralisiert – ein voran fahrendes Fahrzeug darf nicht überholt werden. So sollen ungestüme Überholmanöver zu Beginn in der Abfahrt vermieden werden.

Regen ändert Rennzeit kaum

50 km/h sind auch beim Anfänger schnell erreicht, beim Durchpflügen von Regenpfützen ein ungutes Gefühl. Dazu kommen aufgerauhte Strassenbeläge, die die Hände am Lenker erzittern lassen. Längst sind die Kleider durchnässt. Sobald das Regenwasser aber wohlige Körpertemperatur angenommen hat, ist das Problem behoben. Das Gefühl unten in Domat/Ems ist wunderbar. «43,5 km/h» steht auf der Anzeige. Mit diesem Durchschnittswert könnte man mit den Profis mithalten, die voraussichtlich 41 Kilometer in der Stunde schaffen werden. Noch ist man im Soll, und im Windschatten wäre alles noch einfacher, macht sich der Velofahrer vor. Und erst der Regen, der bremst! Loosli dämpft die Hoffnungen: «Regen macht auf die Rennzeiten wenig aus. Entscheidender ist der Rennverlauf.»

Gibt es auch auf einsamer Laien-Tour so etwas wie einen Rennverlauf? Kaum. Es ist eher der Lauf der Gedanken, der seltsame Wege nimmt. Vor Sargans – der Schnitt ist unter 30 km/h angekommen – kommt das Schloss am wolkenverhangenen Berg ins Blickfeld. Interessieren sich Radprofis für geschichtliche Hintergründe aus den befahrenen Regionen? Wie wäre es, wenn über Funk nicht nur Zeitabstände an die Fahrer weitergegeben würden, sondern, wie bei einem Touristenausflug, historische Infos über das Schloss? Zeit für eine Pause, der Kopf wird müde, die Gedanken unkontrolliert.

Der Dschungel vor Wildhaus

Doch: Die Mittagspause ist erst verdient, wenn der Bergpreis der zweiten Kategorie besiegt ist: Gams–Wildhaus. Für Profis ein Halbstundenfährtchen, der Etappen-Vorkoster braucht für die neun Kilometer und 600 Höhenmeter das Doppelte. Dafür passiert hier der magische Moment: Die Autos scheinen nach 12 Uhr aus dem Verkehr gezogen, zu hören ist im dichten Wald nur das Prasseln des Regens und das Rauschen des Bachs. Leuchtendes Grün, Nebelschwaden, Dschungel-Gefühl. Plötzlich ist man der Ausreisser, weit vor dem Feld, der mit Riesentritten dem Bergpreis entgegenrast. «9 km/h». Die Geschwindigkeitsanzeige ernüchtert. «Eine Etappe für Sprinter», fährt es durch den Kopf. Ernüchterung und Bewunderung werden gross und grösser. Der Blick schweift in den Regenwald. Erst Tafeln wie «Toggenburg – klingt gut» oder «Gamplüt – für alli Lüt» bringen einen zurück in die Ostschweiz. Oben gibt's Zmittag, Kleiderwechsel. Und die Aussage der Bedienung, dass man der erste Velofahrer sei an diesem Tag.

Das Toggenburg ist lang

Das Toggenburg zieht sich in die Länge, wenn die Beine müde und nass sind. Unterwasser – welch passender Name! –, Stein, Ebnat-Kappel. Die Zusatzschlaufen liegen längst nicht mehr auf dem Programm. Und würde der Fotograf einen nicht zum Aufstieg hoch nach Kirchberg bitten, hätte man auch diesen ausgelassen und den direkten Weg nach Wil genommen.

130 Kilometer sind es geworden – in fünf Stunden. Etwas weniger lang werden Fabian Cancellara und Co. brauchen, für 60 Kilometer mehr. Sie starten nach 13 Uhr in Flims, drehen von 16 bis 18 Uhr bereits ihre Runden in Wil. Sie werden immer wieder sprinten, vor allem am Ende. Und morgen werden sie wieder aufs Velo steigen. Dann steht die 237-km-Königsetappe an nach Sölden. Eine richtige Etappe.

Der Laie wird seine schweren Beine hochlagern. Und die Profis im Fernsehen noch etwas mehr bewundern als zuvor schon.