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LÄNDERSPIEL: "Ich war ein Angeber mit Sonnenbrille und schnellen Autos"

Valon Behrami hat sich vom Aussenseiter zum Häuptling des Schweizer Nationalteams gewandelt und sein rebellisches Wesen abgelegt. Er sagt, dass er den jungen Valon verabscheue. Doch gehört dieser ebenso zu seiner Geschichte wie die Flucht aus Kosovo.
Christian Brägger, Feusisberg
Valon Behrami: "Wenn ich spiele, dringt die kosovarische Mentalität durch." (Bild: Melanie Duchene (Melanie Duchene))

Valon Behrami: "Wenn ich spiele, dringt die kosovarische Mentalität durch." (Bild: Melanie Duchene (Melanie Duchene))

Christian Brägger, Feusisberg

Valon Behrami, als Bub sollen Sie ein guter Geländeläufer gewesen sein.

Ich war in meiner Jugend tatsächlich viermal Tessiner Meister im Crosslauf. Aber der Läufer hat nur dann Spass, wenn er Rennen gewinnt. Dafür arbeitet er die ganze Woche. Im Fussball habe ich täglich Freude – also habe ich den richtigen Entscheid getroffen. Dennoch war es im Läuferteam toll. Meine Familie besass damals den Flüchtlingsstatus, und der Verein hat ein Schreiben aufgesetzt gegen unsere Ausschaffung. Ich spürte Bestätigung, etwas richtig gemacht zu haben. Sonst hätte es dieses Schreiben wohl kaum gegeben.

Wenn Sie heute die Flüchtlingsströme auf der Welt sehen – was denken Sie als ehemals selber Betroffener?

Ich sehe viele Menschen in kritischen Situationen. Aber es gibt auch Leute, die einfach ein besseres Land suchen, die Flucht aber vielleicht nicht nötig hätten, weil sie sich nicht im Krieg befinden. Eines aber ist gewiss: Wir müssen mehr helfen – weil wir ein gutes Leben haben.

PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
PK und Training Schweiz. Nationalmannschaft (Bild: Michel Canonica)
15 Bilder

Training der Schweizer Nati im Kybunpark

Warum tun wir es nicht?

Solange in unserer Nähe nichts Dramatisches passiert, bleiben wir verschlossen. Genau das ist das Problem vieler Menschen, dass jeder nur an sich denkt. Diese Denkweise gibt es heute sogar innerhalb von Familien.

Ihre Familie hat im Krieg in den 1990er-Jahren alles verloren, Ihr Cousin und ein Onkel sind gefallen. Schauen Sie denn für Ihre Leute?

Ich habe das im Kosovo getan, ja. In den ersten Jahren meiner Karriere habe ich fast mein ganzes Gehalt in den Wiederaufbau von Wohnungen und Häusern der Verwandten gesteckt. Als sich ihre Situation entspannte, habe ich gesagt: Jetzt müsst ihr wieder für euch selber schauen und arbeiten. Ich wollte helfen, dank dem Fussball war das möglich.

1990 wurde Ihr Vater von serbischen Polizisten zusammengeschlagen, die Familie floh...

... es war, wie wenn Fremde in dein Haus eindringen und machen, was sie wollen. Als das passierte, wollte er nur noch weg. Das brauchte viel Mut, weil wir ja nichts anderes kannten als die Heimat. Die Schweiz war uns fremd. In meiner Geburtsstadt Mitrovica hatte ich das beste Leben, konnte mich austoben, es gab viele Kinder, die Grossmutter war da. Es war nicht leicht, in die Schweiz zu gehen. Wir kannten ja nicht einmal das Essen dort, es schmeckte uns anfänglich auch nicht. Plötzlich bist du zu viert im Tessin in einem kleinen Zimmer, mit Mutter, Vater und Schwester. Einen Monat später hatten wir eine kleine Wohnung, ich war zufrieden. Vor allem, weil meine Mutter wieder unser Essen kochen konnte.

Sind Sie von den Eltern beeindruckt?

Sehr. Sie hatten ein schweres Leben. Stellen Sie sich vor, Sie können zehn Jahre lang nicht in die Heimat zurück. Dort herrscht Krieg, und man weiss nicht, was genau vor sich geht. Und trotzdem muss man in der Fremde funktionieren, weil man da unter politischem Druck steht.

Beschäftigen Sie sich mit Politik?

Ich bin eigentlich nicht politisch. Ich habe viele Dinge gesehen im Leben und traue den Politikern nicht. Oft kommen neue Gesichter an die Macht, aber nichts verändert sich. Mit Kosovo müsste es aufwärtsgehen, alles ist neu aufgebaut worden. Aber es herrscht Stillstand, jeder denkt für sich, es gibt Korruption. So fällt es schwer, Vertrauen zu fassen.

Im Fussball nehmen Sie aber pro­blemlos eine Führungsrolle ein.

Im Fussball ist es einfacher, mit Erfahrung ist vieles möglich. Seit ich nicht mehr nur an mich denke, ist vieles besser geworden. Das Team respektiert mich, weil ich heute fast am Ende meiner Karriere stehe und die Mitspieler spüren lasse, dass ich es gut mit ihnen meine.

Hat der Fussballer falsche Freunde?

Ja, vor allem wenn er jung ist. Im Umfeld eines Fussballers lebt es sich gut. Ich selbst bin viel vorsichtiger geworden, nicht wie früher. Heute bewegen sich in meinem Kreis fast nur Jugendfreunde.

Was würde passieren, wenn Ihre Tochter Isabel oder Sofia den jungen Valon als Freund nach Hause bringt?

Das gäbe sofort Probleme. Ich weiss ja, wie sich dieser Valon verhalten würde. Er war nicht korrekt.

