KURZ & KRITISCH

Späte Ehre für einen Uttwiler Zu den zahlreichen Anthologien mit Bodensee-Literatur hat diesen Sommer der Insel-Verlag seine Sammlung «Geschichten vom Bodensee» hinzugefügt.

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Späte Ehre für einen Uttwiler

Zu den zahlreichen Anthologien mit Bodensee-Literatur hat diesen Sommer der Insel-Verlag seine Sammlung «Geschichten vom Bodensee» hinzugefügt. Auf über 200 Seiten begegnet man altbekannten Texten von Emanuel von Bodman, Annette von Droste-Hülshoff, Ludwig Finckh, Hermann Hesse, Norbert Jacques, Dino Larese («Lob des Bodensees»), Jacob Picard, René Schickele, Gustav Schwab und andern. Der Herausgeber, Johannes Winter, scheute sich nicht, auch Romanauszüge nachzudrucken – so von Beat Brechbühl, Horst W. Geissler und Ulrike Längle (aus: «Der Untergang der Romanshorn»).

Die mehrheitlich rückwärts gewandten Erzählungen, Betrachtungen und wenigen Gedichte umspannen somit einen Zeitraum von rund 200 Jahren. Zur inhaltlichen Vielfalt ergibt sich sozusagen von selbst auch eine Entwicklungsgeschichte der Schreibstile – bei Finckh steht in jeder Zeile ein Adjektiv. Dennoch findet der Leser auch Überraschendes in diesem unterhaltsamen Lesebuch.

So etwa in Lisa della Casas «Der Kopfsprung in den See» (1993) oder in Bruno Epples «Der Schatten des Hus» (1991), den er auch im heutigen Konstanz als allgegenwärtig verspürt. Denn: «Für den Dichter ist nichts vergangen, er ist sich der Grausamkeiten früherer Zeiten bewusst.»

Auch aus Zeitungen und Zeitschriften schöpft der Herausgeber, und so kommt denn der Uttwiler Innenarchitekt und Möbelfabrikant Nic Schubert (1906 – 2001) nochmals zu unverhoffter Ehre mit seinem «Uttwil – das Dörfchen der Dichter und Maler». Der Artikel war 1957 in den Bodenseeheften erschienen und in überarbeiteter Form 1986 und 1991 in der Edition Frohsinn Uttwil. Aus dem Dörfchen war schliesslich längst ein stattliches Dorf geworden. Aber es gibt keinen Anthologisten, der sein Heil (sprich: ansprechende Verkaufszahlen) nicht in der Bodenseeidylle zu finden meint, wozu halt Diminutive gehören.

Immerhin gibt es Autoren, die auf die traditionelle Schönfärberei verzichten. So etwa die Steckbornerin Marianne Ulrich mit ihrem originellen «Süsswasserfische» und Hanspeter Wieland aus Salem mit seiner Südlandfahrt «Kurgäscht, Epfel und Dornjeh».

Bruno Oetterli Hohlenbaum

Geschichten vom Bodensee. Insel, Berlin 2012, it 4140