KUNSTTURNEN: Glitzrige Zirkusshow

Gestern herrschte im Hallenstadion Zirkusstimmung. Am Swiss Cup sprangen Giulia Steingruber und Pablo Brägger federleicht durch die Manege. Am Ende feierten sie den ersten Schweizer Sieg seit 2011.

Raya Badraun, Oerlikon
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Auf Giulia Steingruber ist Verlass. Die Gossauerin, hier am Stufenbarren, bringt ihre Übungen wie immer auf den Punkt.

Auf Giulia Steingruber ist Verlass. Die Gossauerin, hier am Stufenbarren, bringt ihre Übungen wie immer auf den Punkt.

Raya Badraun, Oerlikon

Einmal im Jahr verwandelt sich das Eisfeld im Hallenstadion in eine Zirkusmanege. Mädchen in Glitzerpullis rennen dann durch die Gänge. Überall riecht es nach buttrigem Popcorn. Und die Finger sind klebrig von der Glace, die ein Eisverkäufer mit Bauchladen verkauft. Es gibt an diesem einen Tag sogar eine Band, die das Publikum in Stimmung bringt. Doch zur Musik bewegen sich nicht etwa Clowns oder Tiger, sondern Kunstturner. Beim Swiss Cup fliegen sie federleicht durch die Luft oder tanzen elegant über den Schwebebalken. Die atemberaubenden Übungen – und einzelne Stürze – entlocken den Zuschauern immer wieder ein ungläubiges Uhh oder Ohh.

Gerade am Reck können es die Turner ohne Probleme mit den Zirkusartisten aufnehmen. In halsbrecherischer Art und Weise schwingen sich Pablo Brägger und Oliver Hegi durch die Luft und turnen an der Grenze des Machbaren. Da müssen die jungen Zuschauer ein paarmal die Luft anhalten. Europameister Brägger verschafft ihnen gar eine Schrecksekunde. Nach einem Flugelement rutscht der Oberbürer von der Stange ab und stürzt auf die Matte. Doch so schnell wie er gefallen ist, steht er auch wieder auf und turnt unter lautem Applaus weiter.

Hühnerhaut dank Steingruber

Dank seiner Teamkollegin Giulia Steingruber kann sich Brägger diesen Fehler jedoch erlauben. Am Sprung ist sie wie immer eine Wucht. Den Jurtschenko mit einer Schraube und den Tschussowitina pflanzt die WM-Dritte aus Gossau perfekt auf die Matte. Und am Boden hinterlässt sie mit einer kraftvollen und emotionalen Übung Hühnerhaut. Damit war sie nicht nur der heimliche Star im Hallenstadion, sie erreichte an der Seite von Brägger auch den ersten Rang im Paarwettkampf vor Japan und Schweiz zwei mit Hegi und Ilaria Käslin. Das hat seit 2011 kein Schweizer Duo geschafft.

Es folgt die Schweizer Hymne – und eine Autogrammstunde. Schon kurz nach Ende der Show stehen die Leute im Eingangsbereich des Hallenstadions an. «So will ich auch turnen», flüstert wohl das eine oder andere Mädchen beim Warten der Mutter zu. So federleicht, wie es aussieht, ist es jedoch nicht. Die Turner haben eine lange Saison hinter sich. Der Swiss Cup in Oerlikon ist nun für viele der letzte Auftritt in diesem Jahr. Da fühlen sie sich nicht nur müde und kraftlos. Bei manchen kommen auch noch Schmerzen dazu. «Ich musste fester auf die Zähne beissen, als ich gedacht habe», sagt Steingruber mit Blick auf ihren Fuss. «Doch bei dieser Kulisse konnte ich die Schmerzen gut vergessen.»