Kurator Zufall

WINTERTHUR. «Les jeux ne sont pas faits»: Zehn Künstler waren vorgesehen für zehn Jahre Oxyd, einer hat abgesagt. Ausgewählt hat sie das Los – und der Zufall hat eine wunderbar reiche Ausstellung ermöglicht, mit zweifacher Thurgauer Beteiligung.

Dieter Langhart
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Zwei Thurgauer im Oxyd Winterthur: Christoph Rütimann betrachtet Judit Villigers «Sternenstaub», im Hintergrund eine Serie seiner Hinterglasmalerei. (Bild: Dieter Langhart)

Zwei Thurgauer im Oxyd Winterthur: Christoph Rütimann betrachtet Judit Villigers «Sternenstaub», im Hintergrund eine Serie seiner Hinterglasmalerei. (Bild: Dieter Langhart)

Die Kunsträume Oxyd hart beim Bahnhof Winterthur-Wülflingen haben sich in zehn Jahren von der Aussenseiteradresse zu einer «attraktiven und anerkannten Bühne für Gegenwartskunst» zwischen Zürich und Bodensee entwickelt, ist im Winterthurer Jahrbuch zu lesen. Es hat recht, das belegt die Jubiläumsausstellung «Les jeux ne sont pas faits».

Das Oxyd hat sich des Zufalls als Kurator bedient – und der Zufall hat gut gewählt, hat zehn von 75 Künstlern aus dem Hut gezogen, die nicht in den vergangenen zwei Jahren im Oxyd ausgestellt haben. Einer hat abgesagt, blieben neun. Unter ihnen sind zwei Thurgauer: Christoph Rütimann aus Müllheim, Judit Villiger aus Stettfurt. Doch einen Besuch lohnen auch die andern sieben, denn die gezeigten Positionen könnten verschiedener nicht sein. Und sind raffiniert gehängt, oft die grosszügigen Räume übergreifend.

Kamera wie auf Rollschuhen

Gleich beim Eingang zeigt Rütimann zwei neue Videosequenzen aus der Reihe «Handläufe»: «Dresden» ist im März entstanden, als er seine Partnerin Zsuzsanna Gahse zu einer Lesung begleitete, «Bodensee» letzten Winter zwischen Altnau und Arbon. Als fahre die Kamera auf Rollschuhen, sehen die rasanten und bei Hindernissen Haken schlagenden Kamerafahrten entlang einer Eisenstange aus.

Rütimann malt wieder vermehrt – und immer hinter Glas. Fast meditativ machen sich die zwei Serien aus, die eine in Rottönen gehalten und grafisch streng, die andere von Gelb ausgehend – und elegant auf weisse Keilrahmen geklebt: ohne Klebstoff, nur von der Farbe gehalten.

Spiel mit der Illusion

Judit Villiger hat die Erde verlassen. Wie ein Kraftfeld hat sie einen spiralförmigen, aber etwas banalen «Sternenstaub» am Fussboden ausgelegt und hat in Vitrinen archäologische Kostbarkeiten gesammelt und fein säuberlich mit Datum und Einschlagsort beschriftet: Meteoriten, die über dem Thurgau niedergegangen sind – auch sie sind aus PU-Schaum geformt.

Renommierte Namen wie Manon (Zürich) sind im Oxyd zu sehen, die Licht-und-Schatten-Spiele aus ihrer Serie «Borderline» zeigt. Raffinierter ist aber ein Philippe Winninger (Zürich), der mit Billigstmaterial arbeitet. Aus Kunststoffbechern baut er einen labilen «Leuchtturm» oder füllt sie mit Flüssigkeiten und organischem Material und fotografiert, wie sich die Inhalte mit der Zeit verändern. Oder Vitoria Pinto (Pfäffikon ZH), die einen «Dehnraum» mit winzigen bis überlebensgrossen Buchstaben füllt und lustvoll (aber nicht neu) mit Wörtern spielt: verwunderbar, nieundimmer, soso dada.

Verspielt bis naiv gibt sich die Malerei der Winterthurerin Katharina Rapp; rhythmisch und ausgewogen sind Pierre Haubensaks Bilder «Gong» und «Mong» – der Zürcher stammt aus einer Musikerfamilie. Heidi Lerch (Zürich) ist strenger geworden, fast konkret, und zeigt grosse Tableaux und Stelen in Schwarz und Weiss.

Sinnestäuschungen sichtbar

Er ist ein Forscher und Sucher und ein Pionier der Arbeit mit Loch- und Stereokamera: Hans Knuchel. Der Zürcher nennt sich drum auch Bildingenieur, nicht Künstler. Sein «Kroki rückwärts» ist Werk- und Lebensrückblick zugleich und macht Sinnestäuschungen sichtbar.

Les jeux ne sont pas faits: Oxyd Kunsträume, Wieshofstrasse 108, Winterthur; Do 17–19, Fr/Sa 14–17, So 11–17 Uhr; bis 29.9. oxydart.ch