Der Appenzeller Mehrkämpfer Simon Ehammer: «Ich habe mich schon oft selbst überrascht»

Der U20-Europameister Simon Ehammer ist Perfektionist. Doch nur mit Lockerheit erreicht der 20-jährige Mehrkämpfer seine Ziele. Ein Balanceakt.

Raya Badraun
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Simon Ehammer ist der beste U20-Zehnkämpfer Europas.

Simon Ehammer ist der beste U20-Zehnkämpfer Europas.

Hanspeter Schiess

Nach der U20-EM im vergangenen Sommer blieb es ruhig um Simon Ehammer. Er bekam zwar Anfragen von Colleges aus den USA, die er dankend ablehnte. Viel mehr Aufmerksamkeit in den Medien gab es für den Appenzeller Mehrkämpfer, der soeben Europameister geworden war, aber nicht. «Es ist wahrscheinlich besser so», sagt Ehammer. «Dann muss ich niemandem Rechenschaft ablegen.» Der bald 20-Jährige hat eben sein Training mit dem TV Teufen im Athletik-Zentrum hinter sich. Zwei 100-m-Sprints machte er zum Abschluss. Nun sitzt er am Rande der Rundbahn und spricht über seine Pläne.

Die Erwartungen und Ziele sind hoch. Es sind vor allem seine eigenen. Alleine in dieser Hallensaison möchte er den Schweizer U23-Rekord im Siebenkampf und im Weitsprung holen, wenn möglich auch noch diejenigen bei der Elite. Einen Anlauf nimmt er an diesem Sonntag beim Hallenmeeting im Athletik-Zentrum, wo er über 60 m, 60 m Hürden, im Weit- und Stabhochsprung antritt. Ehammer sagt: 

«Ja, ich stecke mir hohe Ziele. Doch nur so weiss ich, warum ich das alles mache. Und zuletzt habe ich mich oft selbst überrascht.»

Ehammer ist ein Perfektionist, der sich nur mit Bestleistungen zufrieden gibt. Dabei braucht gerade er die Lockerheit, um Grosses zu schaffen. Doch es hat gedauert, bis er das herausgefunden hat.

Aufregen, schreien, weinen – und dann weitermachen

Die Karriere von Simon Ehammer ähnelt jener vieler anderer Athleten. Er nahm am Migros- Sprint teil, dann beim UBS-Kids-Cup – und schaffte es in den Schweizer Final. Dort wurde der TV Herisau auf ihn aufmerksam. So wurde aus dem elfjährigen Ehammer aus Stein ein Leichtathlet. In seiner Jugend hatte er nie eine grosse Verletzung, musste nie lange pausieren. Und er wurde stets besser. Doch er hatte ein Problem. Wenn er einmal keine persönliche Bestleistung aufstellte, einen Wettkampf nicht gewann, dann ärgerte er sich. Nicht nur ein bisschen – und er versteckte es nicht. Ehammer sagt: 

«Damit nervte ich wohl alle auf dem Platz.»

Irgendwann sagten ihm seine Eltern, er solle sich doch zurückziehen, wenn er wieder einmal so enttäuscht sei. Weggehen, an einen Ort, an dem er ganz alleine ist. Aufregen, schreien, weinen – und dann abhaken und weitermachen. «Das war ein erster Schritt», sagt Ehammer. «Doch bis ich gemerkt habe, dass eine Bestleistung nicht immer möglich ist, dauerte es.»

Die Wende brachte schliesslich die U20-WM im finnischen Tampere, die im Sommer 2018 stattfand. Ehammer, damals 18 Jahre alt, reiste als einer von vielen an. Die Medaillen schienen nicht in greifbarer Nähe, als 15. der Jahresweltbestenliste waren zu viele besser als er. «Was willst du machen?», fragte ihn Trainer Karl Wyler beim Einwärmen vor dem Wettkampf. «Persönliche Bestleistung», antwortete Ehammer. So vereinbarten sie, dass sie von Disziplin zu Disziplin schauen, nicht rechnen, nicht überlegen, was wäre, wenn. Was dann passierte, überraschte alle. In acht von zehn Disziplinen stellte Ehammer eine persönliche Bestleistung auf. Die Gesamtpunktzahl übertraf er um mehr als 300 Punkte. Und das Beste: Er gewann Bronze.

Plaudern auf dem Wettkampfplatz

«Der Lauf von damals hat bis heute nicht mehr gestoppt», sagt Ehammer. Er weiss nun, was es braucht: Lockerheit. Wenn er auf seinen nächsten Einsatz im Stabhoch- oder Weitsprung wartet, plaudert er mit seinen Kollegen – und auch Lachen ist ihm wichtig. Es mache einen grossen Unterschied, ob man während des Wettkampfes grimmig schaue oder freundlich. Ehammer sagt:

«Ich habe Freude an dem, was ich mache, und will das auch zeigen.»

Klar, perfekt ist noch nicht alles. Im vergangenen Sommer hatte er Mühe beim Hochsprung. Ein Jahr davor sprang er ohne Probleme über zwei Meter. Nun hatte er eine Blockade, sobald eine Zwei dastand. Auch an der U20-EM klappte es nicht. «Mein Trainer hat mich einen Moment wütend sein lassen», sagt Ehammer. «Dann hat er einen Schlussstrich gezogen.» Fertig, weitermachen. Und plötzlich ging es wieder. Am vergangenen Wochenende übersprang Ehammer in Dornbirn im Hochsprung 2,02 Meter.