HC Ambri-Piotta: «La Montanara»
ist angesagt

In Ambri braust der stärkste Sturm der Liga übers Eis. Und nur in Ambri singen die Spieler die Siegeshymne mit.

Klaus Zaugg
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Die Ambri-Spieler lassen sich nach einem Sieg feiern.(Bild: Michela Locatelli/freshfocus)
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Die "Curva Sud" in der Valascia, dem Stadion des HC Ambri-Piotta (Bild: KEYSTONE/Ti-Press/Samuel Golay)
Ambri-Spieler Jiri Novotny dirigiert die Fans beim Jubel.(Bild: Michela Locatelli/freshfocus)
Anschliessend folgt der obligate Sprung an die Bande vor der Fan-Kurve.(Bild: Michela Locatelli/freshfocus)
Hier zeigt Ambri-Stürmer Marco Müller wie das geht. (Bild: KEYSTONE/Ti-Press/Samuel Golay)
Eine Choreografie der Ambri-Fans.(Bild: Michela Locatelli/freshfocus)
Die Spieler feiern mit den Fans nach einem Sieg. (Bild: KEYSTONE/Ti-Press/Samuel Golay)
Ambri-Trainer Luca Cereda gibt an der Bande vollen Einsatz.(Bild: Marusca Rezzonico/freshfocus)
Dominic Zwerger (links), Dominik Kubalik (Mitte) und Michael Fora jubeln nach einem Tor. (Bild: KEYSTONE/Ti-Press/Samuel Golay)
 Nach einem Sieg stimmen die Ambri-Fans traditionell die Hymne "La Montanara" an. (Bild: KEYSTONE/Ti-Press/Samuel Golay)

Die Ambri-Spieler lassen sich nach einem Sieg feiern.
(Bild: Michela Locatelli/freshfocus)

Nie war Ambri in der neuen Zeit echter, ursprünglicher als in ­diesen Tagen im Januar 2019. Eigentlich genügt es, in knappen Worten die Zusammensetzung des ersten Sturmes zu schildern.

Über die linke Aussenbahn fegt ein Österreicher, so frisch, fesch, freundlich und unkompliziert, dass einem spontan der Text zu einem Lied über das Leben auf der Alm einfällt: «Und du weisst ja meine Hüttn und du kennst ja meine Küh, ja! Aufm Fensterl liegt der Schlüssl, geh, komm eini zu mir». Dominic Zwerger (22).

In der Mitte dirigiert ein kleiner, freundlicher junger Mann mit magischen Händen aus dem nebelverhangenen Unterland. Aus Olten, der Stadt am grossen Fluss, wo sich die Wege der eisernen Bahnen alle kreuzen. Marco Müller (24).

Über die rechte Aussenbahn fliegt der «Peter Pan des Ostens», der «böhmische Blitz». Ein schlaksiger, beinahe fragil wirkender junger Mann. Dominik Kubalik (23).

Dominik Kubalik führt die ­Liga-Skorerliste vor Dominic Zwerger an, und der spielerische Taktgeber Marco Müller folgt auf Position zwölf. Der beste Sturm der Liga.

Wenn wir erklären wollen, warum Ambri die Überraschungsmannschaft der Saison geworden ist, dann müssen wir bloss kurz schildern, wie dieses Trio zu Ambri gekommen ist.

Dominic Zwerger hat eine Schweizer Lizenz, weil er als Junior für den HC Davos gespielt hat. Dann zog er ins ferne Amerika, um dort das Hockeyhandwerk noch besser zu erlernen. Er sagt, er habe nach Abschluss seiner Lehrzeit auch von anderen Klubs Offerten gehabt. Beispielsweise von Lugano und Fribourg-Gottéron. Aber er bekam im Sommer Besuch von den Männern aus Ambri. «Sie haben mir ihre Hockey-Vision erklärt, und ich dachte: Ja, das passt.» Andere hatten halt nur telefoniert.

Marco Müller hat als Junior seine finale Ausbildung beim SC Bern genossen. Dort ist er als unbrauchbar für höhere Aufgaben taxiert worden (so etwas kommt in der grössten Hockeyfirma des Landes öfters vor), und so ist er in Ambri gelandet. Inzwischen ist er einer der besten Schweizer Center. Vielleicht zu klein, zu fragil, um einen WM-Sturm zu dirigieren. Aber perfekt für unsere Lauf- und Tempoliga.

Die drei Säulen der Weisheit

Das sind die drei Säulen der Weisheit Ambris: eine Vision, die begeistert (und Dominic Zwerger dazu gebracht hat, Lugano abzusagen, nach Ambri zu kommen), der wache Geist, der die Talente im Lande erkennt und Marco Müller entdeckt hat, und schliesslich ein globales Netz von Gewährsleuten, die melden, wenn in Böhmen hinten ein Stürmer nur so über die Aussenbahnen fliegt (Dominik Kubalik). So hat Ambri einen Vorsprung gegenüber jenen Sportchefs, die bloss in warmen Büros sitzen und ein wenig herumtelefonieren und im Internet stöbern.

Aber zugleich erklärt uns diese erste Linie eben auch die Mühsal, in einer kargen hochalpinen Urlandschaft fernab der urbanen Zentren eine Hockeyfirma zu ­betreiben. Gelingt es Paolo Duca, die Verträge von Dominik Kubalik, Dominic Zwerger und Marco Müller 2020 zu verlängern, wenn seine Berufskollegen, die in warmen Büros sitzen und ein wenig herumtelefonieren und im Internet stöbern, ihre von Milliardären geäufneten Transfer-Geldspeicher aufschliessen? Wahrscheinlich nicht. Und dann muss Ambris Sportdirektor halt wieder von vorne beginnen. Aber tief im Herzen bleibt die Zuversicht: Spieler kommen und gehen, Ambri aber bleibt bestehen.

Bescheidenheit und Demut

Und dann dürfen wir «La Montanara» nicht vergessen. Die Siegeshymne. Ob die Spieler wohl mitsingen? Ja, sie tun es. Die Magie erfasst alle. «Ich singe mit», sagt auch Marco Müller. Bei der Verabschiedung von den Fans vor der «Curva Sud» nach dem Spiel spüre er noch einmal die Energieströme im Stadion. «Unsere Fans sind einfach unglaublich. Es ist, als habe man Augenkontakt, ich habe so etwas noch nie erlebt.»

Und singt der Trainer auch mit? «Nein, nie», sagt Luca Cereda. Wenn «La Montanara» ertöne, verschwinde er so schnell wie möglich in der Kabine. «Die Siegeshymne gehört den Spielern. Nicht dem Trainer.» Das ist die Bescheidenheit, die Demut, die ewige Weisheit, die hinter Ambris Grösse und Magie stecken. Gelebt von Luca Cereda, einem Sohn der Leventina. Solange diese Bescheidenheit, diese Demut und diese ewige Weisheit leben, geht Ambri nicht unter.