KUNSTTURNEN: «Ich habe noch Luft nach oben»

Noch nie gewann Giulia Steingruber eine WM-Medaille. Nun bietet sich ihr morgen im Sprungfinal unverhofft die Chance, das ihr noch fehlende Edelmetall zu holen.

Christian Finkbeiner (sda), Montréal
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Die Gossauerin Giulia Steingruber will vor dem Final keine hohen Erwartungen schüren. (Bild: CJ Gunther/EPA)

Die Gossauerin Giulia Steingruber will vor dem Final keine hohen Erwartungen schüren. (Bild: CJ Gunther/EPA)

Christian Finkbeiner (SDA), Montréal

Platz fünf, vier, fünf und sieben lauteten die Klassierungen von Giulia Steingruber an den vergangenen vier WM am Sprung. Sie sind ein Zeichen der Konstanz der schnellkräftigen Gossauerin, die sich schon früh in ihrer Karriere an diesem Gerät in der erweiterten Weltspitze etablierte. Doch während sie an EM dreimal Gold holte und 2016 in Rio de ­Janeiro mit Olympiabronze ihre Karriere krönte, gelang ihr an WM noch nie der Sprung auf das Podest. Immer gab es mindestens drei Athletinnen, die zwar selten schöner, aber meistens noch schwieriger turnten.

Nun eröffnet sich Steingruber morgen im Olympiastadion von 1976 die Möglichkeit, die letzte grosse Lücke in ihrem Palmarès zu schliessen. Als Dritte qualifizierte sie sich hinter der russischen Topfavoritin und Titelverteidigerin Maria Paseka und Jade Carey aus den USA für den Kampf um die Medaillen, in dem auch die 42-jährige Usbekin Oxana Tschussowitina wieder dabei ist. Vier Athletinnen zeigen zwar ein schwierigeres Programm als Steingruber, doch mit Ausnahme der Kanadierin Elsabeth Black ­erhielt in der Qualifikation keine bessere Noten für die Ausführung als sie. Und: «Ich habe noch Luft nach oben», sagte die Ostschweizerin.

Vorbereitung war nicht ideal

Zu hohe Erwartungen will Steingruber aber nicht schüren: «Wichtig ist, dass ich diese zwei Sprünge noch einmal hinstellen kann. Dann sehen wir, was rauskommt.» Dass sie bereits in Montréal wieder bei den Weltbesten mitmischen kann, hatte auch sie nicht unbedingt erwartet. «Die Vorbereitung auf die WM war alles andere als ideal. Es war eine extrem kurze Zeit», ­sagte Steingruber. Erst nach den Sommerferien konnte sie ihren im Januar operierten rechten Fuss wieder voll belasten und das Training am Sprung intensivieren. Nur rund ein Dutzend Mal zeigte sie den Jurtschenko mit Doppelschraube im Training, erst in Montréal entschied sie, diesen überhaupt im Wettkampf zu zeigen. Steingruber bestritt nur die Schweizer Meisterschaften im Einzel und mit der Mannschaft, ehe sie nach knapp 16 Monaten wieder auf die internationale Bühne zurückkehrte. «Für mich war völlig klar, dass ich noch nicht wieder das gleiche Niveau wie in Rio haben werde.» Zumindest am Sprung ist sie ihrer Top-Verfassung aber bereits wieder nahe. «Sie ist eine Kämpferin, hat einen starken Charakter – einfach sensationell», sagte Nationaltrainer Fabien Martin.

Ihren ersten Final bestreitet Steingruber heute im Mehrkampf, den sie dank Platz elf in der Qualifikation erreicht hatte. «Auch hier gibt es noch Verbesserungspotenzial», so Steingruber. Mit einer Steigerung liegt die Egalisierung von Rang sieben, ihrem bislang besten Mehrkampf-Ergebnis an einer WM, in Reichweite.