KUNSTTURNEN: Steingruber kämpft um Medaille

Giulia Steingruber meldete sich an der WM in Montreal auf der grossen Bühne zurück. Sie zeigte eine starke Qualifikation, womit bereits vor Ende des Wettkampfs klar war, dass sie den Mehrkampf- und den Sprung-Final erreichen wird.

Christian Finkbeiner (sda), Montreal
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Die Gossauerin Giulia Steingruber überzeugte nicht an allen Geräten. Am Boden musste die Europameisterin von 2016 gar das Quadrat verlassen. (Bild: Paul Chiasson/AP)

Die Gossauerin Giulia Steingruber überzeugte nicht an allen Geräten. Am Boden musste die Europameisterin von 2016 gar das Quadrat verlassen. (Bild: Paul Chiasson/AP)

Christian Finkbeiner (SDA), Montreal

Im August 2016 war Giulia Steingruber im Zenit ihrer Karriere gestanden. Nach den zwei EM-Titeln in Bern und dem Gewinn von Olympia-Bronze am Sprung lernte die beste Schweizer Kunstturnerin auch andere Seiten des Lebens kennen. Ende 2016 nahm sie sich eine zweimonatige Auszeit und reiste mit einer Freundin nach Down Under. Zu Beginn des Jahres liess sie sich am rechten Fussgelenk operieren, ehe sie im Februar ein persönlicher Schicksalsschlag ereilte, als ihre körperlich und geistig behinderte Schwester verstarb.

In den vergangenen Monaten folgte der sorgfältige körperliche Wiederaufbau. Geduld war gefragt, um sich Schritt für Schritt wieder der Bestform von 2016 zu nähern. Erst Anfang September gab Steingruber an den Schweizer Meisterschaften in Morges ihr Comeback. Die WM in Kanada sollten zu einem Wiedereinstieg werden, der Blick geht bereits Richtung 2018, das Fernziel lautet Tokio 2020. In Montreal kehrte Steingruber nun 414 Tage nach ihrem verpatzten Bodenfinal in Rio aber eindrücklich in das internationale Wettkampfgeschehen zurück. Im Mehrkampf totalisierte sie 53,132 Punkte, womit sie ihr Mindestziel für diese WM, den Einzug in den Final der besten 24, problemlos schaffte. Und am Sprung turnte sie den Tschussowitina sowie den Jurtschenko mit Doppelschraube sicher in den Stand – so, als wäre sie nie weg gewesen. Mit 14,750 Punkten und Rang zwei in der Zwischenwertung hinter der russischen Titelverteidigerin Maria Paseka wurde Steingruber belohnt, womit sie am Samstag im Sprung-Final um die Medaillen kämpfen wird.

«Der zweite Sprung war nicht ideal»

«Ich bin mehrheitlich zufrieden und froh, dass ich sturzfrei durchgekommen bin», sagte Steingruber. Sie zeigte sich trotzdem auch selbstkritisch: «Der zweite Sprung war noch nicht ideal, aber ich darf mich nicht beklagen.» Erst im Podiumstraining am Sonntag hatte sie entschieden, dass sie den Jurtschenko mit einer Doppelschraube springen wird. «In den Trainings hatte ich gespürt, dass das Gefühl wieder da ist.»

Hommage an verstorbene Schwester

Gut, aber nicht ganz so perfekt wie der Sprung war Steingruber der Auftakt in den Wettkampf am Boden geglückt. Nach der dritten Akrobatik-Bahn musste die Europameisterin von 2016 mit beiden Füssen das Quadrat verlassen, wofür sie mit drei Zehnteln Abzug bestraft wurde. Es war ein kleiner, aber im Kampf um den Einzug in den Final womöglich entscheidender Fehler. Ihre neue Choreografie ist eine Hommage an ihre verstorbene Schwester. «Ich hoffe, ich kann im Mehrkampf-Final die Übung für sie noch schöner machen.»