Mögen Sie den jungen Valon nicht? Er hat immerhin in der Barrage 2005 gegen die Türkei ein Tor erzielt.

Damals ging alles zu schnell für mich, ich war jung, in aller Munde und flog zu hoch. Ich stand neben mir, weil ich die Kontrolle über mich verloren hatte. Schnell hatte ich das Image des Angebers mit Sonnenbrille und schnellen Autos. Ich dachte zuerst, dieses Image sei cool und ich könne es kontrollieren, auch wenn es nicht die Werte meiner Eltern waren. Doch ich fand nicht mehr heraus, respektierte nur wenige Leute, auch im Umfeld der Nationalmannschaft. Ich war arrogant. Wenn du dich so verhältst, musst du auf dem Platz stark sein. Doch das war ich nicht. Die Mitspieler mochten mich nicht, ich war ein Aussenseiter. Aber es hat mir auch niemand geholfen.

Wenn jemand bei einem Natitrip von einer Schulreise spräche. Käme von Ihnen eine Reaktion?

Das war meine Aussage, sie war ein Fehler. Doch es war der Fehler eines jungen Spielers. Ich würde heute mit ihm reden und mit ihm nach Möglichkeiten suchen, die Situation zu verbessern. Ich habe Zeit gebraucht, bis ich meine Lektion gelernt und alles verstanden hatte.

Was für eine Person sind Sie neben dem Fussballplatz?

Der junge Valon stand stärker auf der kosovarischen Seite. Heute habe ich mehr die Schweizer Mentalität. Es ist eine Mischung. Wenn ich spiele, dringt die kosovarische Mentalität durch, die «Kämpfen bis zum Umfallen» heisst. Neben dem Platz bin ich ruhiger geworden und versuche, jeden zu respektieren.

Haben Sie das Rebellische verloren, weil Sie Vater wurden?

Vielleicht. Aber in meiner Position im Nationalteam darf ich mir keinen Fehler erlauben. Ich trage Verantwortung. Früher sagte ich immer, was ich dachte.

Und heute sind Sie ein Sympathieträger im Schweizer Team.

Die Leute sehen einfach, dass ich alles gebe. Darum verzeihen sie mir nun mehr. Sie sehen meine Qualitäten, meinen Weg, den ich mit der Schweiz gegangen bin und gehen werde bis zu meinem Rücktritt. Es ist nur schade, dass ich diese Reife nicht schon früher hatte. Ich habe in der Nati gute Jahre verschenkt.

Wie sehen Sie die Vertragsverlängerung mit Trainer Vladimir Petkovic?

Das wollten wir alle, es ist ein grosses Signal für uns. Unsere Stimmung ist hervorragend, natürlich sind die Resultate auch gut. Wir haben mit Petkovic einen Sprung gemacht. Trotz EM-Aus im Achtelfinal ist das deutlich zu sehen.

Ihre ältere Tochter hat Sie ja danach zum Weitermachen überredet.

Ein Rücktritt wäre in der Tat zu früh gekommen. Doch ich war müde, körperlich am Anschlag und traurig nach dem Aus.

Man sagt, Flüchtlingskinder würden oft davonrennen. Sie haben zehn Clubwechsel hinter sich. Gibt es da einen Zusammenhang?

Ich denke nicht. Der letzte Transfer von Watford zu Udinese war beispielsweise ein Entscheid für die Familie. Der Rhythmus in England war zu intensiv, für meinen Körper ist Italien besser. Mich macht es stärker, wenn ich den Verein öfters wechsle. Weil ich dann immer wieder bei null starte. Nach zwei, drei Jahren brauche ich neue Herausforderungen; ich kann sonst die Motivation nicht hoch genug halten.

Warum sind Sie letztlich nicht in Sitten gelandet?

Es wäre eine gute Möglichkeit gewesen, in die Schweiz zurückzukommen. Aber ich bin 32 Jahre alt, hatte noch einen guten Vertrag mit Watford. Ich wollte finanziell nicht zu grosse Abstriche machen. Sion hat sich bemüht, alles richtig gemacht, aber letztlich kamen sie zu spät.

Nun sind Sie bereits 32 Jahre alt, hatten viele Verletzungen. Werden Sie im Alter noch gehen können?

Ich hatte viele körperliche Probleme. Ich denke, ganz ohne Operationen wird es im Alter schwierig werden für mich. Aber es war es mir wert, immer alles für den Fussball zu geben.

Sie wirken zwar entspannt, kauen aber ständig auf Ihren Fingernägeln. Weshalb?

Ich und entspannt? Nein, ich bin immer nervös. Nervös heisst bei mir, dass es gut ist. Wenn ich zu entspannt bin, ist das nicht gut für mich.

Vor dem heutigen Andorra-Spiel in St. Gallen werden Sie nervös sein?

Ich weiss, was ich tun muss. Aber gegen Andorra werde ich wohl nicht von Anfang an spielen, ich habe körperlich noch ein wenig Rückstand. Ich trainiere ja noch nicht lange mit Udinese, und davor schuftete ich in England für mich allein.

Also sehen Sie die Kinder nicht oft?

Es geht. Am Montag war es sehr schwierig. Sie wohnen in Lugano, ich hatte sie mehr als drei Wochen nicht gesehen, weil ich ja im Ausland war. Als ich kam, haben beide Mädchen in meinen Armen geweint. Doch ich musste drei Stunden später bereits wieder weg zum Nationalteam. Das geht schon ans Herz. Aus Protest hat Isabel gesagt, sie werde in der Schule mit niemandem mehr reden.

Wickeln Sie Ihre einjährige Tochter?

Nein. Ich habe nur bei Sofia alles gemacht. Man muss wissen: Meine Töchter sind ein wenig aggressiv, sie haben diese Seite von mir geerbt. (lacht)

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